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Das Comeback der Kohle wirft viele Fragen auf

21.06.2022 • 00:08 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Offene Fragen rund um die Reaktivierung des Kohlekraftwerks in Mellach. <span class="copyright">APA/ERWIN SCHERIAU</span>
Offene Fragen rund um die Reaktivierung des Kohlekraftwerks in Mellach. APA/ERWIN SCHERIAU

2020 wurde das letz­te Koh­le­kraft­werk Ös­ter­reichs still­ge­legt.


Der Stand­ort hat auch Sym­bol­wir­kung von der En­er­gie­ver­gan­gen­heit in die En­er­gie­zu­kunft“, be­ton­te Ver­bund-Vor­stands­chef Mi­cha­el Strugl vor ziem­lich genau einem Jahr mit Blick auf den Kraft­werks­park im stei­ri­schen Mel­lach süd­lich von Graz. Dort war be­reits 2014 das Öl­kraft­werk still­ge­legt wor­den, im Früh­jahr 2020 folg­te dann das Aus für das Koh­le­kraft­werk.

Raus aus der fos­si­len Ver­gan­gen­heit, hin­ein in neue, al­ter­na­ti­ve En­er­gie­pro­jek­te lau­te­te die De­vi­se. Denn am Stand­ort wur­den zahl­rei­che For­schungs­in­itia­ti­ven ge­star­tet. „Wir haben jetzt Platz ge­schaf­fen für Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en und die fos­si­le Ver­gan­gen­heit dort ab­ge­streift“, be­ton­te Strugl im Vor­jahr. Die „Hot­flex“-Pi­lot­an­la­ge kann über­schüs­si­gen Wind- und Son­nen­strom aus dem Netz ent­neh­men und in Was­ser­stoff um­wan­deln, auch groß­vo­lu­mi­ge Bat­te­rie­spei­cher wur­den in Mel­lach für den Ein­satz als Puf­fer ge­tes­tet.

Als Notfall bei drohender Gas-Knappheit

Das rie­si­ge Gas- und Dampf­kraft­werk mit sei­ner Leis­tung von 838 Me­ga­watt nimmt indes seit Jah­ren eine zen­tra­le Rolle für die Netz­sta­bi­li­sie­rung ein – wenn Wind und Sonne aus­las­sen, wird es an­ge­wor­fen. Zur Si­cher­heit wurde auch das frü­he­re Koh­le­kraft­werk auf der Brenn­stoff­ba­sis Erd­gas be­triebs­be­reit ge­hal­ten. Nun wird in die­sem Kraft­werk der Re­tour­gang ein­ge­legt. Es soll für den Fall einer dro­hen­den Gas-Knapp­heit im Not­fall wie­der Strom und Wärme aus Kohle er­zeugt wer­den kön­nen.

Diese An­kün­di­gung von Bun­des­kanz­ler Karl Ne­ham­mer und En­er­gie­mi­nis­te­rin Leo­no­re Ge­wess­ler sorgt na­tur­ge­mäß für Ge­sprächs­stoff. „Kohle ist die kli­ma­schäd­lichs­te En­er­gie und führt zu ge­sund­heits­schäd­li­chen Queck­sil­be­re­mis­sio­nen und Fein­staub“, sagt etwa Jo­han­nes Wahl­mül­ler, Kli­ma- und En­er­gie­spre­cher von Glo­bal 2000. „Wenn jetzt über einen mög­li­chen Ein­satz des Koh­le­kraft­werks in Mel­lach dis­ku­tiert wird, soll­te klar sein, dass es sich nur um zeit­lich be­grenz­te, akute Not­fäl­le han­deln darf.“

