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Gewalt, Blut und Überforderung

19.05.2022 • 19:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">ANJA KÖHLER</span>
ANJA KÖHLER

Mit „Lüg mich an und spiel mit mir“ zeigt das Aktionstheater einen sehr direkten Umgang mit dem Ukrainekrieg.

Gestern feierte des Stück „Lüg mich an und spiel mit mir, Pension Europa 02“ vom Regisseur Martin Gruber Premiere im Vorarlberger Landestheater. Sehr schonungslos und roh zeigte die Inszenierung, was der Ukrainekrieg in den Köpfen der Menschen in Europa auslösen kann.
In humorvollen Dialogen holt Gruber in seiner Inszenierung die eigenen Unzulänglichkeiten der Gesellschaft hervor. Konfrontiert mit einer Situation, die sich kaum begreifen lässt, verschwimmt das Unwissen mit Vorurteilen, Aggressivität und der Unfähigkeit, mit den eigenen Gefühlen und Gedanken zurechtzukommen.

Konfrontation

Wie passt der Krieg in die Lebensrealität der Menschen? Wie reagieren sie auf die eigenen Vorurteile? Was macht das mit einem? Was macht die vor Augen geführte brutale Gewalt mit der eigenen Wut?
In Unterwäsche und Knieschützern bewegen sich die sechs Schauspieler auf der Bühne, wippen von einem Fuß zum anderen, gehen vor und zurück. In der linken Hand die weißen Sessel.
Sie stellen die Stühle hin, heben sie wieder hoch, setzten sich hin, stehen wieder auf, tragen die Sessel in Halbkreisen durch die Bühne.
Grubers Inszenierung wirft das Publikum in sehr authentische und direkte Alltagssituationen, wo die Figuren mit trivialen und oberflächlichen Texten den Krieg in der Ukraine aufgreifen, drauflosreden und alles rauslassen, was ihnen dazu einfällt. Mit den eigenen Erfahrungen und beeinflusst von einer Welt, die durch die Pandemie und Flüchtlingskrisen erschüttert wurde, versuchen sie den Krieg in die eigene Wirklichkeit einzuordnen. Wer hat Platz im Bunker? Welches Land ist das Unsympathischste? Wer hat die meisten Nazis? Was heißt Liebe auf Russisch? Wer sind die echten Flüchtlinge?

„Nur das Lügen hält die Gemeinschaft zusammen, weil wenn man nur die Wahrheit sagen würde, würden sich alle erschießen.“
Luzian Figur

<span class="copyright">ANJA KÖHLER</span>
ANJA KÖHLER

Unsicherheit

Man müsse etwas machen, heißt es. Nur das Lügen hält die Gemeinschaft zusammen, heißt es.
Die Figuren hinterfragen die eigenen Gedanken und Handlungen. Das Stück verdeutlicht die Unglaubwürdigkeit der Menschen gegenüber der Politik und bringt die Unsicherheit und Verzweiflung emotional zum Ausdruck.
Den Zuschauern wird die Überforderung der Situation vor Augen geführt. Aggression richtet sich gegen „den Russen“ und so breiten sich Gewalt und Blut auch auf der Bühne aus. Die Schauspieler schlagen und würgen sich. Mit dem Handy wird alles gefilmt.


Die Stühle werden verrückt. Die Akteure gehen ein paar Schritte vor und wieder zurück, in der rechten Hand die weißen Stühle. Sie machen Atemübungen und drehen sich zur Musik. Im Hintergrund sind die Bilder einer zerstörten Stadt.
In den Gesprächen werden die Figuren von ihren eigenen Gefühlen und Vorstellungen überwältigt. Jede Figur für sich. Die nur aus Unterwäsche und Hemdchen bestehenden Kos­tüme von Valerie Lutz lassen die Akteure demaskiert und ohne Assoziationen erscheinen. Erst im Laufe des Theaterstücks werden die einzelnen Persönlichkeiten der sechs Figuren zum Vorschein kommen. Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp und Tamara Stern geben den Figuren jeweils einen sehr eigenen und individuellen Charakter.
Das Zusammenspiel zwischen der Musik von Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner und Daniel Schober, den Texten und der Choreografie bringt eine sehr echte und durchdringende Theater- und Music Performance auf die Bühne, die vom Publikum gefeiert wurde.


Mit dem Stück reagieren der Regisseur Martin Gruber und sein Aktionstheater Ensemble sehr direkt auf den Ukrainekrieg und die aktuellen Zustände der Welt. In einer erstmaligen Koproduktion mit dem Vorarlberger Landestheater wurde es im Rahmen des internationalen Festivals „Bregenzer Frühling“ gestern uraufgeführt.

www.aktionstheater.at