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Alles im urbanen, normalen Bereich?

03.06.2022 • 20:42 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Polizeipräsenz sorgt für Sicherheit und ein gutes Gefühl bei den Bürgern, die den Bahnhof frequentieren. Kontrolliert wird regelmäßig, uniformiert und in zivil.<br><span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Polizeipräsenz sorgt für Sicherheit und ein gutes Gefühl bei den Bürgern, die den Bahnhof frequentieren. Kontrolliert wird regelmäßig, uniformiert und in zivil.
Klaus Hartinger

Hat sich die Sicherheitslage am Dornbirner Bahnhof verbessert?

Im April 2021 haben Bezirkspolizeikommando und Polizeiinspektion Dornbirn ihr Gebäude am Bahnhof bezogen. Der Standort wurde damals bewusst gewählt, da dieser als der Hotspot für Kleinkriminalität im Land gilt. In der Vergangenheit war immer wieder Kritik an der Sicherheitslage aufgekommen. ÖBB, Polizei und Stadt Dornbirn setzten Maßnahmen, um die Situation zu verbessern – Aufstockung des Sicherheitspersonals, Einsatz von Sozialarbeitern, Beseitigung von uneinsehbaren Flächen sowie ein Alkoholverbot. Und schließlich die Verortung des neuen Polizeigebäudes in unmittelbarer Nachbarschaft des Bahnhofs. Doch hat sich dadurch die Sicherheitslage verbessert? Oder werden die Dornbirner mit den weniger schönen Begleiterscheinungen einer wachsenden Stadt schlichtweg leben müssen?

Neuer Polizeistandort in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Neuer Polizeistandort in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Klaus Hartinger

Straftaten nur “fallweise”

Für einen Platz in einer Stadt mit 50.000 Einwohnern mit einer steigenden Personenfrequenz von täglich bis zu 30.000 Ein- und Ausstiegen ist die Situation aus polizeilicher Sicht zufriedenstellend. „Die Zahl der Beschwerden hält sich in Grenzen. Dennoch kommt es naturgemäß zu gewissen Problemen“, berichtet Hans-Peter Schwendinger. Er ist seit Mai diesen Jahres neuer Leiter der Stadtpolizei Dornbirn und dort seit über 35 Jahren im Dienst. Schwendinger ist der Meinung, dass der Einzug der Bundespolizei am Hauptbahnhof eine Verbesserung gebracht hat. Schon aufgrund der Tatsache, dass bei auftretenden Problemen schneller eingeschritten werden kann.

Hans-Peter Schwendinger, neue Leiter der Stadtpolizei Dornbirn. <span class="copyright">Stadt dornbirn</span>
Hans-Peter Schwendinger, neue Leiter der Stadtpolizei Dornbirn. Stadt dornbirn

Hauptsächlich kommt es am Bahnhof zu Verwaltungs­übertretungen wie Ordnungsstörungen (besonders rücksichtsloses Verhalten, Anm.), Verstößen gegen das Alkoholverbot, Verunreinigungen durch das Wegwerfen von Müll oder auch Lärm. Zuletzt gab es auch Verstöße gegen die Coronaverordnung, die Abstandsregel und das Tragen von Masken. Straftaten wie Raufereien oder Sachbeschädigungen kämen hingegen nur fallweise vor und würden sich auch nicht komplett verhindern lassen.


„Wir können ein gewisses Klientel am Bahnhof feststellen, das zum Alkoholkonsum neigt. Diese Personen treffen sich dort und verbringen gemeinsam Zeit. Die Verstöße gegen die Alkoholverordnung werden von uns konsequent geahndet und zur Anzeige gebracht“, betont Schwendinger.
Stadt- sowie Bundespolizei haben Situation und Lage laut Kommandant immer im Blick. Man „bestreife“ den Bahnhofsbereichs regelmäßig mit schwerpunktmäßigen Kontrollen in Uniform, aber auch in Zivil. Auch die dort installierte Videoanlage trage dazu bei, Straftaten aufzuklären und die Täter im Nachhinein auszuforschen.

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Klaus Hartinger

Objektive, subjektive Sicherheitslage

Die Sicherheitslage am Bahnhofsareal ist jedoch nicht nur auf Fallzahlen und Statistiken zurückzuführen. Objektive Sicherheit ist messbar, subjektive nicht. Letztere bezeichnet die Einschätzung des einzelnen Bürgers, ob und wie sicher er sich in besagtem Umfeld fühlt. Schwendinger ist überzeugt, dass die Summe der Maßnahmen plus die Verortung der Bundespolizei zu einem positiven Sicherheitsgefühl beigetragen haben.

„Eine Beruhigung der Lage stellen wir fest, indem weniger Beschwerden bei uns einlangen und wenn wir im Zuge von Kontrollen weniger Delikte feststellen. Die ständigen Kontrollen sowie der konsequente Vollzug von Übertretungen spricht sich herum und trägt auch Früchte. Auch positive Rückmeldungen seitens der Bevölkerung lassen für uns diesen Schluss zu“, sagt der Kommandant. Dennoch ist und bleibe der Bahnhof aus polizeilicher Sicht auch in Zukunft eine Herausforderung

Verlagerung

Bahnhöfe gelten bundes-, ja weltweit als Kriminalitätsbrennpunkte. Insbesondere in Großstädten. Wo viele Menschen aufeinandertreffen, ist Sicherheit ein Thema.
Fraglich ist, ob ein durch und durch sicheres Bahnhofsareal die Problematik nicht einfach nur verlagern würde. „Bis dato stellen wir noch keine Verlagerung fest. Wir sind mit allen beteiligten Partnern vernetzt und auch mit der Ojad sowie Streetworkern im Austausch. Es lässt sich aber feststellen, dass bei hohen Temperaturen zahlreiche (amtsbekannte) Personen, die sich sonst am Bahnhof in Dornbirn aufhalten, an die Ach oder nach Bregenz an den See ausweichen und dort anzutreffen sind“, gibt Schwendinger zu bedenken.

