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„Sie sind nun Nichtraucher“

28.05.2022 • 20:52 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der studierte Biologe Dr. Gerhard Malin hilft seit zehn Jahren Klienten das Laster des Rauchens loszuwerden.<br><span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Der studierte Biologe Dr. Gerhard Malin hilft seit zehn Jahren Klienten das Laster des Rauchens loszuwerden.
Dietmar Stiplovsek

Wer mit dem Rauchen aufhören will, vertraut mitunter auf Hypnose.


Selbsthilfebücher, Einzel- und Gruppentherapien, Nikotin-Ersatztherapie, Akupunktur, Hypnose oder im Alleingang. Es gibt viele Wege, das Laster des Rauchens loszuwerden – und genausoviele, um zu scheitern.

Die Hypnose ist für viele Raucher die Ultima Ratio, um von den Glimmstängeln wegzukommen. Dabei scheint die Methode auf den erste Blick schnell, wirksam und praktisch nebenwirkungsfrei zu sein. Doch Hypnose ruft bei vielen Menschen ein Gefühl der Angst hervor. Angst vor Kontrollverlust. Bilder diverser Hypnoseshows im TV kommen einem in den Sinn, in denen Probanden im geistig benebelten Zustand zur Belustigung des Publikums beitragen.
Laut Dr. Gerhard Malin, Hypnotiseur mit Schwerpunkt Raucherentwöhnung, ist die Angst jedoch unbegründet. „Man tut in Hypnose nichts, was man nicht will, man sagt nichts, was man nicht sagen will, und die Moral bleibt erhalten“, stellt er klar.

Wille muss da sein

Wer „Raucherentwöhnung Hypnose Vorarlberg“ in die Google-Suchmaschine eingibt, stößt rasch auf den Link zur Webseite des 59-jährigen Frastners. Die Praxis des Hypnotiseurs befindet sich in seinem Heimatort. Die Räumlichkeiten im oberen Stockwerk wirken aufgeräumt, besser: minimalistisch. Liege, Sessel, zwei Stühle, ein Tisch, alles weiß. Die Fenster lassen sich abdunkeln. Nichts Überflüssiges steht herum oder zieht den Fokus auf sich. Auch bei der Hypnose benutzt Malin, der seit zehn Jahren hypnotisiert, keine Hilfsmittel. Er hält die Hand schützend über die Augen des Klienten und redet mit ruhiger Stimmer.

Immer weniger Raucher

Laut Statistik Austria gibt es seit Jahren immer weniger Raucher. Das bestätigt Malin quasi doppelt. „Es kommen immer mehr zur Entwöhnung, obwohl es von Jahr zu Jahr weniger Raucher gibt.“ Der Selbstständige wirbt nicht aktiv, alles Mundpropaganda.
Eines müssen alle künftigen Nichtraucher mitbringen: Motivation. „Es ist sinnlos, wenn jemand sagt: ich muss aufhören“, sagt Malin. Vielmehr muss der Wunsch überwiegen, dem Laster endlich ein Ende zu setzen.

Eine Sitzung dauert zirka zwei Stunden.<span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Eine Sitzung dauert zirka zwei Stunden.Dietmar Stiplovsek

Der Ablauf

Eine Sitzung dauert etwa zwei Stunden. Es gibt ein gut 60-minütiges Vorgespräch. Dabei redet Malin auch über Techniken zur Beruhigung und betreibt sogenanntes Reframing (Umdeuten, Perspektivenwechsel). „Ich mache klar, dass ich ihr oder ihm nichts wegnehmen möchte. Es ist eine Befreiung vom Rauch und den Kippen. Nicht: ich darf nicht mehr, sondern: ich muss nicht mehr“, erläutert der studierte Biologe seine Vorgehensweise. Es folgt der Gang auf die Liege, eine Einleitung, die eigentliche Trance und schließlich die Rückführung in den Wachzustand. Das ist der Moment, in dem Malin bis fünf zählt.

Zugriff aufs Unterbewusstsein

Den Hypnosezustand beschreibt Malin als entspannend. Doch das eigentliche Wesen dieser Trance ist ein Zustand der fokussierten Aufmerksamkeit. Das Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen ist ausgeprägter. Man trägt quasi Scheuklappen in die richtige Richtung. Mit der Hypnose werden kritische Faktoren des Bewusstseins umgangen und wird direkt aufs Unterbewusstsein zugegriffen.
Im Trancezustand beschreibt Malin dem Klienten Szenarien und ruft Emotionen hervor. Er zeigt Gegebenheiten in der Zukunft auf: Als Raucher oder als Nichtraucher. Gut und schlecht. Wohlfühlen und Ekel. Er hält einen vollen Aschenbecher unter die Nase des zukünftigen Abstinenzlers. Schließlich kommt es zur Befreiung, zur Verabschiedung vom Laster. Und zu laut ausgesprochenen Wiederholungen: Ich bin jetzt Nichtraucher für den Rest des Lebens.

