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Wenn Probleme auftauchen, sind sie da

30.06.2022 • 16:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Schüler kommen ins Büro von Ifs-Schulsozialarbeiterin Katharina Spiss, sprechen mit ihr und lassen sich von ihr beraten. <span class="copyright">Steurer </span>
Die Schüler kommen ins Büro von Ifs-Schulsozialarbeiterin Katharina Spiss, sprechen mit ihr und lassen sich von ihr beraten. Steurer

Ifs-Schulsozialarbeiter sind für psychosoziale Belange der Schüler verantwortlich.

Vor 20 Jahren nahm die Ifs-Schulsozialarbeit ihre Arbeit auf. Was als Pilotprojekt in zwei Bregenzer Hauptschulen begann, wird heute an 33 Schulen angeboten (siehe Factbox rechts). Die Sozialarbeiter sind als neutrale Fachpersonen in der Schule; mindes­tens zwei Tage die Woche. „Es ist sehr wichtig, dass wir vor Ort sind, weil Schulsozialarbeit von der Beziehung mit den Schülern lebt“, sagt Lisa Sturn, die Leiterin der Ifs-Schulsozialarbeit. Sozialarbeiterin Katharina Spiss, die an den Mittelschulen Baumgarten und Lustenauerstraße in Dornbirn arbeitet, verdeutlicht das aus ihrer Praxis: „Ich bin seit elf Jahren in der Schule und kenne deshalb jedes Kind und jede Lehrperson. Wir müssen präsent sein, um in Beziehung treten zu können.“

Ifs-Schulsozialarbeiterin Katharina Spiss und die Leiterin der Ifs-Schulsozialarbeit Lisa Sturn. <span class="copyright">Steurer</span>
Ifs-Schulsozialarbeiterin Katharina Spiss und die Leiterin der Ifs-Schulsozialarbeit Lisa Sturn. Steurer

In der Schule angesiedelt ist die Ifs-Schulsozialarbeit aber auch deshalb, weil die jungen Menschen hier die meiste Zeit verbringen und deshalb ein sehr niederschwelliger Zugang gegeben ist. Sozialarbeiterin Katharina Spiss: „Wenn ein Schüler zu Hause ein Problem hat, beispielsweise weil ein Elternteil trinkt, ist es für ihn unkompliziert, in der Schule, wo er eh so oft ist, zu mir zu kommen. Eine Beratungsstelle aufzusuchen, ist ein größerer Aufwand. In solchen Fällen fangen wir die Schüler auf und schauen, wohin wir sie vermitteln können.“ Denn solche Probleme gehören in die Hände anderer Experten. Wenn der Schüler es möchte, begleitet die Schulsozialarbeit ihn dorthin.

Themen

Es sind aber nicht immer solch schwerwiegende Probleme, die einen Schüler zur Ifs-Schulsozialarbeit führen. Manchmal hört Sozialarbeiterin Katharina Spiss auch von Liebeskummer oder Streit mit Freundinnen. Die häufigsten Themen in ihren Beratungen sind Konflikte mit Mitschülern und Eltern sowie Freundschaftsthemen. Daran hat auch die Pandemie nichts geändert und auch nicht all die Jahre, seit denen es die Ifs-Schulsozialarbeit gibt: Schon früher waren diese Probleme dominant in den Beratungsstunden der Sozialarbeiter.
Dennoch hat sich im Laufe der Jahre auch einiges verändert: Die Themen werden komplexer. „Früher kam ein Schüler mit einem Problem zu mir. Heute ist es oft so, dass sich während der Beratung immer mehr Problemfelder zeigen“, sagt Katharina Spiss. Außerdem habe sie den Eindruck, dass heutzutage in jeder Klasse mindestens ein Schüler sei, der psychosoziale Unterstützung benötige.


Sozialarbeiterin Katharina Spiss hängt immer einen Spruch an ihr Fenster, das auf den Pausenhof geht.<span class="copyright"> Steurer</span>
Sozialarbeiterin Katharina Spiss hängt immer einen Spruch an ihr Fenster, das auf den Pausenhof geht. Steurer

Die Ifs-Schulsozialarbeit unterstützt neben den Schülern auch die Schulen: Sie bietet beispielsweise Workshops für ganze Klassen an, um die Klassengemeinschaft zu stärken, oder sie arbeitet mit Schulklassen zu Themen wie Konfliktlösung. Wenn in einer Klasse Probleme auftauchen, zum Beispiel wegen sozialen Medien, halten die Sozialarbeiter auf Wunsch der Lehrer eine Stunde ab. Danach entscheiden die Sozialarbeiter, ob das reicht oder vielleicht ein Workshop mit der Supro gut wäre. „Wir übernehmen die Verantwortung für psychosoziale Belange der Schüler“, fasst Lisa Sturn die Aufgaben der Ifs-Schulsozialarbeit zusammen. Das geht so weit, dass die Eltern das Angebot ebenfalls in Anspruch nehmen können, da sich in einem Familiensystem deren Probleme und Themen auch auf die Kinder auswirken und umgekehrt.

