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EHG: Beruhigung auf dem Stahlmarkt erwartet

13.06.2022 • 19:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Rund 30 Prozent der europäischen Stahlversorgung hängen direkt oder indirekt mit Russland, Belarus oder der Ukraine zusammen. <span class="copyright">AFP</span>
Rund 30 Prozent der europäischen Stahlversorgung hängen direkt oder indirekt mit Russland, Belarus oder der Ukraine zusammen. AFP

Geschäftsführer Stefan Girardi berichtet von turbulenten Zeiten.

Die durchschnittlichen Preise im Gesamtsortiment des Stahl- und Metallgroßhändlers EHG Stahlzentrum sind zwischen dem Frühsommer 2020 und der Gegenwart um rund 130 Prozent und damit um weit mehr als das Doppelte angestiegen. Darüber informierte EHG-Geschäftsführer Stefan Girardi im Gespräch mit der Wirtschaftspresseagentur.com. Manche eher „einfachere“ Produkte wie etwa Stahlträger seien sogar bis zu dreimal teurer geworden.

Völliges Chaos ab Februar

„Wir beobachten diese internationalen Preisanstiege seit dem dritten Quartal 2020. Im Frühjahr 2021 haben die Preise noch einmal stärker angezogen.“ Das völlige Chaos sei dann Ende Februar 2022 mit dem Einmarsch von Russland in der Ukraine ausgebrochen. „Rechtskräftige und zugesagte Bestellungen bei Lieferanten konnte man kübeln. Es war überall nur noch die Rede von höherer Gewalt. Entweder man akzeptierte die neuen, deutlich höheren Preise oder aber man wurde nicht beliefert“, so Girardi. Teilweise seien Lieferketten vorübergehend völlig zusammengebrochen. Allein seit Beginn des Ukraine-Krieges hätten die Preise noch einmal um 30 Prozent zugelegt.

Um die auch für Stahlhändler herausfordernde Situation besser verstehen zu können, müsse man wissen, dass rund 30 Prozent der europäischen Stahlversorgung direkt oder indirekt mit Russland, Belarus und der Ukraine zusammenhängen, sagt Girardi. Wobei der Stahlmarkt an sich global mit einer internationalen Preisbildung sei. „Hier kann man nicht so schnell einfach mal herummanövrieren.“ Die EHG beziehe ihre Ware zu 95 Prozent direkt von Stahl- und Walzwerken.

Bestellungen umgeschichtet

Beim EHG Stahlzentrum habe man auf diese Entwicklung mit mehreren Maßnahmen reagiert. Einerseits wurden die Bestellungen innerhalb des bestehenden Lieferantenpools umgeschichtet. „Dabei war es gar nicht immer so einfach herauszufinden, woher wiederum dann welcher Lieferant weltweit seine Vorprodukte bezieht.“ Jedenfalls werde die EHG jetzt zum größten Teil von Lieferanten aus der EU beliefert. Allerdings registriere man auch verstärkte Lieferungen von Stahlanbietern aus Indien und China sowie der Türkei.

Andererseits habe man zwischen Ende Februar und Ende Mai 2022 einen Neukunden-Aufnahmestopp verfügt. Und auch bei Stammkunden habe man darauf geachtet, dass sie in etwa nur jene Mengen geliefert bekommen, die sie schon in den Vorjahren bezogen haben. „Manche Kunden wollten sich angesichts der Unsicherheiten verständlicherweise über die Maßen hinaus eindecken“, so Girardi. Das wäre sich jedoch in Summe niemals ausgegangen.

Erhöhter Kapitalbedarf

Dass die EHG die Nachfrage hierzulande auf diese Weise bis zum heutigen Tag mehr oder weniger stillen kann, hänge auch mit ihrer Marktbekanntheit und der guten Bonität zusammen, ist Girardi überzeugt. Denn gestiegene Preise im Einkauf wie auch im Verkauf sowie das Vorhalten eines gut gefüllten Lagers würden beim Händler immer zu einem erhöhten Kapitalbedarf führen. „Der Umfang unserer Vorfinanzierungen ist deutlich angestiegen“, erklärt Girardi. Es sei wichtig, dass die Geschäftspartner darauf vertrauen können, dass man das als Händler finanziell stemmen könne.

Auf preislich hohem Niveau

Aktuell geht Girardi davon aus, dass sich der internationale Stahlmarkt nach etwa drei Monaten auf die neue Situation eingestellt habe. „Die Phase der akuten Unsicherheit ist vorbei. Der Markt ist auf dem Weg zurück in das normale Fahrwasser – allerdings auf einem preislich hohen Niveau.“ Für einzelne Produkte habe man die Preise teilweise auch schon wieder senken können. Bei bestimmten Materialien könne die Situation jedoch unverändert knapp werden oder sie seien gar nicht lieferbar. „An die 95 Prozent unseres Sortiments sind jedenfalls verfügbar“, so Girardi. Das Angebot umfasse rund 150 Güteklassen bei Stahl und Metall, das Lager beinhalte an die 18.000 Artikel.

Seit Längerem bekannt

Auf ein Fragezeichen an der Preisfront verweist Girardi allerdings in Bezug auf die Sanktionen gegen Russland. Denn alle Bestellungen bei russischen Lieferanten, die vor dem 16. März 2022 getätigt wurden, können noch bis zum 17. Juni 2022 in die EU eingeführt werden. „Bis jetzt gibt es also noch immer russische Stahllieferungen in die EU. Danach fehlt diese Menge völlig. Man wird sehen, wie sich das preislich auswirken wird.“ Mit der Situation im Februar 2022 sei das jedoch nicht zu vergleichen, da der Termin seit längerem bekannt ist und der Markt sich darauf einstellen konnte.

Günther Bitschnau/wpa