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Wie sieht Landwirtschaft in 50 Jahren aus?

04.06.2022 • 18:25 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Rainer und Manuela Held in ihrem Stall. <span class="copyright">Hartinger</span>
Rainer und Manuela Held in ihrem Stall. Hartinger

Werden alle Höfe noch größer oder findet ein Umdenken statt?

Den Stall der Familie Held aus Schwarzenberg teilen sich viele verschiedene Tiere. Beim Betreten des Bergbauernhofes wird man vom Gebell der Hofhunde begrüßt. Zudem hört man die Glöcklein der Ziegen und das Grunzen der Ferkel. Spaltenböden oder Boxen gibt es keine. Die Tiere liegen auf einer dicken Schicht Streu. Auf der Wiese grasen die Rinder, sowie ein Teil der Schafherde. Auch Pferde, Katzen und Hühner finden ihren Platz auf dem Hof. Der Hund säubert mit seiner Zunge das Fell des kleinen Ziegenkitzes und die Hühner wandern quer durch den Stall. Alles wirkt sehr familiär, harmonisch und idyllisch.

Auf dem Held Hof in Schwarzenberg ist de Welt noch in Ordnung. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auf dem Held Hof in Schwarzenberg ist de Welt noch in Ordnung. Hartinger

Ob das in 50 Jahren auch noch so sein wird? Manuela und Rainer Held würden es sich wünschen und sind auch überzeugt: „Es muss ein Umdenken stattfinden. Es kann nicht sein, dass alles immer noch größer wird.“ Sie selbst hatten bis zum Jahr 2011 noch eine größere Anzahl an Vieh im Stall. Dadurch sei mit der Zeit jedoch der persönliche Bezug zu den Tieren verloren gegangen und sie hätten nicht mehr alle beim Namen gekannt. Aus diesem Grund reduzierten sie ihren Viehbestand und passten ihn an die vorgegebenen Flächen an. Das gesamte Futter wird mittlerweile von den eigenen Feldern bezogen und der Hof ist frei von Kraftstofffutter. Der Landwirt stellt sich des öfteren die Frage, was passieren würde, wenn es kein Getreide oder Soja mehr gäbe. Dann wäre die Richtung klar vorgegeben – zurück zu kleineren Betrieben. Die industrielle Landwirtschaft schade ohnehin den Böden durch immer größere Maschinen und intensivere Düngung.

Während dem Gespräch streichelt die Landwirtin ein Ziegenkitz, das auf ihren Beinen liegt. Das junge Tier ist schwach. Manuela Held führt ihm daher Vitamine in Form von Flüssigkeit durch den Mund zu. Diesen persönlichen Bezug wünschen sich die Helds auch für die Zukunft. „Tiere sind nicht nur Milchproduzenten, sondern auch Lebewesen. Durch das wirtschaftliche Denken gehen oft Grundsätze und die Ethik verloren,“ so die Schwarzenbergerin.

Digitalisierung des Bauernhofs?

Dass irgendwann Roboter gewisse Arbeiten der Bauern übernehmen, können sich die beiden Landwirte durchaus vorstellen. Ob das jedoch der richtige Weg sei, bleibe dahingestellt. Melkroboter beispielsweise entlasten auf der einen Seite den Bauern, gleichzeitig entstehen dadurch aber auch hohe Kosten. Für kleinere Höfe seien diese vermutlich ohnehin nicht tragbar. Manuela und Rainer Held bewirtschaften ein Gelände mit vielen Steillagen und sind im Sommer mit ihren Tieren auf der Alpe. Dass die Traktoren durch neue technische Innovationen in 50 Jahren autonom fah­ren oder gar Roboter über die Hänge rollen, ist für beide daher aktuell nicht denkbar.
Simon Vetter, Besitzer des Vetterhof kann sich dieses Szenario bei sich im Lustenauer Ried allerdings sehr gut vorstellen. So könnte es sein, dass in einigen Jahren viele kleine und große Roboter über die Wiesen fahren, neue Kulturen ansähen, das Unkraut harken oder den Boden bearbeiten. Reis oder tropische Gemüsesorten wie Maniok dürften aufgrund des Klimawandels ebenso angebaut werden. Es soll auch normal sein, dass Salate auf den Supermarktdächern wachsen.

Bei Simon Vetter geht es schon lange nicht mehr ohne moderne Technik. <span class="copyright">Hartinger</span>
Bei Simon Vetter geht es schon lange nicht mehr ohne moderne Technik. Hartinger

Eine futuristische Vorstellung, die allerdings nicht erst in 50 Jahren eintreten wird, wie Vetter, sich sicher ist. „Es wird neue Organisationsformen in der Landwirtschaft geben, die Digitalisierung wird weiter fortschreiten und viel wird automatisiert sein.“ Schon jetzt besitzt er einen Traktor mit GPS-System, das der Spurführung dient. Dies ermögliche ein sehr präzises Arbeiten – auch bei Nacht. Dass der Klimawandel neben der Möglichkeit, neue Kulturen anzupflanzen, auch viele Herausforderungen mit sich bringe, ist ihm klar. Unter anderem könnten sich etwa neue Schädlinge oder Unkraut besser durchsetzen. Auch die Wasserversorgung auf den Alpen und generell die Bewässerung werde zum Problem, genauso auch die Hitze für die Tiere. Vermutlich müsse man sich mit Kühlungsanlagen in Ställen beschäftigen.

