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Der Melodienmacher

18.06.2022 • 23:38 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der Melodienmacher
George Harrison, der immer grimmig dreinschauende Ringo Starr, Paul McCartney und John Lennon bei ihrem Konzert in München am 24. Juni 1966. AP

Zum 80. Geburtstag von Paul McCartney: Die Geschichte vier der großartigsten Beatles-Songs, die er mit und ohne John Lennon schrieb.

John ist als Legende gestorben, und ich werde als alter Mann sterben“, sagt Paul McCartney dann und wann im privaten Kreis, wenn er über seinen 1980 mit 40 Jahren ermordeten besten Freund und kongenialen Partner bei den Beatles, John Lennon, spricht. Die beiden waren Seelenfreunde. Zwei Menschen, die sich gesucht und gefunden hatten; und doch waren Lennon und McCartney auch Wettstreiter, die um die bessere Textzeile, die eingängigere Melodie, die A-Seite der Single ritterten. Zusammen haben die beiden mit George Harrison und Ringo Starr als Beatles einen Liederkatalog geschaffen, der die Jahrhunderte überdauern wird. Lennon befand mal: „Individuell gesehen waren wir ziemlich durchschnittlich. Aber wenn wir zusammen waren, passierte Magisches.“

I Want To Hold Your Hand

Herbst 1963. Die Beatles dominierten seit einem halben Jahr die britischen Charts. Mit dem Millionen-Hit „She Loves You“ hatte die Band aus Liverpool ein neues Musikzeitalter eingeläutet, jetzt galt es für Lennon und McCartney, den nächsten Hit zu schreiben. Die beiden hatten eine Textzeile: „Oh you, got that something“, also: „Du hast das gewisse Etwas“. Das war ein guter Ausgangspunkt, aber sie brauchten eine Melodie und zogen sich in Pauls Wohnung in den Musikraum zurück. Lennon setzte sich an die Orgel, McCartney an das Klavier. Plötzlich schlug Paul einen fantastischen Akkord an. John drehte sich um und sagte: „Das ist es! Mach das noch mal!“ Es war die Geburtsstunde von „I Want To Hold Your Hand“. Die Single verkaufte sich zwölf Millionen Mal.

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Das Bild zeigt die Beatles im Jahr 1963, wenige Tage vor der Veröffentlichung von “I Want To Hold Your Hand”. AP

Yesterday

Jänner 1964. McCartney wachte eines Morgens während eines Gastspiels in Paris mit einer Melodie im Kopf auf, die er gerade geträumt hatte. Was war das für eine Melodie? Ein alter Jazzsong, den er von seinem Vater kannte? Monatelang fragte McCartney herum, doch niemand kannte die Melodie. Jedes Mal, wenn sich fortan Paul mit John zum Schreiben traf, packte er diese Noten aus. Der Song wurde zum Running Gag zwischen den beiden, sie nannten das Stück scherzhalber „Scrambled Eggs“, also „Rührei“. Lennons einziger Beitrag zu dem Song war, dass er Paul in einer Sache bestärkte: Es müsse ein Titel mit nur einem Wort sein. Immer und immer wieder grübelten sie darüber, welches Wort passen könnte. Bis John vorschlug, das Lied „Yesterday“ – „Gestern“ – zu nennen. Jetzt hatten sie es. Als McCartney im Mai 1965 ein paar Tage Urlaub in Portugal machte, brachte er den Song zu Ende, es wurde eine Ballade, die so gar nicht zum Sound der Gruppe passte: Yesterday, bei dem keiner der anderen Beatles mitwirkte, wurde zum berühmtesten Pop-Song des 20. Jahrhunderts. Doch weil den Pilzköpfen diese rührselige Nummer etwas peinlich war, erschien sie in England nicht als Single. Wie jeder Song von Lennon und/oder McCartney während den Beatles-Jahren wurde Yesterday unter dem Label „Lennon & McCartney“ veröffentlicht, was McCartney bis heute verstimmt.

We Can Work It Out

Oktober 1965. McCartney hatte das Fragment eines Songs, den er nach einem Streit mit seiner Freundin Jane geschrieben hatte und das den Titel „We Can Work It Out“ trug. Er komponierte im Schlafzimmer zwei Strophen auf seiner Akustikgitarre. „Try to see it my way, only time will tell if I am right or I am wrong.” Also: „Sieh’s doch mal auf meine Weise. Nur die Zeit wird weisen, ob ich recht hatte oder nicht.“ Doch etwas fehlte. Also nahm er den Song zu John mit, und der steuerte den B-Teil bei: „Das Leben ist sehr kurz, und es gibt keine Zeit zum Streiten und Kämpfen, mein Freund.“
In keinem Song wurden die beiden konträren Weltbilder von Lennon und McCartney deutlicher. Da der optimistische Paul, der über Alltagssituationen schrieb, dort der pessimistische John, der über das Leben philosophierte. McCartney sang seine beiden Strophen solo, Lennons Teil sangen John und Paul gemeinsam – und schafften dabei den kraftvollsten Harmoniegesang ihrer langjährigen Partnerschaft, der in einer Wiener-Walzer-Sequenz gipfelte. Die Nummer erschien auf einer Doppel-A-Seite-Single zusammen mit dem Rocksong „Day Tripper“, das bedeutete, dass es erstmals überhaupt bei einer Single keine vorgegebene Präferenz der Lieder gab. Es war vielleicht die beste aller Beatles-Singles. Zudem nahmen die „Fab Four“ für die beiden Songs Videoclips auf; und erfanden damit das Musikvideo.

