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Die helvetische Ikone, die einfach alles kann

12.06.2022 • 20:42 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dieses Modell erscheint ein wenig übertrieben. Hersteller Wenger gehört auch zum Victorinox-Konzern
Dieses Modell erscheint ein wenig übertrieben. Hersteller Wenger gehört auch zum Victorinox-Konzern AP

Kaum ein Produkt ist so einzigartig wie das Schweizer Taschenmesser.

Als der kanadische Astronaut Chris Hadfield und sein Kommandant mit der Raumfähre Atlantis die Allstation Mir erreichten, bekamen sie ein Problem. Die beiden konnten die Luke nicht öffnen, durch die sie in die Station gelangen sollten. Die Tür war zu fest verschlossen. „Wir brachen in die Mir ein, indem wir ein Schweizer Taschenmesser benutzten“, erinnerte sich Hadfield später. Dann gab Hadfield noch einen Tipp zum Schweizer Taschenmesser: „Verlasse den Planeten nie ohne eines.” Selbstredend gehört das Schweizer Taschenmesser inzwischen zur Ausrüstung für Astronauten der US-amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa.

Die schwindelerregende Anekdote vom November 1995 gehört zu den vielen nahezu unglaublichen Erzählungen, die sich um das Schweizer Taschenmesser ranken. Das kleine Instrument genießt nicht nur bei Astronauten Kultstatus, sondern auch bei Millionen anderen Menschen rund um den Globus. Nur wenige andere Produkte können es in Punkto Bekanntheit, Unverwechselbarkeit, Nützlichkeit und Multifunktionalität mit dem „Swiss Army Knife“ aufnehmen. Das Klappgerät schaffte es sogar in etliche Museen, etwa das New Yorker Museum of Modern Art. Und fast scheint es so, dass jenes Image des präzisionsvernarrten Schweizers, der immer perfekte Arbeit abliefern will, auch durch das Taschenmesser entstand.

Jubiläum eines Welterfolges

Heute, am 12.Juni, feiern die Fans den Geburtstag der helvetischen Ikone. Genau vor 125 Jahren, am 12. Juni 1897, ließ der Schweizer Karl Elsener sein „Offiziers- und Sportmesser“ gesetzlich schützen. Das elegante Werkzeug, eigens für das Führungspersonal der Schweizer Armee konstruiert, war sogar mit einem Korkenzieher ausgestattet. Der Genuss eines edlen Tropfens war den Offizieren somit stets ermöglicht, in der Kaserne oder im Feld.

Inzwischen lassen auch andere Armeen ihre Soldaten mit Schweizer Messern ausrüsten. Bei den Schweizer Streitkräften gibt es übrigens kein „Offiziersmesser“ mehr. Alle Uniformierten erhalten dasselbe Modell.

Die Erfindung bescherte dem Messerschmied Elsener aus Ibach im Kanton Schwyz grenzenlosen Ruhm und ein florierendes Unternehmen, Victorinox, das seine Familie noch heute steuert und besitzt – in vierter Generation. Die drei Nachfolger Karl Elseners hießen und heißen Carl Elsener. Für den Konzern arbeiten weltweit 2100 Menschen. Jeden Tag fertigt Victorinox 45.000 Taschenmesser und Taschenwerkzeuge – damit stehen die Eidgenossen im Weltmarkt oben. Anfang März aber fiel ein Markt weg: Russland. Victorinox zog sich aus dem Reich des Kriegs-Präsidenten Wladimir Putin zurück, wie viele andere Schweizer Unternehmen auch.

400 Millionen Euro Jahresumsatz

Im Victorinox-Sortiment finden die Kunden auch Haushalts- und Berufsmesser, Uhren, Reisegepäck und Parfums. Doch der Kern des Victorinox-Geschäfts, das pro Jahr rund 400 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, bleiben die Schneidewerkzeuge. „Die Grundfunktionen unserer Sackmesser kennen Sie bestimmt“, sagt Claudia Mader-Adams, Sprecherin von Victorinox und zählt sie auf: „Klinge, Dosenöffner, Kapselheber, Schraubendreher, Korkenzieher, Pinzette und Zahnstocher.“ Auch bieten die handlichen Geräte eine Holzsäge, Schere und Inbusschlüssel.

„Wussten Sie, dass einige unserer Sackmesser auch noch ganz andere Dienste erfüllen?“ fragt die Sprecherin. „Zum Beispiel können Sie damit einen Draht abisolieren. Wollen Sie es dabei sehr genau nehmen, unterstützt sie die integrierte Lupe.“

Das Topmodel „Swiss Champ“ vereint 33 Funktionen. Es besteht aus 64 Einzelteilen, durchläuft bei seiner Fertigung 450 Arbeitsschritte. Welches Modell ein Arzt auf einem Inlandflug in Indien bei einer Notoperation benutzte, lässt sich nicht mehr genau ermitteln. Ein Kind hatte ein Bonbon verschluckt und drohte daran zu ersticken. Zwar war medizinisches Operationsbesteck an Bord, aber nicht das richtige. Der Arzt erhielt von einem Passagier ein Taschenmesser. Damit führte er einen Luftröhrenschnitt durch. Das Kind überlebte.

Werkstatt für Messerschmiede

Begonnen hatte alles 1884. Elsener gründete eine Werkstatt für Messerschmiede in Ibach, wo die Firma noch immer ihren Sitz hat. Seine Mutter Victoria unterstützte ihn mit Hingabe. In Gedenken an sie wählte Elsener ihren Vornamen Victoria als Markennamen und ließ auch das Emblem mit Kreuz und Schild gesetzlich schützen. Heute ist es in über 120 Ländern als Markenzeichen eingetragen. Die Erfindung des rostfreien Stahls, Inox, 1921 war für die Messerschmiede ein Quantensprung.

Die Wörter „Victoria“ und „Inox“ wurden zum Markennamen verschmolzen. In Ibach wurde 1931 die erste vollelektrische Härterei der Welt eingerichtet. „Damit kann eine gleichbleibend hohe Qualität sämtlicher Messer sichergestellt werden“, heißt es von Victorinox. Der Zweite Weltkrieg dann hatte auch für die Firma aus der neutralen Schweiz seine Folgen – und zwar positive. US-Soldaten, die in Europa stationiert waren, erwarben massenweise die Klappmesser aus dem Alpenland und machten sie in ihrer Heimat so richtig bekannt. In der Folge expandierte Victorinox global, selbst im fernen Japan erfreuen sich die Schneidewerkzeuge einer hohen Beliebtheit.

Einen weiteren Meilenstein passierten die Elseners 2005: Sie übernahmen den alten Schweizer Rivalen Wenger – die Messerschmiede aus Delsberg im Kanton Jura blieb aber bis 2013 eine selbständige Marke von Victorinox. Seitdem stammen alle Soldatenmesser der Schweizer Armee aus dem Victorinox-Verbund. Zuvor hatten Victorinox und Wenger die Armee teils gemeinsam und teils abwechselnd beliefert. Ein typisch Schweizerischer Kompromiss – praktisch wie das Taschenmesser.