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Zwischen Loslassen und Festhalten

05.06.2022 • 14:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Tagebuch von Heidi Salmhofer
Neue Tagebuch von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Meine Tochter ist weg. Also nicht so weg, dass sie nun ein Eigenheim mit Garten und einen Job mit Gehalt hat, sondern so weg, dass sie erstmals über einen längeren Zeitraum (eine krasse ganze Woche) ohne Elternkontakt unterwegs ist – weiter weg als das nächstgelegene Skiressort. Tochter Eins ist mit ihrer Klasse in Salzburg. Es ist zum Verzweifeln, keine WhatsApp-Nachricht, keine Fotos, kein Mucks. Das lässt mich ein wenig – auf gut wienerisch – betropetzt zurück. Ich ertappe mich doch tatsächlich dabei, wie ich abwäge, ob ich ihr jetzt schreiben soll oder nicht. Das kenne ich normalerweise nur von angehenden Männerfreundschaften, aber bei meiner Tochter!?

Ich bin so unfassbar neugierig, wie es ihr geht, was sie macht und wieviel Kohle sie schon ausgegeben hat. Und irgendwo im Hinterstübchen raunt mir eine Stimme ganz leise zu, dass mich Tochter Eins aufhört zu brauchen. Wenn ich diesem Flüstern kontere, dass das nun einmal zum Erwachsenwerden dazu gehört, kommt schon die nächste innere Gedankenargumentation daher. „Mach dir gefälligst Sorgen! Was bist du nur für eine Mutter!“ – „Sorgen mache ich mir erst dann, wenn die Lehrerin anruft. Also sei gefälligst still!“

Ich lasse sie flügge werden, versuche mit all meiner Kraft, ihr die Möglichkeit zu geben, sich außerhalb der Mama-Welt zu bewegen, ohne Kontaktaufnahme. Diese paar Tage halte ich durch und prüfe, ob ich es nicht genießen kann, dass in der Wohnung derzeit nur der halbe Saustall entsteht. Tochter Zwei hat es nämlich bis dato nicht geschafft, diesen für beide zu erledigen.

In ein paar Tagen ist die Große wieder retour. Wahrscheinlich mit einem bisschen größeren Ego, neuen mir fremden Jugendwörtern und einem Haufen an Schmutzwäsche. Dann werden die frisch ausgebreiteten Flügel bei Bedarf wieder eingezogen, und man bleibt im heimatlichen Nest. Hier ist dann doch die Basisversorgung gegeben, inklusive Mama-Umarmung. 14 Jahre ist sie jetzt, die Zwetschke. In vier Jahren, ich wage es kaum zu denken, ist sie volljährig und bereit, ihren eigenen Lebensweg zu gehen. Skiwochen, Freundinnen, Freiheiten bereiten sie darauf vor, diesen auch verantwortungsvoll sich selbst und anderen gegenüber gehen zu können. Bis dato macht sie das wirklich toll.
Ganz loslassen kann ich aber dennoch nicht, eine kleine Handy-App zeigt mir immer, wo meine Kinder sind. Vice versa wissen sie auch, wo ich mich so herumtreibe. Fair enough. Loslassen ist eine verdammte Herausforderung.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.