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Kontakte und Bewegung schützen

03.06.2022 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gesellschaftliche Veränderungen wie Wegfall von Großfamilien führen zu Einsamkeit und diese kann Depressionen verursachen. <span class="copyright">APA/Schlager</span>
Gesellschaftliche Veränderungen wie Wegfall von Großfamilien führen zu Einsamkeit und diese kann Depressionen verursachen. APA/Schlager

Bereits jetzt sind viele Menschen von Depressionen betroffen.

Die Depression ist die Krankheit, die zum größten Verlust von gesunden Lebensjahren führt. Schätzungen zufolge erkranken zwischen 16 und 20 Prozent der Menschen mindestens einmal im Leben daran. In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Erkrankungen, die WHO geht davon aus, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Allerdings sei bei dieser Prognose zu berücksichtigen, sagt Jan Di Pauli, Chefarzt des LKH Rankweil, dass die Zunahme nicht allein auf einer tatsächlichen Steigerung der Krankheitsfälle beruhe, sondern: „Depressionen werden immer besser diagnostiziert und Menschen, die früher nicht zum Arzt gingen, lassen sich nun behandeln.“

Jan Di Pauli, Chefarzt des LKH Rankweil.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Jan Di Pauli, Chefarzt des LKH Rankweil. Hartinger


Die Gründe, weshalb mehr Menschen an Depressionen erkranken, sind vielfältig. Mitspielen wird: „Die Risikofaktoren nehmen zu. Die Arbeitswelt wird immer schneller und die Änderungen, die die Arbeit betreffen, ebenfalls“, sagt Di Pauli. Weiters würden die Veränderung der Gesellschaftsstruktur, der Wegfall der Großfamilien und die Zunahme von Singlehaushalten zu einem Anstieg an Erkrankungen führen, da dadurch die Einsamkeit zunehme. „Einsamkeit ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Depressionen“, erklärt der Psychiater.
Um der Steigerung der Krankheitsfälle entgegenzuwirken, wäre es – nach heutigem Wissensstand – wichtig, dass der Zugang zur Therapie und Psychotherapie schneller ermöglicht würde, so Di Pauli. Er hofft zudem, dass die Prävention besser und es eine Art Vorsorgeuntersuchung geben wird, um die Frühform einer Depression zu erkennen. „Die einfachste Methode der Prävention für jeden Einzelnen ist, soziale Kontakte zu suchen und zu pflegen. Auch Bewegung hat einen starken Effekt, Depressionen vorzubeugen. Beides zusammengenommen, bedeutet: Sport in einer Gruppe ist sehr gut“, erklärt der Chefarzt des LKH Rankweil.

Sensibilisierung und Stigma

Wichtig sei zudem die Sensibilisierung, dass es sich bei einer Depression um eine Krankheit handelt. „Es ist zu hoffen, dass das in 50 Jahren jeder weiß.“ Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass sich sowohl Sensibilisierung als auch das Stigma, das psychischen Erkrankungen anhaftet, ändern können. In den vergangenen Jahren sei die Stigmatisierung von Depressionen zwar zurückgegangen, was auch daran liege, dass viele Menschen von einem Burnout betroffen sind und man Verständnis dafür habe, wenn jemand in einen Erschöpfungszustand gerate. Die Akzeptanz der Krankheit Schizophrenie aber sei in den 80er-Jahren höher gewesen als jetzt. Wie schnell sich so etwas ändern kann, zeigt der Psychiater zudem an einem aktuellen Beispiel: „Für die Waffenlobby in den USA ist natürlich nicht der Zugang zu Waffen schuld am jüngsten Amoklauf, sondern die Zunahme an psychischen Erkrankungen. Die Akzeptanz dieser Krankheiten ist etwas Fragiles.“ Um gegen das Stigma vorzugehen, helfe „Aufklärung. Auch darüber, dass eine Depression gut behandelbar ist und dass jeder daran erkranken kann.“

Das Medikament, das passt

Die Medikamente, die bei Depressionen eingesetzt werden, sind in den vergangenen 50 Jahren hinsichtlich ihrer Verträglichkeit viel besser geworden. Künftig gehe es unter anderem darum, das – wie Di Pauli es nennt – „passgenaue“ Antidepressivum schnell zu finden. Denn nicht jedes hilft jedem Erkrankten; aktuell wirkt bei circa 70 Prozent das erste Medikament, bei den anderen muss weitergesucht werden – und das kann sich teilweise lange hinziehen. „In Zukunft könnte anhand sogenannter Biomarker im Labor das passende Antidepressivum festgestellt werden“, sagt Di Pauli und zählt dann eine weitere, mögliche Entwicklung auf: dass anhand von Tests herausgefunden wird, ob ein Patient die Nebenwirkungen der Tabletten verträgt.

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