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Der Chirurg, der viele Patienten anzog

30.05.2022 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Heute kaum mehr bekannt, leistete Arthur Neudöfer (1877 - 1952) viel für das Hohenemser Krankenhaus. <span class="copyright">Stadt Hohenems</span>
Heute kaum mehr bekannt, leistete Arthur Neudöfer (1877 - 1952) viel für das Hohenemser Krankenhaus. Stadt Hohenems

Arthur Neudörfer leitete 36 Jahre erfolgreich das Emser Spital.

Dr. Arthur Neudörfer (1877 – 1952) war ein christlich-jüdischer Arzt, der während der NS-Diktatur das Krankenhaus Hohenems leitete. Er soll dort ca. 30.000 Operationen durchgeführt haben und war als Chirurg über die Landesgrenzen hinweg hoch angesehen. Er ist einer der am häufigsten öffentlich geehrten Hohenemser Bürger. Und dennoch ist Arthur Neudörfer vielen Menschen nicht mehr bekannt. Anlässlich seines Todestages, der sich heute zum 70. Mal jährt, hat die NEUE mit Historiker Wolfgang Weber über ihn gesprochen.

Bei einem der besten Chirurgen

Neudörfer wurde am 26. Jänner 1877 als Sohn christlicher-jüdischer Eltern in Wien geboren. Er studierte an einer – wie Historiker Weber sagt – „durch und durch deutschnationalen“ Wiener Universität. 1902 promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde. Anschließend trat er ein freiwilliges Militärdienstjahr bei den berittenen Tiroler Landesschützen an. „Danach wurde der junge Arzt Assistent einer der besten Gynäkologie-Operateure in Europa, nämlich Rudolf Chrobak, der unter anderem eine noch heute angewandte OP-Methode für Gebärmutterhalskrebs entwickelte“, sagt Weber. Anschließend lernte Neudörfer als Sekundararzt noch einmal von einem Großen der Medizingeschichte: beim Wiener Impfpionier Richard Paltauf.

Ganz hinten das Wohnhaus von Arthur Neudörfer, direkt daneben das Krankenhaus. <span class="copyright"></span><span class="copyright">stadt hohenems</span>
Ganz hinten das Wohnhaus von Arthur Neudörfer, direkt daneben das Krankenhaus. stadt hohenems


1908 erfolgte schließlich der Wechsel nach Hohenems: Dort trat Neudörfer seinen Dienst als Chefarzt und Chirurg im neugegründeten Kaiserin-Elisabeth-Krankenhaus an. Der Erste Weltkrieg setzte dem Wirken Neudörfers jedoch ein jähes Ende: Er diente alle vier Kriegsjahre als Regimentsarzt und nahm beispielsweise an der Zweiten Schlacht um Lemberg (Lviv) im September 1914 teil. Im September 1918 kehrte Neudörfer nach Hohenems zurück, wo er wieder als Chefarzt und Krankenhausleiter arbeitete.
1931 führte er dort die Radium-Therapie ein. „Sie verlieh dem Haus für viele Schwerkranke aus dem Bodenseeraum eine sprichwörtliche und kurative Strahlkraft“, so Historiker Weber. Aber auch Neudörfers Können als Operateur zog die Menschen an: Von den 30.000 Operationen, die er im Laufe seinen Chirurgen-Lebens praktiziert haben soll, habe er zwei Drittel an auswärtigen Patienten durchgeführt. Dennoch war Neudörfer nicht nur Arzt für Reiche: Ärmere Menschen behandelte er oft kostenlos.

Ehrenbürger

So viel Können und Anerkennung wurde natürlich auch im Emser Rathaus gerne gesehen. „Bürgermeister August Waibel regte in der Gemeindevertretung an, Neudörfer für seine Verdienste um die damalige Marktgemeinde und ihr Spital die Ehrenbürgerschaft zu verleihen“, erzählt Weber. Das war 1932, kurz vor dem 25-Jahr-Jubiläum des Hohenemser Krankenhauses. „Dieser Anregung folgte das Emser Kommunalparlament am 19. Jänner 1933 und verlieh dem gebürtigen Wiener ‚Nicht-Katholiken‘ – wie die konservative Vorarlberger Tageszeitung den Geehrten nannte – die Hohenemser Ehrenbürgerschaft.“

Historiker Wolfgang Weber bei neuen Denkmal (Mauer und Stele) für Arthur Neudörfer. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Historiker Wolfgang Weber bei neuen Denkmal (Mauer und Stele) für Arthur Neudörfer. Stiplovsek


Über Neudörfer und die Zeit des Nationalsozialismus ist – abgesehen davon, dass er weiterhin praktizierte und in Hohenems lebte – nicht viel bekannt. Was Weber aber zu berichten weiß: „In den Tageszeitungen ist eine Spende von ihm im Mai 1939 an das nationalsozialistische Winterhilfswerk überliefert. In der Höhe von 50 Reichsmark. Die Weberei Gebrüder Mathis gab zum selben Zeitpunkt 10 Reichsmark, Graf Clemens Waldburg-Zeil 20.“ Weshalb genau die Nationalsozialisten Neudörfer ungestört ließen, ist nicht bekannt. Weber vermutet, er habe Gönner im NS-Regime gehabt. Zudem habe er Angehörige von Gauleiter Plankensteiner und weiteren NS-Politikern behandelt. Neudörfer war aber auch kein Nationalsozialist. Er hat während des Zweiten Weltkrieges etwa den Wiener jüdischen Flüchtling Oskar Trebitsch eine Nacht im Emser Spital versteckt.
Nach dem Krieg war der Arzt 1946 Gründungsmitglied der Vorarlberger Ärztekammer. Mit 1. Dezember 1948 trat er in den Ruhestand. Seit 1907 im ehemaligen Gasthaus „Habsburg“ neben dem Krankenhaus wohnend, führte ihn sein Weg aber weiterhin ins Krankenhaus: Er beriet auszubildende Ärzte. Am 31. Mai 1952 starb Arthur Neudörfer im Kaiserin-Elisabeth-Krankenhaus. Nachkommen von ihm gibt es keine, da er und seine Frau Camilla kinderlos waren.

Straße und Denkmal zu Ehren von Neudörfer

In der Genealogie der Stadt Hohenems steht geschrieben: „In den Erinnerungen älterer Hohenemser spiegelt sich Neudörfers Wirken als ‚sozialer und ehrbarer Mensch‘ wider. So wurden ihm 1999 späte Ehren zu Teil, als auf Betreiben des Hohenemser Arztes Johann Schuler in der heutigen Palliativstation des LKH Hohenems eine Gedenktafel angebracht wurde.“ Allerdings wurde die Tafel, als die Palliativstation 2018 renoviert wurde, entfernt. Auch das nach Arthur und seiner Frau Camilla benannte „Dr.-Neudörfer-Haus“ in der Kaiserin-Elisabeth-Straße wurde 2018 abgerissen. Dafür trägt eine Straße in Hohenems seit 1956 den Namen „Doktor Neudörfer Straße“.

Vor Kurzem wurde zwischen der Rettungszentrale und der Palliativstation ein Denkmal für den Arzt enthüllt. Dabei handelt es sich um eine Stele und um eine Mauer, erbaut aus Ziegeln des ehemaligen Neudörferhauses. Bürgermeister Dieter Egger sagte bei einer kleinen Feier im Rahmen der Enthüllung: „Arthur Neudörfer hat mit seinem sozialen Handeln die medizinische Behandlung für alle möglich gemacht.“ Nun würde mit dieser Gedenktafel seiner Verdienste um das Gesundheitswesen von Hohenems gedacht.

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