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Digitale Kommunikation: Eine Hassliebe

20.06.2022 • 13:19 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue </span>Kopfkino von Heidi Salmhofer
Neue Kopfkino von Heidi Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich bin stolze Teilnehmerin und/oder Administratorin von etwas mehr als 20 WhatsApp-Gruppen. Auf meinem Handy sind die Apps Signal, Telegram und der Facebook-Messenger beheimatet. Auch auf diesen bin ich in den verschiedensten Kommunikationsplattformen Mitglied. Von Arbeitsgruppen über Vereine bis hin zu „Wann-gehen-wir-endlich-wieder-auf-einen-Spritzwein“-Freundinnengruppen ist hier alles dabei.

Auf kaum eine der Gruppen kann ich tatsächlich verzichten, auf manche sollte ich aus Höflichkeit nicht, und bei ein paar habe ich es mir erlaubt, sie auf „still“ zu schalten. Es ist nämlich wirklich richtig viel, was da an täglichem Kommunikationsbedarf auf den verschiedensten Kanälen reinkommt. Ich finde es zwar praktisch, dass ich innerhalb kürzester Zeit fünf Mitarbeiterinnen bei einem Theaterprojekt über Aktuelles updaten kann, finde es aber im Gegensatz dazu recht anstrengend, wenn ich über andere Kanäle selber permanent upgedatet werde. Abgesehen davon, dass viele dieser Gesprächsgruppen von manch einem mit stofffremden Themen befüllt werden.

Das alles wäre aber kein Problem, wenn Heidi sich darum bemühen würde (die Betonung liegt hier auf „bemühen“), nicht auf jede Nachricht zu antworten. Und zwar prompt. Das hat zwei Gründe. Erstens: Weil mein Hirn noch immer nicht den Unterschied erkannt hat zwischen direktem Gespräch und einer geschriebenen Telefonnachricht. Zweitens: Weil ich sonst – wegen des Schwalls an Nachrichten – einfach vergesse zu antworten. Mein Hirn filtert nämlich und entscheidet ganz ohne mein Zutun, was es als wichtig empfindet oder nicht. Eine bestimmte Vorgehensweise bei dieser Filterung konnte ich leider noch nicht erkennen. Von Jobanfragen bis hin zu romantischem „Lass uns doch mal auf ein Glas Wein gehen!“-Ansuchen war schon alles dabei.

Wenn ich darüber nachdenke, schaudert es mir. Ich weiß nämlich gar nicht, an was ich mich tatsächlich auch im Nachhinein nicht mehr erinnere. Womöglich ist mir gar nicht bewusst, dass da George Clooney mit mir einen Kaffee trinken wollte oder das Wiener Volkstheater einen Auftrag geschickt hat.
Es wird Zeit, dass ich lerne, digital zu kommunizieren, und: Ich wäre dafür, dass ein neuer Kommunikations-Knigge erstellt wird. Welche Informationen gebe ich wo preis, wie lange darf man mit der Antwort warten etc. Ich befürchte, ich brauche da dringend Hilfe. Sonst wartet mein nächstes Date wieder ungewollt zwei Tage auf eine Antwort, und die A1-Werbung bekommt innert Sekunden ein höfliches „Danke und ein schönes Wochenende“ zurück.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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