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„Vater aller Vorarlberger“

27.06.2022 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
„Vater aller Vorarlberger“
Bergmann kam mit nichts nach Wien und arbeitete sich mit Fleiß und Intelligenz nach oben. vlm

Joseph Ritter von Bergmann forschte erstmals zur Geschichte Vorarlbergs.

Als der Hittisauer Joseph Bergmann (1796 – 1872) Anfang des 19. Jahrhunderts zum Studium nach Wien reiste, musste er sich die Reisekosten während der Fahrt erarbeiten: Da es noch keine Zugverbindung gab, fuhr er mit dem Schiff über den Inn und die Donau in die Kaiserstadt und verdingte sich dabei als Schiffsjunge. Mit nichts kam er in der Stadt an und kannte dort niemanden, wie Historiker Georg Sutterlüty von der Werkstatt Geschichte sagt. Jahre später sollte Bergmann die Söhne von Erzherzog Karl, dem Bruder von Kaiser Franz I. (II.), unterrichten, er wurde zum Regierungsrat ernannt, erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Wien und wurde zu Joseph Ritter von Bergmann geadelt. Außerdem gilt er als Begründer der Vorarlberger Landesgeschichtsschreibung, weswegen der Schriftsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder (1839 – 1869) ihn als „Vater aller Vorarlberger“ bezeichnete. Fleiß, Intelligenz und die Fähigkeit, ein Netzwerk aufzubauen, seien die Bausteine von Bergmanns Erfolgen gewesen, sagt Sutterlüty.

Entsprach nicht seinem Niveau

Bergmann wuchs in Hittisau in einer Familie auf, die zwar nicht arm, aber auch nicht sehr bemittelt war. Während seiner Gymnasialzeit starb sein Vater. Dennoch führte Bergmann, der zweitälteste von fünf Geschwistern, seine Schulkarriere fort. Da das Gymnasium in Feldkirch, wie Bergmann selbst sagte, nicht seinem Niveau entsprach, wechselte er nach Kempten. Anschließend studierte er Jus in Wien. Das Studium finanzierte er sich unter anderem durch das Halten von Vorlesungen; Bergmann war in Latein und Griechisch ausgezeichnet. Zudem hatte er Gönner, durch die er gratis wohnen konnte.
Nach dem Studium lehrte er an einem Gymnasium in Cilli (heute Slowenien), ab 1828 arbeitete er als Kustos am Münz- und Antikenkabinett der Ambraser Sammlung in Wien, die heute zum Kunsthistorischen Museum gehört. 1863 wurde er Direktor des Kabinetts. Von 1831 bis 1844 unterrichtete der gebürtige Hittisauer zusätzlich die Söhne von Erzherzog Karl in Geschichte und Latein. Das war eine Ehre, die nicht jedem zuteilwurde: „Der Hof hat sich seine Lehrer schon ausgesucht“, erklärt Sutterlüty.

Autor, Historiker und Mitbegründer der Werkstatt Geschichte Georg Sutterlüty. <span class="copyright">Roswitha Schneider</span>
Autor, Historiker und Mitbegründer der Werkstatt Geschichte Georg Sutterlüty. Roswitha Schneider

Gab Vorarlbergern Geschichte

Wieso Franz Michael Felder Bergmann als „Vater aller Vorarlberger“ beschrieb, erklärt Sutterlüty folgendermaßen: „Bergmann hat den Vorarlbergern ihre Geschichte und ein eigenes Verständnis gegeben. Ein Landesbewusstsein war damals erst im Entstehen begriffen. Da wirkten die Aufsätze Bergmanns wie ein Katalysator, um im Land ein Bild der Einheit zu schaffen, sprich ein Land, das auf denselben Werten, derselben Sprache und vor allem derselben Geschichte beruht. Und deren Bewohner konnten auf sich stolz sein, schließlich verfügten sie nachweislich über eine 600-jährige Geschichte.“ Ob Bergmann selbst so weit gehen wollte, ist laut Sutterlüty nicht sicher.

Bergmann entwarf das erste Wappen Vorarlbergs. <span class="copyright">Helmut Klapper/Vorarlberger Landesbibliothek</span>
Bergmann entwarf das erste Wappen Vorarlbergs. Helmut Klapper/Vorarlberger Landesbibliothek

Insgesamt veröffentlichte Bergmann 237 wissenschaftliche Arbeiten, 87 davon handelten von Vorarlberg. In der damaligen Geisteswelt war er deshalb ein gefeierter Mann. Er führte im deutschsprachigen Raum mit den Größen der Geisteswissenschaften Dispute um Erkenntnis und Wissenschaft, so Sutterlüty. Beispielsweise gibt es einen Briefwechsel zwischen ihm und Jacob Grimm (Mitbegründer der Germanistik und einer der Gebrüder Grimm). Ebenso sind Briefe zwischen ihm und Ludwig Ritter von Köchel erhalten, der nicht nur Autor des Köchelverzeichnisses, sondern auch Historiker und Naturforscher war (mehr zu der Beziehung zu Köchel siehe Artikel rechts oben).
Gefeiert wurde Bergmann aber auch in seiner Heimatgemeinde, der er sich Zeit seines Lebens verbunden fühlte: Wenn er, der seinen Lebensmittelbpunkt nach wie vor in Wien hatte, nach Hittisau kam, wurde er mit Böllerschüssen und Glockengeläut empfangen.

Gasthof Krone in Hittisau bei der Bergmann-Feier 1896.<br><span class="copyright">heimatbuch hittisau</span>
Gasthof Krone in Hittisau bei der Bergmann-Feier 1896.
heimatbuch hittisau

Bergmann hatte fünf Kinder, von denen eines früh starb. Einer seiner drei Söhne, August, war ein zur damaligen Zeit bekannter Ägyptologe. Seine Tochter Johanna schrieb eine 20-Seiten-starke Biografie über ihren Vater. Sie und ihr Bruder Max sorgten dafür, dass Bergmanns privater Nachlass nach Hittisau kam. Die beiden – sowohl sie als auch die anderen zwei Geschwister hatten keine Kinder – vermachten ihr Vermögen zweckgewidmet der Vorderwälder Gemeinde. Johanna wurde 1907 Ehrenbürgerin von Hittisau. „Zur damaligen Zeit war es sehr selten, dass eine Frau diesen Titel erhielt“, ordnet Sutterlüty diese Ehrung ein.

Gedenkreihe

Die Gemeinde Hittisau und die Werkstatt Geschichte organisieren anlässlich des 150. Todestages von Bergmann eine Gedenkreihe: Am Freitag, 1. Juli, 19 Uhr, hält Harald Weigel einen Vortrag über ihn, am Samstag, 2. Juli, 16 Uhr, findet eine literarische Wanderung statt, um 19 Uhr steht im Gasthof Krone eine „kulinarische Reise“ am Programm und am Sonntag, 3. Juli, 10.30 Uhr, gibt es ein Konzert mit Lesung. Alle Veranstaltungen finden in Hittisau statt. Mehr Infos: www.hittisau.at