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Eine Legende, die gar nicht zu Red Bull passt

12.06.2022 • 20:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
In Monaco durfte Sergio Perz jubeln
In Monaco durfte Sergio Perz jubeln (c) IMAGO/Marco Canoniero (IMAGO)

Sergio Perez kämpft plötzlich um den Weltmeistertitel.

Junge, coole und aufstrebende Talente mit großem Potenzial und ebenso großer Beliebtheit bei Fans und in den sozialen Netzwerken. Nach diesem Anforderungsprofil stellte sich Red Bull in der jüngeren Vergangenheit sein Fahrerduo zusammen. Warum auch nicht, wirbt die Firma doch gerne mit waghalsigen Athleten, die aus Helikoptern springen oder einer Lawine davonbrausen. Wie passt dann aber ein 32-jähriger, zweifacher Familienvater ins Konzept?

Die Antwort: Perfekt. Jahrelang waren die Bullen in der Formel 1 auf der Suche nach einem idealen Partner für Max Verstappen. Daniil Kwjat, Alexander Albon und Pierre Gasly scheiterten an der Seite des Niederländers am hohen Erwartungsdruck und der wohl nicht immer einfachen Zusammenarbeit. Mit dem routinierten Mexikaner wagte der britisch-österreichische Rennstall ein Experiment, dessen Ergebnis sich nun endgültig als positiv herausstellt.

In der Vorsaison zu Beginn noch mit Problemen, verhalf er seinem Teamkollegen beim WM-Finale in Abu Dhabi bereits zum Titel, in dem er mit all seiner Routine und Erfahrung Lewis Hamilton hinter sich zum Verzweifeln brachte. “Checo ist eine Legende”, funkte Verstappen direkt nach der Zieleinfahrt an die Box und bedankte sich im Moment seines größten Erfolgs gleich beim teaminternen Kollegen.

Just in Baku, Austragungsort des heutigen Grand Prix (Start: 13 Uhr), fuhr er dann seinen ersten Sieg für Red Bull ein. Dieses Jahr folgte in Monaco sein zweiter Streich für das Team und plötzlich werden Diskussionen laut, ob sich aus dem Zweikampf zwischen Verstappen und Charles Leclerc nicht eventuell ein Dreikampf mit mexikanischer Beteiligung entwickeln könnte. “Derzeit ist Max klar der Schnellere, hat drei Siege mehr als Checo (Sergio Perez, Anm.) – und das bei einem Ausfall mehr. Sollte er jedoch Probleme bekommen, ist Checo sicher zur Stelle.” Teamchef Christian Horner sieht es sogar noch etwas offener: “Uns ist egal, wer von beiden Weltmeister wird. Sie beide haben die gleichen Chancen.”

Doch wie kam es dazu, dass die im Vorjahr noch klare Nummer zwei nach Jahren des Wanderns (Sauber, McLaren, Force India/Racing Point) plötzlich im Gespräch um den Weltmeistertitel ist? Das Talent dazu hatte Perez von Beginn an, schaffte 2011 den Sprung über seine Ferrari-Beziehungen ins Sauber-Team. Nach einem durchwachsenen Premierenjahr fuhr er in einem unterlegenen Boliden zu drei Podiumsplatzierungen, was ihm ein vielversprechendes Engagement bei McLaren einbrachte – zum leider ungünstigsten Zeitpunkt. Die Mischung aus hohen Erwartungen und einem Rennstall, der sich auf dem absteigenden Ast befand, führten zur Trennung nach nur einem Jahr.

Mit Force India, später Racing Point, entwickelte er sich zu einem der konstantesten Fahrer. Sein beeindruckender Umgang mit den oftmals launischen Reifen brachte ihm schnell den Beinamen “Reifenflüsterer” ein. Trotz seiner Fähigkeiten stand der Mexikaner nach seinem Aus 2020 aber lange Zeit vor einer Karrierepause oder gar dem Ende. Bis ihn die Bullen überraschend in letzter Sekunde verpflichteten, er sich erstmals bei einem absoluten Top-Team wiederfand. “Tatsächlich war er für uns kein Unbekannter und vor 14 Jahren am Sprung in unser Junior-Team. Wir haben einfach gesehen, dass wir nach den Erfahrungen mit Gasly und Albon einen erfahrenen Piloten brauchen, wenn wir um die WM kämpfen möchten”, erinnert sich Marko, der seinen Schützling auch abseits der Strecke lobt, zurück. “Er ist der beste Teamplayer, den wir je hatten und fahrerisch derjenige, der am nächsten an Verstappen dran ist. Ansonsten ist er ein emotionaler Mexikaner, der so seine Schwingungen hat.”

Dieses Lob ist für Perez zwar sicher schön zu hören, viel größer dürfte dann jedoch die Freude über die Vertragsverlängerung bis 2024 gewesen sein. “Das macht mich extrem glücklich. Ich bin so stolz drauf, Teil dieses Teams zu sein und fühle mich hier jetzt wie zu Hause. Ich bin gespannt, wohin uns die Zukunft führen wird”, erklärte er. Vielleicht sogar früher als später zum ersten mexikanischen Weltmeistertitel in der Formel 1.

Und in einer anderen Hinsicht hat sich das Engagement schon jetzt ausgezahlt. Ein Drittel (!) aller verkauften Red-Bull-Racing-Shirts und Merchandising-Ware geht derzeit an mexikanische Fans. Perez ist dort schon jetzt Held der Nation. Und sein Status wird, solange er im WM-Kampf involviert ist, von Tag zu Tag noch heldenhafter …