Jürgen Pinkitz, Chefinspektor. <span class="copyright">LPD VORARLBERG</span>
Jürgen Pinkitz, Chefinspektor. LPD VORARLBERG

Drei Fragen an Jürgen Pinkitz, Chefinspektor, Polizeiinspektion Dornbirn

1. Wie haben Sie sich in der Polizeiinspektion Dornbirn „eingelebt“?
Jürgen Pinkitz: Meine Leute – das sind 68 Polizisten und Polizistinnen – und ich haben uns bestens eingelebt. Bei der neuen Polizeiinspektion handelt es sich um ein tolles, funktionales Gebäude in zentraler Lage mit einem hohen technischen Standard.

2. Inwiefern arbeiten Sie mit der Stadtpolizei zusammen?
Pinkitz: Ich habe mich mit dem ehemaligen Kommandanten in Bezug auf sicherheitspolizeiliche Belange, also Bahnhofskontrollen, Kontrollen und Überwachung von möglichen Hotspots und gegenseitige Unterstützungen abgesprochen.
Es gab einen gegenseitigen Informationsaustausch. Dies werde ich auch mit dem neuen Kommandanten so weiterführen.

3. Wie regelmäßig sind „ihre“ Leute am Bahnhof im Einsatz?
Pinkitz: Regelmäßig. Wobei Einsatz nicht immer ein Einsatz ist. Es werden wiederkehrend Kontrollfahrten, Standpatrouillen und Fußpatrouillen durchgeführt.

Bürgermeisterin Andrea Kaufmann. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bürgermeisterin Andrea Kaufmann. Klaus Hartinger

Bürgermeisterin Andrea Kaufmann (ÖVP): “Ein zusätzliches Plus”

Objektiv war der Bahnhof schon immer vergleichsweise sicher. Es ging stets um das subjektive Empfinden in der Bevölkerung an einem der am stärksten frequentiertesten Plätze des Landes. Und dieses subjektive Sicherheitsgefühl hat sich sicher verbessert, alleine durch die Anwesenheit des neuen Bundespolizeigebäudes.
Im letzten halben Jahr gab es einen gemeinsamen Workshop mit der Landespolizeidirektion und Sicheres Österreich. Da ging es um die Sicherheitslage in Dornbirn. Der Bahnhof stand nicht mehr so stark im Fokus. Ich denke daher, dass wir generell gut aufgestellt sind und der neue Polizeibau ein zusätzliches Plus ist.
Wir werden urbaner, haben über 50.000 Einwohner. Gedealt wird wahrscheinlich an vielen Bahnhöfen. Das sind die üblichen Entwicklungen, die sich ab einer gewissen Einwohnerzahl an den Bahnhöfen dieser Welt ergeben. Statistisch gesehen – in Bezug auf Gewalttaten – hat sich Dornbirn in den vergangenen Jahren nicht verschlechtert. Es dreht sich vielmehr um Dinge die passieren, wenn viele Menschen aufeinander treffen. Bahnhöfe sind Plätze, an denen sich Jugend- und Migrantengruppen verstärkt aufhalten. Ich denke, es ist alles im urbanen normalen Bereich.

Stadtrat Christoph Waibel. <span class="copyright">Stadt Dornbirn</span>
Stadtrat Christoph Waibel. Stadt Dornbirn

Stadtrat Christoph Waibel (FPÖ): “Es fehlt die Handhabe”

Jedenfalls das subjektive Sicherheitsempfinden ist besser geworden, da die Polizeipräsenz massiv zugenommen hat. Objektiv geändert hat sich aber meiner Ansicht nach nichts. Ein Problem ist die Handhabe. Werden Personen mit Kleinstmengen an Drogen erwischt, stehen sie kurze Zeit später wieder an Ort und Stelle. Da braucht es eine Änderung beim Bundesgesetz: Wer mehrfach erwischt wird, der wird bestraft. Ein Kernproblem ist auch der Umgang mit der Exekutive, speziell mit Polizistinnen – die mitunter bespuckt wurden, weil sie eine Amtshandlung ausführen wollten. Ich akzeptiere nicht, dass einige wenige das Leben von vielen madig machen. Wir müssen so lange lästig sein, bis das aufhört.

Stadträtin Juliane Alton. <span class="copyright">Stadt Dornbirn</span>
Stadträtin Juliane Alton. Stadt Dornbirn

Stadträtin Juliane Alton (Grüne): “Müssen damit leben”

Objektiv gibt es keine Veränderung. Der neue Standort der Bundespolizei ist kein Wachzimmer, das Gebäude zurückversetzt, man sieht nicht zum Bahnhof. Das Dealen wird also noch immer stattfinden. Da hilft nur, wenn wieder Leben in das Areal kommt, mit funktionierenden Cafe-Häusern. Trotzdem gibt es diese Leute, die kann man nicht aus der Welt schaffen. Wir müssen als Gesellschaft Menschen mit Suchterkrankungen aushalten, und dass man diese auch im Alltag sieht. Das gilt auch für Bettler. Die Hälfte der Einwohner ist der Meinung, Dornbirn ist ein Dorf, und sie können die weniger schönen Begleiterscheinungen der Verstädterung nicht akzeptieren. Aber damit werden wir leben müssen.