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Die Beatles werden im Herbst 1965 von der Queen geadelt – eine Sensation. DPA

A Day In The Life

Jänner 1967. Lennon hatte Textfragmente, die inspiriert von zwei Zeitungsmeldungen waren. Eine Meldung handelte von einem tödlichen Autounfall, die andere von einer Straße mit 4000 Löchern. Der Song mit dem Title „A Day In The Life“, „Ein Tag im Leben“, begann mit der Zeile: „I read the news today”, also „Ich habe heute die Zeitung gelesen“. Aber war das wirklich ein Song? Lennon nahm das unvollendete Werk zu McCartney mit – und der hatte ebenfalls ein paar Textzeilen, bei denen er nicht weiterkam: eine Erinnerung an seine Schulzeit. Aufstehen, sich zurechtmachen, spät dran sein und den Schulbus gerade noch so erwischen.
Die zwei Fragmente hatten nichts miteinander zu tun, aber John überredete Paul, beide Teile zu kombinieren. Es fehlte nur eine Textzeile, die beide Geschichten miteinander verband und ein musikalischer Übergang. Paul hatte seit Längerem die Idee, den zeitgenössischen Ausdruck „Turn you on“ in einem Song unterzubringen – ob das jetzt nicht der passende Moment wäre? „I’d love to turn you on“, „Ich würde es lieben, dich anzumachen“.
Lennon und McCartney sahen einander an, sie wussten, was sie da taten; und nahmen die Zeile, die eine Verbannung aus den BBC-Sendern zur Folge haben sollte. „Turn you on“ war ein Begriff, den der Hippie-Guru Timothy Leary verbreitete, er forderte einen freien Zugang zu bewusstseinsveränderten Drogen und propagierte: „Turn on, tune in, drop out!“ – „Mach Dich an, stell Dich um, spring ab!“ Die Beatles nahmen den Song auf, ließen aber 24 Takte zwischen Lennons erstem Teil und McCartneys B-Teil frei. Um den Beginn des Mittelteils zu markieren, rasselte provisorisch ein Wecker. Doch das Rasseln und Pauls erste Zeile „Bin aufgewacht, aus dem Bett gestolpert“ passten so gut zusammen, dass es drinnen blieb.

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Die Beatles im Juni 1967 bei der ersten weltweiten Satelitten-Sendung. EPA


Paul hatte dann die Idee, die zwei Liedfragmente mit einem Orchesterteil zu verbinden. 40 Sinfoniemusiker wurden engagiert, die den Auftrag bekamen, leise und tief zu beginnen und allmählich immer lauter und höher zu werden, die Musiker sollten dabei nicht darauf achten, was die anderen spielten. Eine epochale Überleitung, ein Geleit in eine andere Sphäre. Doch wie sollten sie von Pauls B-Teil zu Lennons letzter Strophe kommen? Die letzte Zeile des B-Teils lautete: „Schaffte es zum Bus, setzte mich ins Oberdeck, rauchte, jemand redete und ich versank in einem Traum.“ Genau das folgte. Eine surrealistische Sequenz, in der Johns Stimme wie aus dem Nirvana mit einem hypnotischen „Aah“ zu hören war, das immer näher kam und in einem abermaligen „I read the news today“ mündete. Jetzt fügte sich alles zu einer geradezu kosmischen Botschaft zusammen. Blieb noch der Schluss. Die Beatles wiederholten den apokalyptischen Orchesterteil, doch das Lied konnte unmöglich mit diesem Tonanstieg enden.
John und Paul überlegten zwölf Tage lang, bis sie die Lösung hatten: ein fulminanter und düsterer Schlusston sollte den Song beenden. Sie beschlossen, auf drei Klavieren gleichzeitig einen finalen Akkord anzuschlagen und dabei die Lautstärke der Aufnahmeregler bis an den Anschlag nach oben zu drehen. Es entstand eine über 40-sekündige Klangwucht, ein Donnern, das eine Endzeit-Stimmung erzeugte – „A Day In The Life“ wurde zum größten Triumph von Lennon & McCartney. Happy Birthday, Paul!