Ifs-Schulsozialarbeit

Die Ifs-Schulsozialarbeit ist an 33 größeren Schulen in acht Gemeinden des Landes vertreten, quer durch alle Schulformen: von der Volks- über die Mittelschule zur Oberstufe, an Polytechnischen Schulen und Förderzentren. 19 Sozialarbeiter arbeiten für das Ifs. Sie sind mindestens zwei Tage an den jeweiligen Schulen vor Ort. Zu 80 Prozent wird das Angebot vom Land bezahlt, 20 Prozent steuern die Gemeinden der Schulstandorte bei. Schulen derselben Gemeinden, an denen die Ifs-Schulsozialarbeit nicht tätig ist, können in Krisenfällen deren Unterstützung erhalten. Die Ifs-Schulsozialarbeit ist von der Kinder- und Jugendhilfe beauftragt als präventives Angebot, um Probleme frühzeitig zu erkennen und aufzugreifen.

Da 20-jährige Bestehen der Ifs-Schulsozialarbeit wird heute bei einer Jubiläumsveranstaltung am Ort der Entstehung, der Bregenzer Schule Schendlingen, mit Schulen, Politik und Kooperationspartnern gefeiert.

Auswirkungen der Pandemie zeitverzögert in den Schulen angekommen

Katharina Spiss arbeitet seit elf Jahren als Ifs-Schulsozialarbeiterin, u. a. an der Mittelschule Baumgarten in Dornbirn, die 250 Schüler zählt. 92 davon waren im Schuljahr 2021/22 bei ihr in der Beratung. „Das ist eine hohe Zahl“, erklärt die Sozialarbeiterin. Weitere Zahlen von der gesamten Ifs-Schulsozialarbeit an 33 Schulen zeichnen dasselbe Bild: Im Vergleich zum Schuljahr 2019/2020 kamen um 30 Prozent mehr Kinder und Jugendliche zur Beratung, und die Anzahl der betreuten Kinder und Familien mit psychischer Belastung ist um 45 Prozent gestiegen. Der Anstieg ist auf die Pandemie zurückzuführen, deren Auswirkungen – wie vielfach vorausgesagt – erst mit Verspätung zu spüren sind.

Gruppe nicht mehr gewöhnt

Themen, die durch die Pandemie aufkamen, sind: Einige Schüler sind die Gruppe nicht mehr gewöhnt, tun sich schwer im Klassenverband und müssen das soziale Miteinander wieder lernen. Durch das viele Distance Learning und die abgesagten Ausflüge oder Klassenwochen hat zudem etwas Wichtiges für das soziale Miteinander gefehlt: Begegnungen der Mitschüler außerhalb der Schule. Auffallend sei auch, erzählt Lisa Sturn, die Leiterin der Ifs-Schulsozialarbeit: „Manche Kinder tragen in der Klasse und in der Pause immer noch die Maske. Nicht weil sie sich vor einer Ansteckung fürchten, sondern im Sinne von: Ich verstecke mich hinter der Maske, weil ich mich nicht schön fühle.“


Durch die Pandemie, aber auch die Teuerung und den Krieg in der Ukraine haben Ängste zugenommen. Dabei handelt es sich nur vereinzelt um Zukunftsängste. „Bei uns zeigt es sich oft in Schul- und Prüfungsangst. Dahinter steckt aber etwas anderes“, sagt Sozialarbeiterin Katharina Spiss. Deutlich habe sich auch gezeigt, dass es an den Schulen mehr Gewalt gebe: Es werden vermehrt Gegenstände willentlich beschädigt. Gewalt wurde durch die Pandemie auch in den Familien häufiger sichtbar. Hintergrund dafür ist das viele Zusammensein auf teilweise engem Raum. „Hier sind wir gefordert, Lösungen zu suchen“, sagt Lisa Sturn. Ob das Angebot der Ifs-Schulsozialarbeit weiter ausgebaut wird, weiß sie nicht. Der Bedarf an Schulsozialarbeit wird von allen Akteuren bestätigt.