Allgemein

„Dann bleibt zum Leben nichts übrig“

20.05.2022 • 19:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Steigende Preise machen vielen zu schaffen.   <span class="copyright">Symbolbild apa/Fohringer</span>
Steigende Preise machen vielen zu schaffen. Symbolbild apa/Fohringer

Erst seit Kurzem steigen die Anfragen bei der ifs-Schuldenberatung – kein gutes Zeichen, so Leiterin Simone Strehle-Hechenberger.

Über sieben Prozent stiegen die Verbraucherpreise im April dieses Jahres gegenüber dem Vormonat, Energiepreise im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 50 Prozent, wobei diese noch nicht überall schlagend wurden und teils noch weiter in die Höhe kletterten. Sozialmärk­te berichten von immer mehr Kunden, die Armutsgefährdung in Österreich steigt.

Diese Entwicklungen scheinen sich jetzt auch bei der ifs-Schuldenberatung in Bregenz bemerkbar zu machen. „Wir merken in diesem Monat zum ersten Mal, dass wir mehr Anfragen haben“, sagt deren Leiterin Simone Strehle-Hechenberger. Für die Expertin ist es allerdings kein gutes Zeichen, dass das erst jetzt der Fall ist. Es sei zu befürchten, dass Zahlungstermine verschleppt wurden. Die Gefahr, dass Menschen dadurch noch mehr in Zahlungsrückstand kommen, sei daher groß.

Niedriges Existenzminimum

1030 Euro beträgt derzeit das Existenzminimum für eine Person bei Pfändungen, die Armutsgefährdungsschwelle liegt bei 1371 Euro. Wenn dann noch Unterhaltsrückstände dazukommen, kann noch mal 25 Prozent unter das Existenzminimum gegangen werden, erläutert Strehle-Hechenberger: „Dann bleibt zum Leben nichts mehr übrig.“ Daher fordern die Schuldenberatungen dringend eine Anhebung des Existenzminimums auf 1371 Euro.

Die beiden Pandemiejahre haben sich indes kaum in der Anzahl der Privatkonkurse bei den Schuldenberatungen niedergeschlagen. Große Steigerungen gab es 2018 und 2019, nachdem das Schuldenregulierungsverfahren 2017 novelliert worden war. Seit 2020 bewegen sich die Zahlen wieder auf dem Niveau von vor der Novelle.

Schuldenberaterin Simone Strehle-Hechenberger.  <span class="copyright">ifs</span>
Schuldenberaterin Simone Strehle-Hechenberger. ifs

Die Gründe für eine Überschuldung sind indes immer die gleichen, so die Erfahrungen der Schuldenberaterin: Einkommensverlust etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit, Konsumverhalten, Selbstständigkeit oder Trennungen zählen da dazu. Diesbezügliche Unterschiede gibt es bei den Geschlechtern: Bei den Männern ist es häufiger eine gescheiterte Selbstständigkeit, bei Frauen eine Bürgschaft.

Strehle-Hechenberger geht davon aus, dass angesichts der seit Monaten steigenden Lebenshaltungskosten auch die Anfragen bei der ifs-Schuldenberatung steigen werden. Derartige Steigerungen sind gerade für einkommensschwache Haushalte fatal. „Bei einkommensschwachen Haushalten wirken sich 100 Euro schon sehr aus.“ Zudem werde es bei den Energiekosten teilweise vermutlich auch zu Nachzahlungen kommen. „Wir sind uns nicht sicher, ob es da vielen gelungen ist, das anzusparen“, so die Schuldenberaterin.

Erhebung

Als Manko sieht die Expertin auch, dass es in Österreich keine Daten darüber gibt, wie viele Menschen überschuldet sind. Eine Erhebung aus dem Jahr 2008 spricht von rund 780.000 Menschen, die in überschuldeten Haushalten leben. Jetzt gibt es allerdings einen Auftrag des Sozialministeriums an die Statistik Austria, diese Zahlen mit der Expertise des Dachverbands der Schuldenberatungen zu erheben, erzählt Strehle-Hechenberger. „Das ist enorm wichtig.“