Dass die Ställe und die Landwirtschaften in den kommenden Jahren immer größer werden, davon geht er aus. Dennoch sieht Vetter auch große Chancen für kleine Betriebe. Seiner Meinung nach wird es viele neue Organisationsformen geben. Der landwirtschaftliche Nebenerwerb, wie wir ihn aktuell kennen, werde so nicht lange Bestand haben, sondern zukünftig nur mehr in temporären Formen stattfinden. Dann soll zeitlich begrenztes Arbeiten auf dem Hof völlig normal sein. Auch wenn die Anzahl der Landwirte derzeit stetig abnimmt, ist Vetter optimistisch gestimmt, dass sich das Blatt durch neue Geschäftsmodelle in naher Zukunft auch wieder wendet.

Simon Vetter im Gewächshaus. <span class="copyright">Hartinger</span>
Simon Vetter im Gewächshaus. Hartinger

Bauverbot

So eine Trendumkehr kann langfristig allerdings nur stattfinden, wenn landwirtschaftliche Fläche übrig bleibt. Der Gemüsebauer ist überzeugt, dass es spätestens in 50 Jahren ein Bauverbot geben wird. Ein besorgniserregendes Thema, wie Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Moosbrugger zu bedenken gibt. „Wir verlieren in Vorarl­berg jährlich rund 100 Hektar ertragreicher Fläche durch Verbauungen. Wenn das so weiter geht, haben wir in 200 Jahren keine landwirtschaftliche Fläche mehr.“ Aktuell gebe es rund 3400 landwirtschaftliche Betriebe in Vorarlberg. Nehme man den jährlichen Bodenverbrauch jedoch als Indikator, dann wären es in 50 Jahren rund 500 Betriebe weniger.

Die beiden Landwirte und Moosbrugger sind sich einig: Der Beruf des Landwirts wird und muss wieder an Wertschätzung gewinnen. „Zu den Kernaufgaben wird die Versorgungssicherheit zählen. Die Selbstversorgung wird immer wichtiger“, so Moosbrugger. Es müsse ein Umdenken hinsichtlich des Konsumverhaltens der Menschen geben. Gerade durch den Krieg in der Ukraine nehme das Thema Lebensmittelversorgung wieder an Fahrt auf. Man merke hinsichtlich des Gases, was es heiße, abhängig zu sein. Simon Vetter geht davon aus, dass der Fleischkonsum zurückgehen und alternative Ernährungsformen an Zuspruch gewinnen werden. An Letzteres knüpft auch der Landwirtschaftskammerpräsident an, er zieht beispielsweise Insekten als Proteinquellen für Menschen und Tiere in Betracht.

Der Verlust an Ackerboden schreitet fort. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Verlust an Ackerboden schreitet fort. Hartinger

Bewirtschaftung der Alpenregion

Zudem müsse bei vielen wieder Verständnis für die Aufgaben eines Landwirtes geschaffen werden. Dass beispielsweise die Alpenregionen nur mit Viehwirtschaft bewirtschaftet werden können, sei vielen nicht bewusst. Wenn die Alpen im Sommer nicht mehr genutzt werden, wird ein Szenario wie dieses sehr wahrscheinlich: Das Landschaftsbild wird sich komplett verändern. Almflächen verwuchern durch Büsche oder Bäume. Dies hätte zur Folge, dass Wanderwege nicht mehr begehbar sind. Das ungeschnittene Gras wird zum Rutschuntergrund, was dazu führt, dass vermehrt Lawinen und Muren abgehen werden. Genau aus diesem Grund werde es in Bergregionen immer den Wiederkäuer benötigen, auch um Gras zu Lebensmitteln wie Milch und Fleisch zu veredeln.

Liegt die Zukunft der Landwirtschaft in höheren Lagen? <span class="copyright">Hartinger</span>
Liegt die Zukunft der Landwirtschaft in höheren Lagen? Hartinger

Für die Zukunft der Landwirtschaft sei weiters wichtig, egal ob in der Tierhaltung oder dem Gemüseanbau: „Wenn bei uns durch neue Auflagen etwas verboten wird, dann muss es auch für Produkte, die importiert werden, gelten. Ich sehe die Politik gezwungen zu handeln und klare Spielregeln zu schaffen“, so Moosbrugger. Gerade kleine Betriebe würden die laufend neuen Anforderungen, die damit verbundenen Kosten und der Aufwand vor Herausforderungen stellen. Die Lösung könne aber auch nicht sein, dass immer alle noch größer werden, denn: „Durch vorhandene Strukturen sind der Größe der Betriebe Grenzen gesetzt. Wir werden im internationalen Vergleich nicht mithalten können“, so der LWK-Präsident. Qualität soll in der Vorarlberger Landwirtschaft vor Quantität kommen, auch in Zukunft.