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Fehlende Kassenärzte als Dauerbrenner

27.06.2022 • 20:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vor allem Allgemeinmediziner fehlen am Ärztemarkt. <span class="copyright">(c) APA/dpa/Jens Büttner</span>
Vor allem Allgemeinmediziner fehlen am Ärztemarkt. (c) APA/dpa/Jens Büttner

Zahl der Wahlärzte steigt. Kassenpraxen immer schwerer besetzt.

Aufnahmestopps, übervolle Wartezimmer, unbesetzte Stellen. Wer zum Kassenarzt will oder muss, für den wird es zunehmend schwieriger, ein Angebot zu finden. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und erstrecken sich von Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen bis hin zu geografischen und finanziellen Aspekten.

In Vorarlberg gibt es insgesamt 335 Kassenstellen, davon 160 für Allgemeinmediziner. Für sieben Kassenstellen, die im Frühjahr dieses Jahres neu ausgeschrieben wurden, ging keine einzige Bewerbung ein. Verschärft wird das Problem durch die bevorstehende Pensionierungswelle. So verabschieden sich in Vorarlberg in den kommenden fünf Jahren 36 Allgemeinmediziner in Pension. Deren Stellen müssen ebenfalls nachbesetzt werden.

“Zugang gefährdet”

„Viele Patienten müssen auf Wahlarzt-Praxen ausweichen“, sagt SPÖ-Gesundheitssprecherin Manuela Auer. Sie sieht den niederschwelligen und kostenfreien Zugang zur Medizin zunehmend gefährdet. Gemeinsam mit ÖGK-Vizeobmann und Arbeitnehmervertreter Andreas Huss stellte sie am Montag ein umfassendes Forderungspaket vor. Dieses beinhaltet unter anderem eine stärkere Forcierung neuer Zusammenarbeitsformen, mehr Unterstützungsleistungen seitens der ÖGK, weniger Bürokratie für Kassenärzte und ein versorgungswirksameres und transparentes Wahlarztsystem. Laut Huss sind österreichweit von 10.000 Wahlärzten lediglich 677 für die breite Bevölkerung versorgungswirksam, in Vorarl­berg seien es 48 von 316 Wahlärzten.

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(c) Roland Paulitsch

„Der niederschwellige und kostenfreie Zugang zur Medizin ist zunehmend gefährdet.“
Manuela Auer, SPÖ

Als versorgungswirksam gilt ein Arzt für Huss dann, wenn er mehr als 50.0000 Euro mit der ÖGK über die Kostenrückerstattung abrechnet. Man habe sich bei der Krankenkasse zuletzt intensiv mit Wahlarztrechnungen beschäftigt und festgestellt, dass hier teilweise obskure Behandlungen auf handgeschriebenen Zettel angeführt werden. „Wenn man sich die Rechnungen anschaut, denkt man bei manchen Ärzten eher an einen Schamanen im Mittelalter als an einen modernen Mediziner“, sieht Huss bei den Wahl-Hausärzten einen Trend zur Esoterik. Anders sehe es in den Fachbereichen Gynäkologie, Dermatologie und bei den Interni sten aus. Hier gebe es eine durchaus hohe Zahl an versorgungswirksamen Wahlärzten.

Kein Ärztemangel

Den viel zitierten Ärztemangel gibt es laut Huss jedenfalls nicht. „In den 90er-Jahren hat es in Österreich 20.000 Ärzte gegeben, man hat damals von einer Ärzteschwemme gesprochen. Jetzt gibt es 47.000 Ärzte. Da kann wohl kaum ein Ärztemangel ausgebrochen sein.“ Der ÖGK-Vizeobmann sieht vielmehr ein Verteilungsproblem. „Wir haben zu wenige Mediziner im öffentlichen Gesundheitssystem.“

Handlungsbedarf

Im April hatte Huss mit seiner Äußerung, das Wahlarztsystem abschaffen zu wollen, für große Aufregung gesorgt. Beim gestrigen Medientermin räumte er ein, dass dies politisch nicht umsetzbar sei. Man müsse die Wahlärzte deshalb enger an das Kassensystem binden. Huss fordert deshalb einmal mehr, dass Wahlärzte verpflichtet ans E-Card-System angebunden werden, fixe Mindestöffnungszeiten einrichten und an Bereitschaftsdiensten mitwirken.

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(CAPA/HERBERT PFARRHOFER

„Die Mischung der beiden Systeme – privater und öffentlicher Gesundheitsversorgung – gibt es sonst in ganz Europa nicht.“
Andreas Huss, Vize-Obmann ÖGK

Aber auch beim Kassenarztsystem sieht Huss Handlungsbedarf. So soll es unter anderem weniger Bürokratie durch pauschalere Honorierung geben. „Das würde auch den Versicherten zugutekommen.“ Zudem brauche es mehr Kassenarzt-Stellen in der Allgemeinmedizin, um die regionale hausärztliche Versorgung zu stärken. Darüber hinaus fordert Huss mehr ÖGK-Unterstützungsleistungen für potenzielle Vertragspartner und verweist hier auf erfolgreiche Modelle in Dornbirn und Feldkirch (Kinderärztezentren).

Verdienst

Dass Wahlärzte mehr verdienen als Kassenärzte, stimmt laut Huss nicht. Er verweist auf die Ergebnisse eines Rechnungshofberichts vom September 2021. Demnach verdienen Kassenärzte wesentlich mehr als Wahlärzte, müssen allerdings auch mehr dafür arbeiten. Kassenärzte verdienen vor allem über die Masse. Während ein Wahlarzt einen Patienten behandelt, muss ein Kassenarzt mitunter drei untersuchen. Allerdings sind junge Ärzte heutzutage nicht mehr bereit, alles der Arbeit unterzuordnen, zudem arbeiten sie lieber im Team als in einer Einzelpraxis – auch deshalb entscheiden sich immer mehr Mediziner fürs Wahlarzt-System.

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