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Auf den Spuren der Jüdischen Museen

24.06.2022 • 18:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein Blick in die luftig und leicht wirkende Schau.    <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Ein Blick in die luftig und leicht wirkende Schau. Philipp Steurer

„Ausgestopfte Juden?“ ist der provokante Titel der neuen Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems.

Es ist eine komplexe Fragestellung und daraus resultierende Schau, der das Jüdische Museum Hohenems in seinem neuen Projekt nachgegangen ist. Es geht um nicht weniger als die Geschichte, Gegenwart und Zukunft Jüdischer Museen. An alle Jüdischen Museen weltweit – es sind über 120 – wurde zunächst von den Kuratoren Felicitas Heimann-Jelinek und Hannes Sulzenbacher ein Fragebogen geschickt, mit dem sie wissen wollten, was gesammelt wird. Schon das war nicht so einfach, wie Museumsdirektor Hanno Loewy erklärte.

Erste Gründungen

Das erste Jüdische Museum wurde 1895 in Wien gegründet. Mit dem aufkeimenden Nationalismus nahm ihre Zahl zu. Zudem waren sie auch eine Antwort auf Säkularisierung und eine Reaktion auf den aufkeimenden rassistischen Antisemitismus, erläuterte Heimann-Jelinek. Die Objektkultur bekam einen wichtigen Stellenwert und alle diese Museen beschäftigten sich auch mit der beginnenden Besiedelung Palästinas. „Es war eine komplexe Gemengelage“, so die Kuratorin. Die zahlreichen Gründungen nach der Massenvernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg können dann auch als Teil des „Wiedergutmachungsdiskurses“ gesehen werden, sagte Sulzenbacher.

Hannes Sulzenbacher, Felicitas Heimann-Jelinek und Hanno Loewy.  <span class="copyright">Steurer</span>
Hannes Sulzenbacher, Felicitas Heimann-Jelinek und Hanno Loewy. Steurer

Eigentlich wollten sich die Kuratoren auch anschauen, wie die Jüdischen Museen in der Welt so aussehen. Die Reisepläne wurden aber durch Corona vereitelt. In der Ausstellung selbst wird die Thematik nun anhand von 14 Fragen/Aspekten untersucht. Bevor es allerdings ins Untergeschoß geht, wo die Ausstellung ist, wird man mit einem großen Glaskubus konfrontiert, in dem eine Bank ist. Bei einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin, von wo das Objekt stammt, wurden hier „Juden ausgestellt“.

Als durchgehendes gestalterisches Motiv der Schau ist der Boden des Ausstellungsraumes mit zahlreichen Judensternen bedruckt. Es dominieren Glaskästen, in denen insgesamt eine Vielzahl an Objekten zu den jeweiligen Aspekten zu sehen ist. Empfangen wird man von einem großen Plakat, auf dem Bilder von Figurinen aus Jüdischen Museum zu sehen sind – und eine „Handpuppe Rabbiner“.

„Das Jüdische System“ erzählt anhand von Kupferstichen von einem museologischen Konzept. Demzufolge wurde Religionsgeschichte getrennt von der Geschichte der Juden präsentiert. „Was ist jüdisch?“, „Wie ist jüdisch?“ sind weitere Fragen, die anhand von Objekten mit einiger Ironie thematisiert werden. Ein Teller mit hebräischer Aufschrift findet sich da ebenso darunter wie Bilder von Moritz Daniel Oppenheim, die zum Sinnbild für das jüdische Familienleben wurden.

Dem „Ursprung des Jüdischen in der Antike“ wird mit Tonscherben ebenso nachgespürt wie „Vom Kultobjekt zum Sammlerstück“, wo Objekte ausgestellt sind, die allesamt „Fake“ sind. Provenienzforschung ist auch in Jüdischen Museen ein Thema und es gibt Dinge, die man in der Sammlung hat, aber nicht ausstellt, etwa ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“.

Über die jüdische Erfahrung und ein gemeinsames Bewusstsein geht es zum „Referenzpunkt Israel“. Ein Thema, mit dem sich Jüdische Museen schwer tun, wie Hanno Loewy feststellte – und sich daher auch nur selten damit befassen, weil es meistens Ärger gebe. „Israel ist beides: der Versuch der Rettung der europäischen Juden, gleichzeitig aber Teil der europäischen Kolonialgeschichte, jedenfalls aus der Perspektive des globalen Südens“, so der Museumsdirektor.

„Die jüdische Frau“, die in den Museen in vielen Fällen entweder abwesend oder größtenteils Pflegende oder Bedürftige ist, ist ein weiteres Thema. Auch die Vielfalt des Jüdischen wird dargestellt, unter anderem anhand einer Szene aus einer Performance und des Fotos eines deutschen Juden, dessen Familie großteils umgebracht wurde, als „Schützenkönig“. Und „Die Gegenwart sammeln“ heißt auch Mund-Nasen-Schutz sammeln.

„Die Zukunft der Jüdischen Museen“ wird mit einem Bild diskutiert, einer Arbeit des südafrikanischen Künstlers William Kentridge. Dort sind verletzte Menschen zu sehen, eine Karawane, die Tempelreste trägt – in Anlehnung an den Titusbogen in Rom, der zur Erinnerung an den Sieg über die Juden und die Zerstörung des Tempels von Jerusalem im Jahre 71 errichtet wurde. Wohin sie gehen, woher sie kommen und was sie mit dem Zeug, das sie tragen, machen, ist unklar – die Diskussion ist eröffnet.

Das Werk, das die Frage nach der Zukunft stellt.  <span class="copyright">Steurer</span>
Das Werk, das die Frage nach der Zukunft stellt. Steurer

„Ausgestopfte Juden“ ist eine vielschichtige und spannende Schau, für die man sich Zeit nehmen sollte. Der Titel ist angelehnt an eine Aussage des damaligen Vorsitzenden der Israelischen Kultusgemeinde Wien, Paul Grosz. Er wurde vor vielen Jahren gefragt, was er von der Gründung eines Jüdischen Museums halte. Seine bittere Gegenfrage: Ob Jüdinnen und Juden dort „wie ausgestopfte Indianer“ bestaunt werden sollten.
Ausstellungseröffnung: Sonntag, 26. Juni, 11 Uhr, Salomon Sulzer Saal, Hohenems. Bis 19. März 2023. www.jm-hohenems.at