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Soziale Medien statt Alkohol

19.05.2022 • 18:44 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
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APA/DPA/Tobias Hase

Früher war Initiationsritus bei Jugendlichen Alkohol, jetzt Vernetzung in sozialen Medien.

Psychische Belastungen können in einer Sucht münden. Das zeigte und zeigt auch die Coronapandemie. Vor allem Menschen, die bereits vor der Pandemie belas­tet waren, haben nun vermehrt mit psychischen Problemen zu kämpfen. Mitglieder von Berufsgruppen, die durch die Lockdowns zum Nichts-Tun gezwungen waren und deshalb keine Tagesstruktur mehr hatten, waren ebenfalls gefährdet, Suchtverhalten zu entwickeln.


Wie viele Menschen tatsächlich wegen der Pandemie in eine Sucht abgleiten, wird aber erst in den kommenden Jahren ersichtlich. Denn Sucht entwickelt sich oft mittel- und langfristig. Das würden Erfahrungen aus früheren, vergleichbaren Krisen zeigen, sagte Philipp Kloimstein, Primar des Krankenhauses Maria Ebene. Wobei mittlerweile kaum mehr von einer Krise, sondern – bedingt durch den Ukraine-Krieg – einem Dauerzustand gesprochen werden könne.
Bei einer Pressekonferenz wurde gestern der Jahresbericht 2021 der Stiftung Maria Ebene präsentiert. Sie ist Trägerin des gleichnamigen Krankenhauses, der Therapiestationen Carina und Lukasfeld, der Beratungsstelle Clean und der Präventionseinrichtung Supro.

Gefragt wie nie

Dass die Zahlen der Menschen mit Suchtproblematik bereits jetzt steigt, zeigte das Resümee der Beratungsstelle Clean vom vergangenen Jahr. Im Vergleich zu 2020 steigerte sich der Bedarf an ambulanten Beratungen um 4,3 Prozent. Im Langzeitvergleich mit dem Jahr 2012 wurden 54 Prozent mehr Menschen betreut. „Unsere Beratungen sind gefragt wie nie“, sagte Wolfgang Grabher, Leiter von Clean. Am häufigsten wurde 2021 multipler Substanzgebrauch diagnostiziert, also dass mehrere Substanzen gleichzeitig oder hintereinander konsumiert wurden. Mit einem Plus von 30 Prozent gegenüber 2020 wurde bei Cannabis ein besonders starker Anstieg verzeichnet.

Auslastung

2021 konnte sich die Stiftung Maria Ebene wieder mehr auf ihre Kernaufgabe – die Behandlung von suchterkrankten Menschen – konzentrieren. Die Stiftung hatte 2020 gegebenenfalls psychiatrische Patienten zu betreuen, um im LKH Rankweil Platz für Covid-19-Positive zu schaffen. Das war im vergangenen Jahr nicht mehr nötig. Dennoch habe es geänderte Rahmenbedingungen gegeben. „Dadurch wurden im stationären Bereich die Auslastungszahlen der Jahre vor Corona nicht voll erreicht“, erläuterte Verwaltungsdirektor Günter Amann. Die durchschnittliche Auslastung der Stationen im vergangenen Jahr lag bei 81,9 Prozent. In absoluten Zahlen sind das 472 stationäre Patienten und 613 ambulante Fälle in den Terminambulanzen des Krankenhauses sowie den Therapiestationen Carina und Lukasfeld.

Wolfgang Grabher, Philipp Kloimstein, Anja Burtscher, Andreas Prenn und Günter Amann.<span class="copyright">NEUE</span>
Wolfgang Grabher, Philipp Kloimstein, Anja Burtscher, Andreas Prenn und Günter Amann.NEUE

