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Erdogans Pokerspiel mit der Nato

27.06.2022 • 15:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (r.) und der türkische Präsident Erdogan.
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (r.) und der türkische Präsident Erdogan. (c) APA/AFP/POOL/ERIC LALMAND (ERIC LALMAND)

Der tür­ki­sche Prä­si­dent blockiert den Beitritt Schwe­dens und Finn­lands.

Beim Na­to-Gip­fel von Ma­drid soll­ten ei­gent­lich die de­si­gnier­ten neuen Mit­glie­der Finn­land und Schwe­den im Mit­tel­punkt ste­hen. Doch nun rich­ten sich alle Augen auf die Tür­kei. Prä­si­dent Recep Tay­yip Er­do­gan blo­ckiert den Bei­tritt der bei­den Nord­län­der und bringt wei­te­re Kri­sen mit in die spa­ni­sche Haupt­stadt: Er hat einen neuen Ein­marsch in Sy­ri­en an­ge­kün­digt, damit die Na­to-Füh­rungs­macht USA ver­är­gert und facht den Dau­er­streit mit dem Na­to-Part­ner Grie­chen­land an. Ra­sche Lö­sun­gen sind un­wahr­schein­lich. Kurz vor Gip­fel­be­ginn bleibt Er­do­gan stur, wie Di­plo­ma­ten sagen.

Türkei in starker Position

Weil die Ent­schei­dung über die Auf­nah­me neuer Na­to-Mit­glie­der ein­stim­mig fal­len muss, sieht sich die tür­ki­sche Re­gie­rung in einer star­ken Po­si­ti­on. Sie wirft Schwe­den und Finn­land vor, Mit­glie­der der kur­di­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on PKK auf ihren Staats­ge­bie­ten zu dul­den und den PKK-Ab­le­ger YPG in Sy­ri­en zu un­ter­stüt­zen. An­ka­ra for­dert von Hel­sin­ki und Stock­holm die Aus­lie­fe­rung von 33 tür­ki­schen Re­gie­rungs­geg­nern, mehr Waf­fen­lie­fe­run­gen und eine Ver­schär­fung der Ter­ror­ge­set­ze. Te­le­fo­na­te von Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg und der schwe­di­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Mag­da­le­na An­ders­son mit Er­do­gan blie­ben er­folg­los. Die Tür­kei sieht sich am län­ge­ren Hebel, denn sie weiß, dass die Nato in Si­gnal der Ei­nig­keit an Russ­land schi­cken will.

Stol­ten­berg räumt “le­gi­ti­me Si­cher­heits­in­ter­es­sen” der Tür­kei ein. Doch die Na­to-Ver­bün­de­ten der Tür­kei haben den Ein­druck, dass Er­do­gan den Preis für seine Zu­stim­mung zur Nor­der­wei­te­rung hoch­treibt, weil er Zu­ge­ständ­nis­se der USA her­aus­schla­gen will – doch Wa­shing­ton wei­gert sich, dar­auf ein­zu­ge­hen. Er­do­gan ver­langt ein Ende der ame­ri­ka­ni­schen Zu­sam­men­ar­beit mit der YPG, die von den USA als wich­ti­ger Part­ner im Kampf gegen den Is­la­mi­schen Staat in Sy­ri­en ge­se­hen wird. An­ka­ras an­ge­kün­dig­te Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on soll sich je­doch gegen die sy­ri­sche Kur­den­mi­liz rich­ten. Zudem will An­ka­ra die Lie­fe­rung von US-Kampf­flug­zeu­gen und die Auf­he­bung von ame­ri­ka­ni­schen Sank­tio­nen wegen ihres Kaufs eines rus­si­schen Flug­ab­wehr­sys­tems durch­set­zen.

Erdogans Blick auf die Innenpolitik

Er­do­gan nutzt den Streit mit dem Wes­ten ein Jahr vor den nächs­ten tür­ki­schen Wah­len in­nen­po­li­tisch. Seine Re­gie­rung ist wegen der Wirt­schafts­kri­se in der De­fen­si­ve, doch laut Um­fra­gen wächst die Zu­stim­mung seit Be­ginn des Na­to-Streits. Er will sich als Sie­ger in die­sem Rin­gen prä­sen­tie­ren. So könn­te er es sei­nen Wäh­lern als Er­folg ver­kau­fen, wenn sich US-Prä­si­dent Joe Biden in Ma­drid mit ihm tref­fen würde. Biden mei­det Be­geg­nun­gen mit Er­do­gan, den er als Au­to­kra­ten kri­ti­siert.

Wie eine Lö­sung der Kri­sen aus­se­hen könn­te, weiß kurz vor dem Gip­fel nie­mand. Die Tür­kei könne ganz schön “stur” sein, zi­tier­te die Denk­fa­brik In­ter­na­tio­nal Cri­sis Group einen eu­ro­päi­schen Re­gie­rungs­ver­tre­ter. Ein US-Ver­tre­ter sagte, es sei un­klar, wie weit Er­do­gan gehen wolle. Das Ge­zer­re scha­det dem Ruf der Tür­kei in der Al­li­anz, doch das scheint Er­do­gan nicht zu stö­ren.