Allgemein

Fluchtgeschichten per Rad erfahrbar

13.06.2022 • 19:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Symbolische Grenzsteine mit Namen markieren die einzelnen Stationen entlang der Strecke. <span class="copyright">Dietmar Walser</span>
Symbolische Grenzsteine mit Namen markieren die einzelnen Stationen entlang der Strecke. Dietmar Walser

„Über die Grenze“ heißt neues Projekt des Jüdischen Museums Hohenems.

Emilie Haas flieht am 28. März 1938 mit ihrer Cpusine Elisabeth Frank bei Höchst übe die Grenze nach St. Margrethen. Im Juni 1942 war sie vor ihrer bevorstehenden Deportation ins Todeslager Sobibor untergetaucht und unter falschem Namen bei Bauern im Sauerland untergekommen. Über einen „arischen“ Bekannten hat sie Kontakt zu ihrer Cousine, die in Vorarlberg untergetaucht ist. Nachdem es ihnen gemeinsam gelungen ist, in die Schweiz zu fliehen, kämpft Haas jahrelang darum, in der Schweiz Dauerasyl zu erhalten.

Das ist eine von 52 Fluchtgeschichten, die nun entlang der Radroute 1 von Bregenz bis Partenen und an einigen Orten in der Schweiz und in Liechtenstein erfahren werden können. Auf symbolischen Grenzsteinen, auf denen die Namen der Geflüchteten und der Opfer stehen, sind QR-Codes angebracht. Sie führen zu einer Website, auf der man die Geschichten, Fotos und Dokumente einsehen kann.

Flucht in die Schweiz

„Über die Grenze“ heißt das Mammutprojekt, das vom Jüdischen Museum Hohenems mit einer ganzen Reihe an Partnern, darunter auch Städten und Gemeinden, realisiert wurde. Das Museum beschäftigt sich bereits seit den 1990er-Jahren mit den Fluchtgeschichten der NS-Zeit entlang der Grenze. Tausende verfolgte Jüdinnen und Juden, politische Nazi-Gegner und -Gegnerinnen Deserteure, Kriegsgefangene, Zwangs- und Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter versuchten zwischen März 1938 und Mai 1945 über Vorarlberg in die rettende Schweiz zu gelangen.

Schon im Sommer 1938 begann die Schweiz allerdings, ihre Grenzen zu sperren. Somit wurde es auf legalem Weg nicht mehr möglich, die Grenze zu überqueren. Auf beiden Seiten gab es allerdings Fluchthelfer und Fluchthelferinnen, sodass es einige doch noch schafften, sich in Sicherheit zu bringen. „Diese Grenzlandschaft hier ist ziemlich eindrucksvoll. Viele wissen davon nichts“, sagte gestern der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems und Projektleiter Hanno Loewy.

Das Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt.  <span class="copyright">Dietmar Walser</span>
Das Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt. Dietmar Walser

Viele dieser Geschichten sind nun in „Über die Grenze“ gesammelt worden. Da ist etwa der ukrainische Kriegsgefangene Nikolay Staletzky, der aus einem Lager im Pongau geflohen war. Er versuchte, über Bregenz in die Schweiz zu fliehen, verwechselte aber die Richtung und wurde auf dem Weg nach Lindau verhaftet. Oder der gebürtige St. Galler Arthur Vogt, der mit dem polnischen Fremdarbeiter Zygmunt Bak über den Grenzübergang Höchst in die Schweiz wollte. Am Rheindamm in Lustenau wurden sie verhaftet und Vogt wegen „Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Erzählt werden die Geschichten anhand von Briefen aus der Zeit, Dokumenten der Behörden, Erinnerungen von Zeitzuegen oder auch Fotografien.

Sternfahrt und Festakt

Eröffnet wird die 100 Kilometer lange Radroute am Sonntag, 3. Juli mit einer Radsternfahrt und einem Festakt auf dem Hohenemser Schlossplatz mit Nachkommen von Flüchtlingen und Fluchthelfern. Über den Sommer gibt es eine ganze Reihe an geführten Radtouren.
Das Projekt rufe bisher „überraschend großes Interesse“ hervor, so Loewy. Das Museum hat jahrelang mit Historikern die Geschichten von Mut, Behördenwillkür, Widerstand und Verfolgung aufgearbeitet. Noch gearbeitet wird an einer englischen Version sowie an einem Buch, das nächstes Jahr erscheint.
www.grenzen.jm-hohenems.at

www.ueber-die-grenze.at

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.