Sucht neu denken

Primar Kloimstein zeigte sich sehr zufrieden, wie die Stiftung Maria Ebene die bisherigen Pandemiejahre gemeistert habe. Aber: „Wir fürchten uns vor dem Herbst.“ Stichwort Angst: „Bei Angst greifen Menschen als Kompensation oft zu Suchtmitteln“, so Kloimstein. Und Angst und Unsicherheit greifen immer noch um sich. „Wir müssen Sucht deshalb neu denken“, so Kloimstein. Einerseits betreffe das die verwendeten Suchtmittel, die sich in den vergangenen zehn Jahren verändert haben. So waren bei der Supro neben Cannabis, Benzodiazepinen und Amphetaminen problematisches Computerspielverhalten beziehungsweise der Umgang mit den digitalen Medien die wichtigsten Themen. Bei Jugendlichen spiele Alkohol keine so große Rolle mehr, berichtete Andreas Prenn, Leiter der Supro: „Alkohol war früher Teil des Initiationsritus. Das hat sich verschoben hin zur Vernetzung und Sichtbarkeit in den sozialen Medien.“ Das sind sogenannte Verhaltenssüchte, und diese treten auch vermehrt bei Erwachsenen auf – ebenfalls bedingt durch Handy und Co. Was unter anderem mit der Verfügbarkeit zu tun hat: Während es bei Casinos beispielsweise Öffnungszeiten und Altersbeschränkungen gibt und sie coronabedingt zudem gesperrt waren, kann am Handy oder am Computer überall und zu jeder Zeit gespielt werden.


Bei Jugendlichen sei außerdem auffällig, dass anstatt Zigaretten verstärkt Oraltabak – besser bekannt als Snus – konsumiert werde. Durch die Maskenpflicht sei das oft nicht aufgefallen.

Fachkrankenhaus

Die Stiftung Maria Ebene mit Sitz in Frastanz ist ein Fachkrankenhaus mit vor- und nachgelagerten Aufgaben. Zur Stiftung zählen neben dem Krankenhaus die Therapiestationen Carina in Feldkrich und Lukasfeld in Meiningen, die Beratungsstelle Clean in Bregenz, Feldkirch und Bludenz und die Präventionseinrichtung Supro in Götzis.

Cannabiskonsum als Folge

Wie schon mehrfach berichtet, wurde die Jugend durch die Pandemie besonders belastet. Prenn von der Supro erläuterte: „In diesem Alter sollten sich die Jungen von zu Hause lösen, nun waren sie daheim eingesperrt. Sie sollten raus aus dem Haus und – ganz wichtig – das andere Geschlecht kennenlernen, nun waren sie im virtuellen Raum unterwegs.“ Eine Folge davon sei der erhöhte Cannabiskonsum.
Der zweite Aspekt von „Sucht neu denken“ sind veränderte und neue Therapieformen. Primar Kloimstein: „Weil der Status Quo nicht immer möglich war, hat Corona uns auch viele neue und alternative Möglichkeiten in der Suchttherapie aufgezeigt und teilweise aufgezwungen. Dazu gehört etwa die vermehrte Arbeit in Kleingruppen.“ In der Therapiestation Carina seien die Veränderungen als Anlass genommen worden, 2021 eine Überprüfung und – wo notwendig – eine Überarbeitung und Weiterentwicklung des Betreuungskonzepts sowie therapeutischer Abläufe umzusetzen. „Darüber hinaus wurden neue Arbeitsgruppen installiert, die sich mit der Zusammenarbeit der ambulanten und stationären Einrichtungen der Stiftung Maria Ebene beschäftigen. Dieser Prozess wird 2022 weitergeführt“, sagte Carina-Leiterin Anja Burtscher.

Erste Hilfe mit Papageno

Bei der Supro wurde 2021 als Reaktion auf die vermehrten psychischen Belastungen durch die Corona­krise das Projekt „Papageno – Psychische Erste Hilfe“ entwickelt. Dabei werden einerseits Personalverantwortliche in Unternehmen, Gemeinden und Städten bei der betrieblichen Gesundheitsförderung unterstützt, andererseits wird Mitarbeitenden ein Angebot zur Sucht- und Suizidprävention geboten.
Präventionsmaßnahmen sind auch sehr wichtig, um für die Zukunft gerüstet zu sein, die, wie erwähnt, ohnehin eine Zunahme an Suchtverhalten bringen wird. „Leider sind Süchte immer noch stigmatisiert. Oder besser gesagt, die Suchterkrankungen. Denn es sind Krankheiten“, erklärte Primar Kloimstein mit Nachdruck. Für die Zukunft wäre deshalb auch hilfreich, als Gesellschaft am Thema Stigma zu arbeiten.