Löschen nicht möglich

Es gibt ein Suchtgedächtnis. Durch langwieriges Rauchen entstehen Verknüpfungen im Gehirn, die vielleicht schwächer werden, aber bestehen bleiben. „Man kann das nicht löschen. Ein erneuter Griff zur Zigarette kann daher zum Rückfall führen“, gibt Malin zu bedenken. Im besten Fall werden durch die Hypnose der Wille aufzuhören gestärkt, Verhaltensmuster verändert, das Rauchen ist dem Klienten egal.

Erfolgsquoten

Die meisten Raucher brauchen nur eine Sitzung in der Frastner Praxis. Besser seien aber zwei, um den Langzeiterfolg zu steigern. Malin zitiert eine Studie anlässlich des Rauchstopps als Neujahrsvorsatz. Danach waren nach sechs Monaten 65 Prozent der Patienten mit Hypnose-Unterstützung rauchfrei. In der Gruppe ohne Hypnosetherapie waren es 22 Prozent. „Der Durchschnittshypnotiseur kommt aber an die 65 Prozent nicht ran“, kommentiert er die Studie und verweist selbst auf gute Erfolgszahlen. Zu ihm würden auch jene kommen, die vorher schon erfolglos woanders waren. Auf eine konkrete Zahl will er sich nicht festnageln lassen. „Der deutlich größere Anteil hört für immer mit dem Rauchen auf“, sagt er. Er sieht jeden Klienten als Herausforderung, und es bereitet ihm Freude, zu helfen. Denn viele Betroffene sind in ihrer Lage verzweifelt.

Es sind gleich mehrere Personen in der Woche, die Malins Praxis mit dem Anliegen aufsuchen, die lästige Gewohnheit loszuwerden. Viele haben es einfach satt, sind Vater geworden oder stecken in der Familienplanung.
Bei anderen gibt es einschlägige Erkrankungen im Umfeld, oder sie haben selbst Gesundheitliche Probleme, Schwierigkeiten mit den Zähnen oder beklagen ihr Aussehen. Denn mit den Jahren hinterlassen die Glimmstängel Spuren vor allem in der Gesichtshaut. Ab 40 sieht man häufig einen Unterschied zwischen Raucher und Nichtraucher. Malins Klienten sind 20 bis 80 Jahre alt. Jüngere nervt das Rauchen schlicht, bei Älteren nehmen die Krankheiten zu.

Jeder hypnostisierbar

Motivation muss also da sein. Doch reicht das? Ist jeder hypnotisierbar? Fast alle, sagt der Doktor der Biologie. In Ausnahmefällen könne die Chemie zwischen Klient und Hypnotiseur nicht stimmen. Vielleicht war die Aufklärung unzureichend, die Furcht zu groß. Keine Person ist gegen ihren Willen hypnotisierbar.
Malins Angebot beschränkt sich nicht nur auf das Rauch-frei-werden. Er bietet Unterstützung bei Gewichtsproblemen oder Belastendem wie Flugangst, Höhenangst, Redeangst oder Angst vor Spinnen. Bei Alkoholproblemen rät er: bitte lieber zum Arzt. Das Gleiche gilt für harte Substanzen. „Ich mache keinen Drogenentzug. Das braucht völlig andere Therapiekonzepte“, betont er. Auch traumatische Erlebnisse könne man mittels medizinischer Hypnose behandeln, das sei jedoch ebenfalls Medizinern oder Psychotherapeuten vorbehalten.

Zur Person

Malin hat Biologie mit Schwerpunkt Verhaltensforschung studiert, kennt die Grundlagen menschlichen und tierischen Verhaltens. Er promovierte im medizinischen Institut und war 25 Jahre in der Pharmaindustrie tätig. 15 Jahre bei einem internationalen Konzern mit Schwerpunkt psychische Erkrankungen. „Dieser Hintergrund hilft“, sagt er.

Er absolvierte die Hypnose-Aus- und Weiterbildung in Deutschland und der Schweiz bei internationalen Coaches.
Malin selbst war nie Raucher. Onkel und Cousin aber schon, und beide sind an einem Lungenkarzinom verstorben. Das dürfte auch der Grund sein, warum er von Anfang an den Schwerpunkt bei der Raucherentwöhnung setzte.

Über Seriosität

Hypnotiseur ist ein freier Beruf, deshalb darf man sich hierzulande schon mit minimaler Ausbildung „Hypnotiseur“ nennen – ein Zweitages­seminar reicht unter Umständen aus. Für Interessierte ist es oft schwer, seriöse Anbieter zu erkennen. „Achten Sie auf den Lebenslauf. Persönliche private Erfahrungen sind zu wenig, um jemanden zu therapieren. ­Hinterfragen Sie den Werdegang“, rät der Frastner abschließend.
Stimmen die Voraussetzungen, davon ist der 59-Jährige überzeugt, wirkt Hypnose in Bezug auf Rauchstopp tatsächlich schnell, nachhaltig und praktisch nebenwirkungsfrei.

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