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Tempo 100: Müssen wir jetzt vom Gas gehen?

26.06.2022 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Welche Vorteile haben Tempolimits auf Autobahnen?
Welche Vorteile haben Tempolimits auf Autobahnen? APA/BARBARA GINDL

Gaskrise, Klimawandel, Teuerung: Energieverbrauch muss eingebremst werden.

Pro von Maria Schaunitzer

Es ist unausweichlich: Wir müssen runter vom Gas. Denn mit Vollgas waren wir lange genug unterwegs. Ungebremst haben wir die Ressourcen der Welt verprasst, uns dabei in ungesunde Abhängigkeiten begeben und die Welt mit Abgasen verpestet. Die Rechnung dieser rasanten Fahrt bekommen wir nun präsentiert. Und sie ist geschmalzen. Der Ukraine-Krieg führt uns das noch einmal zusätzlich schmerzvoll vor Augen.

Also runter von der Überholspur, hin zu einem nachhaltigeren Fahrstil. Und dabei zählt jeder Hebel. Sich auf der Autobahn etwas zu drosseln, ist dabei ein vergleichsweise schmerzbefreiter Beitrag, der mehr bringt, als man glaubt. Studienergebnisse der TU Graz und des Verkehrsklubs Österreich (VCÖ) zeigen, dass der Spritverbrauch bei Tempo 100 im Schnitt rund ein Viertel niedriger ist, als bei 130 km/h.

Pro gefahrenem Kilometer emittiert ein Auto bei Tempo 100 statt Tempo 130 im Schnitt um 49,7 Prozent weniger Stickoxide und um 34,2 Prozent weniger Feinstaub. Zusätzlich reduziert man durch die niedrigere Geschwindigkeit die CO₂-Emissionen um etwa 23 Prozent und spart damit ebenso viel Treibstoff, so Berechnungen des Umweltbundesamts. Die Reduktion der Geschwindigkeit auf der Autobahn im Salzburger Stadtgebiet von 100 auf 80 km/h habe laut Experten so viel Stickoxid eingespart wie eine zweimonatige Komplettsperre. Doch stimmt das noch, wenn sich der Anteil an E-Autos nun stetig steigt? Ja, auch hier bringt Tempo 100 etwas. Wer gemächlicher unterwegs ist, steigert die Reichweite des Autos enorm und muss erst nach deutlich mehr Kilometern wieder an den Strom. Der kommt zwar bekanntlich aus der Steckdose, doch ist nicht immer grün und günstig sowieso nicht.


Muss das Resümee also lauten: billiger, grüner, sicherer, aber dafür länger unterwegs? Stimmt, jedoch ist der Zeitunterschied geringer, als man denkt. Rein rechnerisch benötigt man zwölf Minuten für eine Strecke von etwa 20 Kilometer bei Tempo 100, etwas mehr als neun Minuten bei Tempo 130. Die Differenz beträgt somit weniger als drei Minuten. Der VCÖ weist zusätzlich darauf hin, dass bei Tempo 100 die reale Leistungsfähigkeit einer Fahrbahn rund 2440 Autos pro Stunde und bei Tempo 130 hingegen nur rund 2250 Autos beträgt. Sprich, mehr Autos können ungebremst auf einer Strecke unterwegs sein. Eine höhere Leistungsfähigkeit bedeutet weniger Staus und damit weniger Fahrzeit-Verzögerungen. Zusätzlich nimmt bei niedrigerem Tempolimit die Zahl der Verkehrsunfälle ab, was wiederum die Zahl der Staus verringert. Auch wenn es paradox klingen mag: In Summe kann ein niedrigeres Tempolimit dazu führen, dass man schneller ans Ziel kommt – und Geldbörsel und die Umwelt entlastet man sowieso.

Zur Person

Maria Schaunitzer leitet das Ressort
Außenpolitik und International in der Kleinen
Zeitung und ist seit Kurzem elektrisch unterwegs. Für kurze Strecken tritt sie jedoch weiterhin leidenschaftlich gerne in die Fahrradpedale.

Kontra von Karin Riess

Die Physik lässt nicht mit sich feilschen: Umso schneller man fährt – egal ob fossil- oder batteriebetrieben –, umso höher die gefahrene Geschwindigkeit, desto mehr macht sich der Luftwiderstand der Karosserie bemerkbar und der Verbrauch steigt. Das sind unumstößliche Fakten. Aber dass die Senkung der erlaubten Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen und Schnellstraßen von 130 auf 100 km/h keinen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung von Klimakrise und Abhängigkeit von ausländischen Energielieferungen leisten kann, ist es auch. Mit einer Treibstoffeinsparung von einem bis drei Prozent wäre laut Erhebungen des ÖAMTC zu rechnen.

Hingegen zeigt eine aktuelle Umfrage im Auftrag des Nachrichtenmagazins “Profil”, dass 45 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher Tempo 100 auf Autobahnen strikt ablehnen und weitere 23 zumindest eher dagegen sind. Es wäre also eine Maßnahme, bei der zu befürchten wäre, dass ein minimaler Einsparungseffekt auf maximale Ablehnung stößt. Vor allem vor dem Hintergrund, dass aktuell rund die Hälfte des Autobahnverkehrs ohnehin durch Zonen mit Beschränkungen auf Tempo 100 oder 80 rollt. In den 130er-Abschnitten wird durchschnittlich 105 km/h schnell gefahren. Viele können verkehrsbedingt oder wollen die Höchstgeschwindigkeit also gar nicht ausreizen.

Der Hintergrund, eine generelle Verhaltensänderung in der Bevölkerung anzustoßen und zunehmend auf das Auto zu verzichten, ist richtig und wichtig. Nur kann die gute Intention auch falsch abbiegen, wie man jüngst in den Niederlanden verfolgen konnte, wenn sie eine Einzelmaßnahme bleibt und von den Menschen nicht mitgetragen wird. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn wurde von 130 bzw. 120 auf 100 km/h herabgesetzt. Und ja, das Verhalten der Verkehrsteilnehmer hat sich verändert: Da sie auf der Autobahn nicht mehr so flott vorankamen, entschieden sich Autofahrerinnen und Autofahrer laut Untersuchungen im Auftrag des niederländischen Umweltministeriums vermehrt dazu, auf die Landstraßen auszuweichen. Die wiederum zum Teil direkt an sensiblen Naturschutzgebieten liegen. Der man damit einen Bärendienst erwiesen hat.

Anders als ein niedrigeres und starres Tempolimit, bergen sogenannte dynamische Geschwindigkeitsbeschränkungen das Potenzial, den Verkehrsfluss zu verbessern. Dabei handelt es sich um computergestützte Systeme, die basierend auf Daten, die mit Kameras und Sensoren erhoben werden, die aktuell vorteilhafteste Geschwindigkeit messen und das erlaubte Tempo entsprechend vorgeben. Denn nach den Ressourcen – seien es Sprit oder Strom –, die man gar nicht verbraucht, sind die, die nicht im Stau stehend verpuffen, schon die zweitbesten.

Zur Person

Karin Riess leitet das Leben-Ressort der Kleinen Zeitung und versucht, unterschiedliche Formen der Mobilität zu kombinieren und für die Wege zu verwenden, auf denen sie am sinnvollsten sind.