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„Die Situation wird sich verschärfen“

09.06.2022 • 18:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die hohen Energiepreise wirken sich massiv auf die Betriebskosten aus.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Die hohen Energiepreise wirken sich massiv auf die Betriebskosten aus. Hartinger

Bei den Sozialeinrichtungen wird die Teuerung erst langsam spürbar – erwartet wird aber, dass der Druck steigen wird.

Dramatisch gestiegen ist die Zahl der Hilfesuchenden bei der Beratungsstelle Existenz&Wohnen der Caritas derzeit noch nicht – trotz aktueller Teuerungen. Stellenleiter Christian Beiser spricht von einem Plus im einstelligen Prozentbereich im Vergleich zum Vorjahr. Schon deutlicher sei der Zuwachs allerdings bei neuen Klientinnen und Klienten beziehungsweise Erstkontakten. Dort beträgt er über 20 Prozent.

„Manche Effekte spüren die Menschen jetzt schon, etwa die stark gestiegenen Lebensmittelpreise“, sagt Beiser. Das wirke sich dann häufig auf das Einkaufsverhalten aus: Es wird bewusster, vielleicht billiger gekauft. „Das ist aber etwas, das nicht unbedingt zu uns führt“, erläutert der Experte.

Stellenleiter Christian Beiser.  <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Stellenleiter Christian Beiser. Caritas Vorarlberg

Anders sei es bei den deutlich höheren Energiekosten, erklärt der Stellenleiter. Die seien bei der Caritas durchaus spürbar. Menschen würden mit ihren Betriebskostenabrechnungen kommen, von denen sie nicht mehr wüssten, wie sie sie bezahlen sollen. Derzeit sei man diesbezüglich allerdings noch am Anfang, glaubt Beiser. „Das wird in den nächsten Monaten noch mehr werden.“ Er geht davon aus, dass es spätestens im Herbst deutlich mehr Anfragen von Menschen geben wird, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Darauf stelle man sich ein.

Was die hohen Mieten betrifft, sei dies aber kein neues Thema, sagt Beiser. „Die sind auch in den vergangenen Jahren immer stark gestiegen“, so der Caritas-Stellenleiter. Aktuell seien es eben vor allem die Betriebskos­ten, die vielen Menschen zu schaffen machen.

„Die, bei denen es eh schon knapp ist, haben auch keine Möglichkeit, etwas umzuverteilen.“

Christian Beiser, Caritas

Überlastung

Rund ein Drittel der Klientinnen und Klienten der Caritasstelle, von denen das Einkommen bekannt ist, brauchen über 40 Prozent desselben fürs Wohnen, erklärt Beiser. Das entspreche der von der Statis­tik Austria definierten „Wohnkostenüberbelastung“. Es gebe aber auch Menschen, die über die Hälfte ihres Einkommens dafür aufwenden müssen, so seine Erfahrungen. „Und es werden mehr werden, wenn nicht Maßnahmen ergriffen werden“, sagt der Fachmann.

Es sind häufig die „klassischen“ Gruppen, die besonders von Armut betroffen sind: Alleinerzieherinnen, langzeitarbeitslose und chronisch kranke Personen oder auch Pensionistinnen und Pensionisten. Wobei der Anteil von Letzteren bei der Caritas-Beratungsstelle unter dem Durchschnitt liegt.
„Die, bei denen es eh schon knapp ist, haben auch keine Möglichkeiten, etwas umzuverteilen“, erläutert Beiser das Dilemma. Seine Prognosen für die Zukunft sind eher düster: Wenn die Teuerung so weiter­gehe, „wird es sich auch für Menschen, die jetzt noch ohne Hilfssystem auskommen, nicht mehr ausgehen.“

Dowas-Geschäftsführer Peter Brunner.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Dowas-Geschäftsführer Peter Brunner. Klaus Hartinger

Problem

Auch beim Dowas in Bregenz, das neben der Notschlafstelle auch Beratung und andere Formen von Unterstützung für sozial Schwächere anbietet, bemerkt man, dass die Teuerung für die Klientinnen und Klienten zum Problem wird, sagt Geschäftsführer Peter Brunner. Wobei auch er davon ausgeht, dass sich die Situation noch verschärfen wird.

„Wir haben Klientinnen und Klienten, die schon vorher stark belastet waren und am Rande der Finanzierbarkeit leben“, gibt Brunner zu bedenken. Diese würden derzeit noch mehr in Bedrängnis geraten, so sein Eindruck. „Der Druck ist gestiegen und vor allem die Unsicherheit, was die Zukunft betrifft.“ Was kommt auf uns zu, sei die bange Frage, die sich Menschen stellen, die bereits jetzt am Limit seien. Die Verzweiflung sei manchmal schon sehr groß.

Die hohen Spritpreise sind für die beim Dowas Ratsuchenden indes größtenteils kein Problem, weil die meisten gar kein Auto haben. Die hohen Energiepreise werden hingegen erst im nächs­ten Jahr so richtig schlagend, so Brunners Vermutung. „Davor fürchten wir uns jetzt schon.“ Mittlerweile gebe es Gruppen von Menschen, die sich vor zwei, drei Jahren nie gedacht hätten, dass sie mal zum Dowas kommen, sagt der Geschäftsführer abschließend.

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