Allgemein

So gelingt die geordnete Rückholaktion ins Büro

12.06.2022 • 20:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
So gelingt die geordnete Rückholaktion ins Büro
(c) fiskez – stock.adobe.com

Worauf ist bei einem Mix aus Homeoffice und Präsenz zu achten?

Fast keine Stellenausschreibung für Bürojobs kommt mittlerweile mehr ohne das “Zuckerl” aus, einen Teil der Arbeit aus dem Homeoffice bestreiten zu können. Das Arbeiten von daheim aus, ein “Kind” der Pandemie, ist gekommen, um zu bleiben. Als Notfallprogramm während der vergangenen Corona-Lockdowns teilweise überfallartig umgesetzt, gehört es mittlerweile (fast) zur neuen Normalität. Nicht zur Freude aller.

Bei manch Vorgesetztem, aber auch teilweise bei Mitarbeitern, sorgt die zeitweilige Dislozierung des Arbeitsplatzes in die eigenen vier Wände für Argwohn. Zuletzt sorgte diesbezüglich die Befehlsausgabe von Tesla-Chef Elon Musk für klare Fronten. “Jeder bei Tesla muss mindestens 40 Stunden in der Woche im Büro verbringen”, forderte er per unternehmensweiter E-Mail von den Mitarbeitern des Elektroautoherstellers. “Wenn jemand nicht erscheint, müssen wir davon ausgehen, dass diese Person das Unternehmen verlassen hat”, heißt es darin. Ausnahmen seien nur noch unter besonders außergewöhnlichen Umständen möglich und müssten von ihm persönlich abgesegnet werden.

Analyse von Wirkungsmechanismen

Während manche Unternehmen also auf Präsenz während der Arbeit setzen, sind andere sehr offen für Remote Work. Für beide Varianten gibt es eine lange Liste an Für und Wider. Fest steht, dass der abrupte Wechsel ins Homeoffice in der Anfangsphase der Pandemie für viel Druck gesorgt hat. Wochenlang von zu Hause aus zu arbeiten, ohne entsprechende Infrastruktur, dafür mit betreuungshungrigen Kindern oder – im anderen Extrem – niemandem um sich, hat für Verunsicherung und Stress gesorgt beziehungsweise zu Vereinsamung geführt.
Psychotherapeuten wie Gerald Käfer-Schmid haben seither Hochsaison.

Käfer-Schmid führt eine Praxis in Wien und hat sich unter anderem auf Performance-Psychologie spezialisiert. Dabei geht es um eine multidisziplinäre Sicht auf die individuelle Leistungsfähigkeit. Im Fokus steht eine Analyse von Wirkungsmechanismen und es geht darum, persönliche Prioritäten zu identifizieren und Rahmenbedingungen zu entwickeln, die zu einer optimalen Leistung beitragen. Gerade im Zusammenhang mit Homeoffice-Strukturen wird das zur Herausforderung.

“So lange nichts passiert, wird meistens nichts gemacht”

Das Gefühl, ständig präsent, verfügbar und “im Tun” sein zu müssen, kontrastierte mit der Vereinzelung. “Das Dazwischen, der Austausch am Gang, das informelle Miteinander ist weggefallen und hat gefehlt”, sagt Käfer-Schmid. Schließlich sei der Mensch ein soziales Wesen. Die fehlende (räumliche) Abgrenzung zwischen Privatem und Arbeit hat teilweise zu Überforderung und Versagensängsten geführt, so der Psychotherapeut.
Er sieht an dieser Stelle die Arbeitgeber ebenfalls in der Pflicht: “Es ist auch die Verantwortung von Unternehmen, insbesondere von Personalabteilungen, darauf zu achten, dass die Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben.”

Das Problem: “So lange nichts passiert, wird auch meistens nichts gemacht”, vermisst Käfer-Schmid entsprechende Präventionsmaßnahmen zur Steigerung der Resilienz und Minderung der Burnout-Gefährdung bei Mitarbeitern.

Klare Regeln helfen, ein Chaos abzuwenden

Bei der schwierigen Suche nach strukturierten Arbeits- und Aufgabenfeldern sowie nach einer belastbaren und für alle Seiten zielführenden Aufteilung zwischen Büro und Homeoffice, müssten die Human-Ressources-Abteilungen beispielsweise entsprechende Unterstützung in Form von Workshops und Coachings bieten, rät Käfer-Schmid.

Ob Homeoffice, eine geschlossene Rückholaktion der Belegschaft ins Büro oder eine Mischvariante aus dem Besten aus beiden Welten: Es braucht Kooperation und Koordination – ansonsten verblassen die Vorteile, die durch Hybridvarianten auch für Arbeitgeber möglich sind – Kosteneinsparungen durch Desk-Sharing beispielsweise – schnell. Stattdessen können Irritationen und Spannungen wuchern.

Klare Regeln helfen, ein Chaos abzuwenden. Dabei gilt: Weniger ist mehr. “Komplexe Regelsysteme haben den großen Nachteil, dass ein Teil der Regeln unbekannt und unbeachtet bleibt und sich jeder Mitarbeiter die für ihn passenden Vorschriften herausgreift”, warnt Wolfgang Güttel vom Institute of Management Science an der Technischen Universität Wien. Er rät zu idealerweise maximal vier bis sieben einfachen und präzisen Handlungsanleitungen als Orientierungsrahmen für eine gelingende Zusammenarbeit.

Homeoffice in Österreich

In den heimischen Unternehmen gibt es eine verstärkte Rückkehr aus dem Homeoffice an den Arbeitsplatz. Im ersten Quartal 2022 haben 18,8 Prozent der Erwerbstätigen von zu Hause aus gearbeitet, geht aus der Mikrozensus-Befragung hervor.

Dies entspreche einem Rückgang von 7,8 Prozentpunkten gegenüber dem ersten Quartal 2021, damals waren es 26,6 Prozent, teilt die Statistik Austria mit.

10,6 Prozent der Befragten gaben an, wegen der Corona-Pandemie im ersten Quartal von zu Hause aus gearbeitet zu haben. Auch dieser Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozentpunkte zurückgegangen. Geringe Unterschiede gab es laut Statistik Austria bei den Telearbeitsanteilen der Männer (17,7 Prozent) und Frauen (19,2 Prozent).

Noch immer wurde umso häufiger von zu Hause aus gearbeitet, je höher das Bildungsniveau und je höher die berufliche Qualifikation ist. Die höchsten Telearbeit-Anteile gab es in den Branchen “Information und Kommunikation” (54,9 Prozent) und “Finanz- und Versicherungsdienstleistungen” (44,3 Prozent) und “freiberufliche technische Dienstleistungen” (35 Prozent).

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.