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„Keine Idee, wo sie noch sparen könnten“

04.07.2022 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die gestiegenen Energiepreise machen sich im Budget einkommensschwacher Menschen schnell und stark bemerkbar. <span class="copyright">Apa/Schneider</span>
Die gestiegenen Energiepreise machen sich im Budget einkommensschwacher Menschen schnell und stark bemerkbar. Apa/Schneider

Teuerung: Ifs-Schuldenberatung zählt weit mehr Klienten als sonst.

Acht Prozent Inflation und Energiepreise, die steigen und steigen: Diese Entwicklungen sind bei der Ifs-Schuldenberatung gut zu spüren. „In den vergangenen zwei Monaten ist die Zahl an Beratungen deutlich gestiegen“, sagt Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der Ifs-Schuldenberatung. „Wir haben viele einkommensschwache Klienten, die im Verhältnis relativ viel Geld für ihre Lebenserhaltungskosten ausgeben müssen, also für Lebensmittel, Energie und Wohnen. Die Wohnpreise sind bei uns schon seit längerem enorm hoch und wenn, so wie es jetzt der Fall ist, auch Lebensmittel und Energie teurer werden, macht sich das im Haushaltsbudget unserer Klienten schnell und stark bemerkbar.“

Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der Ifs-Schuldenberatung.<span class="copyright">IFS</span>
Simone Strehle-Hechenberger, Leiterin der Ifs-Schuldenberatung.IFS


Wie sehr die Lage angespannt ist, verdeutlicht die Expertin aus ihrer Praxis: Unter anderem führt das Ifs eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung mit den Klienten durch und gibt Tipps, wie sie die Ausgaben senken können. Letzteres wird immer schwieriger: „Bei einigen Klienten haben wir keine Idee, wo sie noch einsparen können. Bei ihnen ist nichts mehr zu reduzieren.“

Die Ifs-Schuldenberatung bietet auch Budgetberatungen an, die meisten Klienten suchen die Stelle jedoch erst auf, wenn sie bereits überschuldet sind. Vermutlich hält die Scham sie davor ab, diesen Schritt früher zu setzen. Bei dieser Klientel ist die Lage der Alleinstehenden besonders prekär: Haben sie Unterhaltsschulden und werden in Folge gepfändet, bleibt ihnen nicht das Existenzminimum von 1030 Euro plus 206 Euro pro Unterhaltspflicht, sondern das Existenzminimum kann um 25 Prozent unterschritten werden. „Wir betreuen auch immer wieder Klienten, die sich die Privatinsolvenz nicht leisten können. Für die Privatinsolvenz müssen sie eine ausgeglichene Einnahmen-Ausgaben-Rechnung haben, weil sie keine neuen Schulden machen dürfen. Das ist nicht mehr bei allen möglich“, zählt Strehle-Hechenberger eine weitere Problematik auf.

Ifs-Schuldenberatung

Angebot:

Abklä­rung der finan­zi­el­len Situa­tion

Ver­mitt­lung von exis­tenz­si­chern­den Maß­nah­men

Erstel­lung von Sanie­rungs­plä­nen und Sanie­rungs­maß­nah­men

Vor­be­rei­tung, Durch­füh­rung und Abwick­lung von Pri­vat­kon­kur­sen

Budgetberatung

Finanzbildung – Vorarlberger Finanzführerschein

Betreutes Konto


Sorgen bereiten der Ifs-Schuldenberatung auch Menschen, die schon länger im Konkurs sind und die ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können, weil die Teuerung sie einholt: „Wenn zum Beispiel vor zwei Jahren ein Zahlungsplan vom Gericht bestätigt wurde, so waren die Bedingungen damals anders und das Haushaltsbudget, das wir mit ihnen aufgestellt haben, ist heute nicht mehr aktuell.“ In solchen Fällen könnte der Konkurs scheitern.

Was die Politik tun könnte

Auf die Frage, was die Politik tun müsste, um die finanzielle Situation für armutsgefährdete und überschuldete Menschen zu verbessern, hat Strehle-Hechenberger gleich mehrere Antworten parat: „Das Existenzminimum – das ist jener Betrag, der unpfändbar bleibt – sollte erhöht werden auf mindestens das Niveau der Armutsgefährdungsschwelle von 1371 Euro. Entlastungen sollten unpfändbar sein, denn sonst kommen 70 Prozent davon den Gläubigern zugute. Zudem hätten wir gerne, dass Familienleistungen angehoben werden, dass der Familienbonus treffsicherer und unpfändbar wird, dass der ASVG-Richtsatz steigt und das Pensionssplitting verpflichtend wird.“

Armutsgefährdet sind in Vorarlberg Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern und Familien mit Migrationshintergrund sowie Frauen im Alter. Das bildet sich bei der Ifs-Schuldenberatung jedoch nur bedingt ab: Mehr als 60 Prozent der Klientel sind Männer. Sie sind es nämlich meist, die einen Kredit aufnehmen und nicht die Frauen, die aufgrund durchschnittlich niedrigerem Einkommen weniger kreditwürdig sind.

Was tun?

Die Schuldenberaterin geht davon aus, dass die Inflation zunehmend auch die Mittelschicht treffen wird. Sie rät Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten: „Wichtig ist, die Einnahmen und Ausgaben im Überblick zu behalten, auf die Energiekosten zu achten und allenfalls für eine Nachzahlung anzusparen. Gläubiger sollten rechtzeitig kontaktiert werden und man sollte sich bei der Schuldenberatung melden.“