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Die Erhitzung befeuert das Unwetterrisiko

29.06.2022 • 22:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">gert eggenberger</span>Heftige Unwetter haben in der Nacht auf Mittwoch in Kärnten ganze Ortschaften verwüstet.
gert eggenbergerHeftige Unwetter haben in der Nacht auf Mittwoch in Kärnten ganze Ortschaften verwüstet.

Schwere Niederschläge wie zuletzt sind historisch nicht einzigartig. Doch der Klimawandel lässt das Potenzial für Unwetter weiter steigen.

Dass die Unwetter Kärnten und auch Teile Oberösterreichs und Salzburgs so massiv getroffen haben, lässt sich aus meteorologischer Sicht mit einer äußerst ungünstigen Wettersituation erklären: Von Italien kommend zogen seit vorgestern kräftige Gewitter durch – „das Problem war, dass die Zone, in der diese Gewitter durchkamen, sich kaum verändert hat“, erklärt Christian Pehsl, Meteorologe bei der Zentralanstalt für Meteorologie (Zamg). So seien dieselben Gebiete gleich von drei bis vier Gewittern getroffen worden – und das mit nur kurzen Unterbrechungen dazwischen.

Dass sich ein Störungssystem derart langsam bewegt, sei immer wieder möglich. Pehsl erinnert etwa an eine ähnliche Szenerie mit verheerenden Folgen in Graz im April 2018, als Straßenzüge geflutet wurden, Straßenbahnen stillstanden und sogar ein Einkaufszentrum unter Wasser gesetzt war.

Häufiger heftige Unwetter

Faktum ist allerdings, dass heftige Unwetter, die auf ausgedehnte Hitzephasen folgen, zunehmend häufiger und früher im Jahr auftreten. Für Klimaforscher ist das keine Überraschung. „Der grundsätzliche Zusammenhang liegt auf der Hand: Je wärmer die Atmosphäre ist, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen. Und Wasserdampf ist bei Gewitter die treibende Kraft”, sagt Alexander Orlik, Klimatologe bei der Zamg-

Das Potenzial dafür steigt immer weiter. Um mehr als 2 Grad Celsius hat sich Österreich im Vergleich zu den Werten des 19. Jahrhunderts inzwischen aufge- wärmt, in den Sommermonaten ist die Steigerung noch deutlicher. So zeigen die Messungen des Wegener Centers der Uni Graz, dass die mittleren Sommertemperaturen in Südösterreich allein seit den 1970er-Jahren um bis zu 3 Grad Celsius nach oben geklettert sind.

Die Zahl der Hitzetage mit Spitzen von mehr als 30 Grad ist laut den Daten der Zamg in den vergangenen 20 Jahren sogar um das Fünffache gestiegen – von einst weniger als fünf Tagen pro Sommer auf inzwischen mehr als 20. Und die Hitzetage treten auch immer früher im Jahr auf. Messdaten zeigen, dass der erste „30er“ des Jahres im Zeitraum zwischen 1961 und 1990 im Schnitt auf den 30. Mai gefallen ist. Im Zeitraum 1991 bis 2020 dagegen gab es den ersten Hitzetag im Mettel bereits um eineinhalb Wochen früher.

Längere Trockenphasen

Das alles bleibt nicht ohne Folgen. Niederschlagslose Trockenphasen werden länger und heißer, und mit jedem Grad mehr könne die Luft typischer- weise um sieben Prozent mehr Wasserdampf fassen, sagt Ulrich Foelsche, Atmosphärenphysiker an der Universität Graz. „Das bedeutet, dass bei zehn Grad mehr etwa doppelt so viel Feuchtigkeit in der Luft gespeichert sein kann.“ Gewitter können sich entsprechend kräftiger entladen. Um etwa ein Fünftel ist das Gewitterpotenzial in Österreich seit den 2000er- Jahren deshalb gestiegen, ergab eine europaweite Studie mit Beteiligung der Zamg. Und die Unwettersaison wird demzufolge zunehmend länger.

<span class="copyright">sven hoppe</span>
sven hoppe

Steigen die Temperaturen klimawandelbedingt noch mehr an, könnte sich dieser Effekt weiter verstärken. „Die Klimamodelle zeigen deutlich einen Trend in diese Richtung an“, sagt Orlik und auch Foelsche bestätigt: „Die Tendenz zeigt: Bei höheren Temperaturen fällt der Niederschlag in umso intensiverer Form.“

In Stein gemeißelt sind noch heftigere Unwetter in Zukunft allerdings trotz dieser Entwicklungen nicht. „Für Gewitter bedarf es insgesamt mehr als nur hoher Temperaturen“, sagt Orlik. „Ob sie tatsächlich ausbrechen, hängt von vielen weiteren Faktoren ab, der Dynamik in der Atmosphäre und den Temperaturunterschieden der Luftschichten etwa. Das ist ein komplexer Prozess.“Die Forscher am Grazer Wegener Center gehen für Südösterreich – ganz grob gesagt – davon aus, dass kleinräumige Starkniederschläge pro Grad Erwärmung um etwa zehn Prozent intensiver fallen. Gelingt es nicht, die Treibhausgasemissionen einzudämmen, drohen weiten Teilen des Alpenvorlands Bedingungen, wie man sie heute aus Nordafrika kennt.

Wochenlange Phasen mit Temperaturspitzen zwischen 40 und 50 Grad wären im Extremfall zu erwarten, die ausgetrockneten Böden könnten dann die kräftigen Gewitterregen umso schlechter aufnehmen. Für Foelsche ist klar: „Extremwetterereignisse hat es immer gegeben und es wird sie auch weiterhin geben. Aber durch das Anheizen des Klimawandels machen wir die Situation tendenziell schlimmer.“