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„Wer Akten sucht, der findet noch Akten“

17.05.2022 • 21:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
DDr. Harald Eberl 1961. <span class="copyright">Vorarl­berger Landesarchiv</span>
DDr. Harald Eberl 1961. Vorarl­berger Landesarchiv

Werner Dreier und Meinrad Pichler präsentieren heute zwei NS-Täterbiografien aus dem Band „Menschenverächter“.

Der im März von Werner Bundschuh herausgegebene Band „Menschenverächter“ liefert „einen weiteren Mosaikstein“ in der Vorarlberger NS-Täterforschung. Der Band blickt auf neue Aspekte von acht Tätern, und beschäftigt sich dabei auch mit den Handlungsfeldern und Wirkungsbereichen der Akteure.
Im Theater Kosmos stellen Meinrad Pichler und Werner Dreier zwei Täterbiografien vor. Dabei werden sie auch auf die Arbeit der Historiker eingehen und Einblicke in die Aktensuche liefern. „Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen, wer Akten sucht, der findet noch Akten. Wenn man nichts wissen will, weiß man auch nichts.“, sagt Werner Bundschuh im Interview.

Fehlende Jahre

Bundschuh widmete sich neben dem stellvertretenden Gettokommandanten Josef Hämmerle auch den Lücken der Biografien von Dr. Ferdinand Ulmer. Ulmer wurde nach 1945 in Bregenz Vorarlberger Landesstatistiker, VdU-Politiker, Bundesrat, Landesrat und Universitätsprofessor und Rektor der Universität innsbruck. „Mir ist aufgefallen, dass in den Schriften über ihn die entscheidenden Jahre 1942–45 fehlen. Da war er Institutsleiter in der Reinhard-Heydrich-Stiftung, woran er sich aber nach 1945 nicht mehr erinnern konnte.“ Reinhard Heydrich war Schlüsselfigur bei der Wannseekonferenz, die 1942 die Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen hat.
Hämmerle war im Getto in Litzmannstadt als stellvertretender Gettokommandant in die Massenverbrechen eingebunden. „Von 160.000 im Getto haben nur 800 überlebt, der Rest wurde in Kulmhof und in Auschwitz ermordet und Josef Hämmerle war verschwunden. Die deutsche Justiz hat ihn gesucht, ich hab ihn gefunden, er ist nach Vorarlberg zurückgekehrt, hat in Lustenau, Bregenz Kennelbach und Hard völlig unbeirrt gelebt“, sagt Bundschuh.

Nachkriegsjustiz</strong>

Im Vortrag im Theater Kosmos wird Meinrad Pichler die Blutspuren des Bregenzer und Vetter von SS Reichsführer Heinrich Himmler Herbert Kiene und des aus Höchst stammenden Robert Barth nachzeichnen. Beide waren in Mordeinheiten. Pichler wird zeigen, wie die österreichische Nachkriegsjustiz sehr nachsichtig mit den Tätern umgegangen ist, „die direkt in den Völkermord verwickelt waren“. Werner Dreier erforschte Dr. Harald Eberl. Er war der Bruder des mittlerweile bekannten Euthanasiearztes und KZ-Kommandanten Irmfried Eberl. „Über Harald Eberl“, der als Rechtsanwalt und Multifunktionär an den Schalthebeln der Macht zwischen Politik und Wirtschaft saß und als Aufsichtsratsvorsitzender der Vorarlberger Illwerke für die Zwangsarbeiter der Baustellen mitverantwortlich war, „gab es keinen einzigen Aufsatz“, sagt Bundschuh. Nach dem Krieg wurde Eberl entnazifiziert und erfolgreicher Unternehmer.
Werner Dreier wird in seinem Vortrag auch verdeutlichen, warum die akribische Aktensuche und Aufdeckung der NS-Verstrickungen von Harald Eberl so lange dauerten.