Adaptierung dauert drei bis vier Monate

Von einer „Not­lö­sung, für den Fall, dass nicht aus­rei­chend Gas zur Ver­fü­gung steht“ spricht man auf An­fra­ge auch beim Ver­bund. „Un­se­re Prio­ri­tät bleibt wei­ter­hin der Aus­bau der hei­mi­schen er­neu­er­ba­ren Er­zeu­gung – nur die­ser Weg kann uns mit­tel­fris­tig aus Ab­hän­gig­kei­ten und in eine er­neu­er­ba­re En­er­gie­zu­kunft füh­ren.“

Wie lange die Ad­ap­tie­run­gen des Kraft­werks dau­ern wer­den, ist noch un­klar. Tech­nisch sei die Her­aus­for­de­rung über­schau­bar, sagt Werks­grup­pen­lei­ter Chris­tof Kurz­mann-Friedl vom Ver­bund. Ei­gent­lich hand­le es sich nun um keine Um­rüs­tung, son­dern eine „Kom­plet­tie­rung“, denn die nö­ti­gen Teile seien weit­ge­hend noch am Stand­ort. Ein „grö­ße­rer Bro­cken“ sei die In­stand­set­zung und Ser­vicie­rung der Koh­le­mahl­an­la­ge, auch die Koh­le­hal­de sei 2020 voll­stän­dig ge­räumt wor­den. Un­term Strich könne man tech­nisch in drei bis vier Mo­na­ten so­weit sein.

Kosten und Anschaffung noch unklar

Die Gret­chen­fra­ge sei aber, wo die Kohle für den Ein­satz her­kom­men könne, „wir brau­chen in Mel­lach eine spe­zi­fi­sche Kohle, die wir frü­her in der Regel aus dem schle­si­schen Raum in Polen be­zo­gen haben“. Die Stein­koh­le mit dem rich­ti­gen Brenn­wert könne aber grund­sätz­lich welt­weit zu­ge­kauft wer­den. Es geht um be­acht­li­che Men­gen, frü­her lag der Jah­res­be­darf bei rund 400.000 Ton­nen.

Wie teuer das alles kommt, ist eben­falls noch un­klar, die Kos­ten wür­den der­zeit eva­lu­iert, heißt es beim Ver­bund. Im En­er­gie­mi­nis­te­ri­um stellt man klar: „Für die Kos­ten wird zur Gänze der Bun­des­haus­halt auf­kom­men.“

Offene Fragen

Her­aus­for­dernd dürf­te auch das Per­so­nal­the­ma sein. Mit der Schlie­ßung 2020 ist Know-how ab­han­den­ge­kom­men, „hier müs­sen wir jetzt sehr schnell mit Ein­schu­lun­gen be­gin­nen“, sagt Kurz­mann-Friedl.

Und schließ­lich stellt sich die Frage, ob das Koh­le­kraft­werk im Falle sei­ner Re­ak­ti­vie­rung auch die Fern­wär­me­ver­sor­gung für den Groß­raum Graz über­nimmt, wie es mehr als 30 Jahre lang der Fall war. Ge­sprä­che dazu habe es noch nicht ge­ge­ben, heißt es beim Wär­me-Ab­neh­mer, der En­er­gie Stei­er­mark. „Dazu sind die Pläne noch zu jung“, sagt Spre­cher Urs Har­nik-Lau­ris.

Fest steht: Soll­te das Gas aus Russ­land knapp wer­den oder ganz aus­fal­len, braucht das heute haupt­säch­lich aus der Erd­gas­ver­feue­rung ge­speis­te Wär­me­netz al­ter­na­ti­ve Er­zeu­gungs­quel­len. Neben der Kohle könn­te das Öl sein. „Tech­nisch ist es mach­bar, das Heiz­werk in Graz auch im nächs­ten Win­ter mit Heiz­öl zu be­trei­ben“, sagt Har­nik-Lau­ris. Eine Si­cher­heits­re­ser­ve von rund 2,5 Mil­lio­nen Li­tern habe die En­er­gie Stei­er­mark be­reits ein­ge­la­gert, grö­ße­re Men­gen könn­ten fol­gen.

Von Man­fred Neu­per und Gün­ter Pilch