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Stürmischere Zeiten für Versicherungen

09.06.2022 • 19:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Klaus Himmelreich ist einer von zwei Vorstandsdirektoren der Vorarlberger Landesversicherung. <span class="copyright">VOL.AT</span>
Klaus Himmelreich ist einer von zwei Vorstandsdirektoren der Vorarlberger Landesversicherung. VOL.AT

Branche werde wohl um Prämienerhöhungen nicht herumkommen, meint VLV-Vorstandsdirektor Klaus Himmelreich.

Österreichs Versicherungsunternehmen und damit auch die Vorarlberger Marktteilnehmer müssen sich wohl auf deutlich rauere Bedingungen einstellen. Wie die Finanzmarktaufsicht FMA kürzlich in einem Quartalsbericht mitteilte, sei das Prämienvolumen der Versicherer im ersten Quartal 2022 gegenüber dem Vorjahreszeitraum zwar um 6,96 Prozent auf 6,26 Milliarden Euro gestiegen. Allerdings reduzierte sich das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) im gleichen Zeitraum um rund 68 Prozent auf etwa 102 Millionen Euro. Damit einher gehe auch ein Rückgang der Ertragskraft, denn die Umsatz-Rendite (EGT zu Prämien) sei dadurch gesunken. Die Eigenmittelausstattung der Versicherungsunternehmen sei dennoch weiterhin gut. Allerdings hätten beispielsweise die stillen Reserven der Kapitalanlagen um beinahe 20 Prozent abgenommen.

Sichtbares Wachstum bei Prämien

Bei der Vorarlberger Landesversicherung VLV, dem größten Versicherungsunternehmen im Ländle bezogen auf Stammsitz und Kernmarkt Vorarlberg, wird die zunehmend herausfordernde Situation grundsätzlich bestätigt. Ein sichtbares Wachstum bei Prämien und Beiträgen sei eine Tatsache, sagte Vorstandsdirektor Klaus Himmelreich im wpa-Gespräch. Allerdings müsse dabei berücksichtigt werden, dass ein sehr großer Teil dieser Zuwächse auf Index-Anpassungen der Versicherungen zurückzuführen sei und nur ein kleiner Teil auf organisches Wachstum.

Bei der VLV habe man in der versicherungstechnischen Rechnung im ersten Quartal 2022 aufgrund eines im Vergleich zu Restösterreich „güns­tigen Schadensverlaufes“ etwa bei wetterbedingten Ereignissen noch eine gute Entwicklung gehabt. Die versicherungstechnische Rechnung bildet einfach formuliert das klassische Versicherungsgeschäft (Prämien-Einnahmen versus Ausgaben für Schadensleistungen) ab. „Das konnte die im Finanzergebnis beziehungsweise in der nichtversicherungstechnischen Rechnung deutlich schlechtere Entwicklung noch abfedern“, so Himmelreich. Denn Tatsache sei auch, dass das Finanzergebnis der VLV sehr viel geringer ausgefallen sei als im ersten Quartal 2021.

Das habe mehrere Gründe. An erster Stelle sei der Krieg von Russland gegen die Ukraine zu nennen, der die internationalen Börsen ab Mitte Februar äußerst volatil habe werden lassen. Bereits an zweiter Stelle seien steigende Zinsen bei bestimmten Veranlagungen zu nennen. Das führe etwa bei Anleihen zu Wertberichtigungen im Anlageportfolio einer Versicherung, sagte Himmelreich.

Aktien und Anleihen

Die meisten Versicherungen legen die für das operative Geschäft nicht unmittelbar benötigten Gelder aus Prämieneinnahmen in Aktien, Anleihen und in Immobilien an, um sie bei Bedarf abrufen zu können. Die finanzielle Entwicklung in diesem Bereich bildet die nichtversicherungstechnische Rechnung ab. Bei der VLV entfalle der Großteil dieser Veranlagungen auf Aktien und Anleihen und damit auf den Kapitalmarkt.

Problematisch ist für Versichungern, dass man weder auf schadensträchtige Ereignisse noch auf Turbulenzen am Kapitalmarkt Einfluss hat. <span class="copyright">Symbolbild/vol.at</span>
Problematisch ist für Versichungern, dass man weder auf schadensträchtige Ereignisse noch auf Turbulenzen am Kapitalmarkt Einfluss hat. Symbolbild/vol.at

Im zweiten Quartal 2022 habe sich die Schadensentwicklung bei der VLV jedoch erkennbar verschlechtert. „Es gab regelmäßig Schäden etwa durch Starkregen, Hagel oder Sturm“, so Himmelreich. Deswegen werde das Ergebnis der versicherungstechnischen Rechnung im zweiten Quartal nicht mehr so positiv abfedernd auf das Gesamt-EGT wirken können wie im ersten Quartal.
Dabei müsse man gleichzeitig von einer weiteren Verschlechterung des Finanzergebnisses ausgehen, es werde deutlich unter Druck kommen. Das sei insofern entscheidend, da das Finanz­ergebnis einen vergleichsweise hohen Beitrag zum Gesamt-EGT der VLV leistet. „Für das Jahr 2022 sehen wir deshalb ein großes Fragezeichen hinter der Ertragsentwicklung“, so der VLV-Vorstandsdirektor.

Keinen Einfluss

Für ein Versicherungsunternehmen wie die VLV besteht das Problem darin, dass man auf große Schäden auslösende Ereignisse wie Stürme und Hagel oder Turbulenzen an den Kapitalmärkten keinen Einfluss hat. Dennoch müssen die Versicherer darauf reagieren, entweder kurzfristig über Prämienerhöhungen oder mittelfristig über Anpassungen der angebotenen Versicherungsleistungen. „Man kann jedenfalls bei Eigenheimen und Haushalten davon ausgehen, dass die Prämien bald steigen dürften“, so Himmelreich.

Günther Bitschnau/wpa

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