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Inklusion nicht mehr nötig

03.06.2022 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Michaela Wagner-Braito und Sonja Ranggetiner, Bewohnerin im „Wohn-Cluster“. <span class="copyright">Hartinger </span>
Michaela Wagner-Braito und Sonja Ranggetiner, Bewohnerin im „Wohn-Cluster“. Hartinger

Wagner-Braito: “Jede und jeder ist automatisch Teil der Gesellschaft”

Für Michaela Wagner-Braito, die Geschäftsführerin der Lebenshilfe Vorarlberg, ist klar: „In 50 Jahren sollten wir das Wort ‚Inklusion‘ gar nicht mehr brauchen und nicht mehr über das Thema reden, weil es so selbstverständlich ist. Unsere Vision ist: Jede und jeder ist automatisch Teil der Gesellschaft.“ In 50 Jahren, so hofft Wagner-Braito, würden sich Menschen mit Beeinträchtigung überall im öffentlichen Raum selbstverständlich aufhalten: beim Wohnen, am Arbeitsplatz, in den Vereinen und bei Veranstaltungen. Menschen ohne Beeinträchtig würden sie dabei unterstützen.

Die Geschäftsführerin der Lebenshilfe in ihrem Büro.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Die Geschäftsführerin der Lebenshilfe in ihrem Büro. Hartinger

Bis dahin sei es freilich noch ein langer Weg. Die Pandemie habe die Bemühungen sehr durchkreuzt, denn: „Absonderung und keinen Kontakt zueinander haben, ist alles andere als inklusiv.“ Aber, so die Geschäftsführerin weiter, man sei auf dem Weg. Als erstes Beispiel hierzu führt sie das Team der Selbstvertreter an. Das sind Menschen mit Behinderungen, die sich für die Interessen aller Menschen mit Beeinträchtigung in Politik, Bildung und an verschiedenen anderen Stellen einsetzen. „Der Erfolg ist am größten, wenn Betroffene für ihre Rechte kämpfen“, sagt Wagner-Braito.

Jobs werden kreiert

In Punkto Arbeit sei die Lebenshilfe intensiv beschäftigt, um Menschen mit Beeinträchtigung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln. Man sei gut unterwegs, es brauche aber zahlreiche Gespräche und viel Zeit. Die wichtigste Erfahrung vom Arbeitsmarkt ist: „Oft gibt es die Jobs nicht, sondern sie werden – je nach Talent der Person – kreiert.“ Im Krankenhaus Bregenz etwa ist ein Mensch mit Beeinträchtigung für die Pausenverpflegung der Mitarbeitenden zuständig, was eine neue Stelle ist. Für die Betriebe seien solche Leistungen eine große Bereicherung und – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – eine Riesenchance, sagt Wagner-Braito.

Wichtig beim Thema Arbeiten sei zudem, dass die Menschen für ihre Leistungen gerecht entlohnt werden. Zurzeit propagiert die Lebenshilfe das Modell „Gehalt statt Taschengeld“, das von der Politik nun diskutiert wird. Nicht nur, dass Menschen mit Beeinträchtigung dadurch ihre Leistungen selbst bezahlen könnten, sie wären damit auch sozial- und pensionsversichert. Um das Modell zu finanzieren, würden gewisse Sozialleistungen, wie etwa die erhöhte Familienbeihilfe, nicht mehr bezahlt werden. Viele Ministerien seien in diesen Prozess involviert, es sei ein „Riesen-Ding“, doch Wagner-Braito ist überzeugt, dass nicht 50 Jahre vergehen müssen, bis das Modell Realität wird.

In der Gemeinschaftsküche des „Cluster-Wohnen“ in Feldkirch.<span class="copyright"> Hartinger</span>
In der Gemeinschaftsküche des „Cluster-Wohnen“ in Feldkirch. Hartinger

Bezüglich Wohnen werden zurzeit neue Wohnmodelle geschaffen, z.B. das „Cluster-Wohnen“. In Wohnanlagen, in denen auch Menschen ohne Behinderung wohnen, leben Menschen mit Beeinträchtigung in kleinen Wohnungen eigenständig. Zusätzlich stehen ihnen Gemeinschaftsräume zur Verfügung, z.B. eine Küche oder ein Aufenthaltsraum. Im Kleinwalsertal steht bereits solch eine Wohnanlage, und dort nützen auch Menschen ohne Beeinträchtigung den Gemeinschaftsraum. „Diese Durchmischung ist uns wichtig“, sagt Wagner-Braito. In Feldkirch gibt es das „Cluster-Wohnen“ ebenfalls schon, in Lustenau und Dornbirn entstehen weitere Angebote. „In 50 Jahren sollte es viel mehr solche Wohnmodelle geben“, hofft Wagner-Braito.

Fabienne Plattner wohnt ebenfalls im "Cluster-Wohnen". <span class="copyright">Hartinger</span>
Fabienne Plattner wohnt ebenfalls im "Cluster-Wohnen". Hartinger


„Es gibt noch sehr viel zu tun“, sagt die Geschäftsführerin im Hinblick auf die kommenden 50 Jahre. All die genannten Projekte müssen vorwärts gebracht und selbstverständlich gemacht werden, zusätzlich brauche es viel Sensibilisierungsarbeit, vor allem im Freizeit- und Bildungsbereich. Von der Politik erwartet sich Wagner-Braito, dass sie die nötigen Rahmenbedingungen festlegt. Von der Gesellschaft erhofft sie sich mehr Offenheit.

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