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Ein Schuljahr so anstrengend wie selten

08.07.2022 • 18:56 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
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HARTINGER

Viele ausgefallene Lehrer wegen Corona und Schüler, die pandemiebedingt mehr psychische Auffälligkeiten zeigen: Ein Rückblick auf das Schuljahr.

Bernd Dragosits (58) ist seit 27 Jahren Schulleiter. Wenn jemand mit so viel Erfahrung sagt, dass das heurige Schuljahr eines der anstrengendsten seiner Leiterlaufbahn war, hat das Aussagekraft. Gestresst oder ausgelaugt wirkt der Bregenzer beim NEUE-Gespräch dennoch nicht. Dass der Interviewtermin kurzfristig vor Schulschluss ausgemacht wurde, war für ihn auch kein Problem. 27 Jahre Erfahrung bringen wohl eine gewisse Gelassenheit mit sich.

Dragosits leitet seit 2007 die Volksschule Wolfurt Bütze. 35 Lehrer unterrichten hier 246 Kinder in 13 Klassen. Was dieses Jahr so anstrengend machte, war – wie könnte es anders sein – die Pandemie. Ab Februar kam es an der Schule zwei Monate lang zu massiven Ausfällen von Lehrern. „Alle unsere Lehrer sind dreifach geimpft, trotzdem hatten wir viele Ansteckungen mit mindestens zehn Tagen Krankenstand.“ Teilweise seien drei bis fünf Lehrer gleichzeitig krank oder in Quarantäne gewesen – und das in einer Situation, in der sowieso schon Lehrermangel herrscht (mehr zu dem Thema siehe Artikel rechts oben). „Wenn in einer Volksschule ein Klassenlehrer ausfällt, ist es schwierig, wenn zwei ausfallen, ein großes Problem.“ Bei einer fehlenden Lehrperson übernimmt der Direktor die Klasse, fällt noch ein Klassenlehrer aus, muss der Schulleiter alle Hebel in Bewegung setzen. In Wolfurt konnte das Problem schulintern gelöst werden, indem teilbeschäftigte Lehrerinnen Stunden übernahmen. „Die Betreuung ihrer eigenen Kinder mussten sie dafür anders organisieren“, zeigt Dragosits einen Rattenschwanz auf. Er selbst unterrichtete wochenlang stundenweise am Vormittag und arbeitete am Nachmittag sowie an den Wochenenden im Büro. Zwei Mal in den zwei Monaten wurde eine Klasse ins Distance Learning geschickt, durch das hervorragende Engagement aller und eine große Hilfsbereitschaft sei es jedoch gelungen, das Ziel „Wir lassen die Schule offen“, zu erreichen. Aber: „Es hat uns Substanz gekostet.“

Die Schüler der VS Bütze freuen sich auf ihre Ferien nach einem stressigen Jahr.<span class="copyright">HARTINGER</span>
Die Schüler der VS Bütze freuen sich auf ihre Ferien nach einem stressigen Jahr.HARTINGER

Noch nicht erlebt

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder seien ein weiterer Punkt, weshalb dieses Schuljahr so anstrengend war, sagt Dragosits. Immer mehr Schüler haben Leistungseinbrüche, zeigen psychische Auffälligkeiten, Aggressionen und Depressionen. „In dieser Menge habe ich das in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt“, berichtet Dragosits. Die Kinder konnten zwei Jahre lang mehr oder weniger nicht ihr normales Leben führen, Freunde treffen, bei Sportvereinen mitmachen, unbeschwert sein – das führt zu Stress und wenn dieser nicht abgebaut werden kann, werden einige Kinder aggressiv, verschmieren Spiegel in der Schule, verstopfen Klos mit Klopapier oder verstecken Dinge. Einige Schüler waren so unter Druck, dass sie ihn körperlich auslebten; sprich mit Streitereien. Am Pausenhof seien solche noch unter Kontrolle, aber es habe mehrere Vorfälle auf dem Schulweg gegeben. „Ich bekam Hilferufe von Eltern, die nicht mehr wissen, was sie tun sollen“, beschreibt Dragosits die Situation. In der Schule habe es permanent Beratungsgespräche mit Schülern und Eltern gegeben sowie wöchentliche Fallbesprechungen des Teams und der Beratungslehrerin. Oft mussten verhaltensauffällige Kinder an externe Stellen wie das Aks, ifs oder den Kinderpsychiater verwiesen werden. Doch dort taucht das nächste Problem auf: keine Verfügbarkeit, lange Wartezeiten.

Die Auswirkungen der Pandemie treten erst jetzt mit voller Wucht auf, und: „Sie werden uns noch jahrelang begleiten.“ Um die Situation in den Griff zu bekommen, ist eines für Dragosits klar: „Es müssen mehr Leute da sein. Schulsozialarbeit, Beratungslehrer und Krisenbegleitlehrer gehören verstärkt, ebenso das Aks und das ifs.“

Der letzte Schultag ist für viele emotional. <span class="copyright">Hartinger</span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span>
Der letzte Schultag ist für viele emotional. Hartinger

Logik?

Einige Schüler haben wegen des Distance Learnings Lernrückstände. Dazu wurden vom Bund zusätzliche Stunden bewilligt. „Interessanterweise werden sie jetzt, da das Problem stark spürbar wird, gestrichen“, wundert sich Dragosits. In diesem Schuljahr wären die Förderstunden noch nicht so dringlich gewesen und konnten teilweise wegen der Coronamaßnahmen nicht durchgeführt werden. Im Schuljahr 2022/23 gibt es sie nicht mehr. „Das widerspricht jeder pädagogischen Logik.“

Neben vielen pandemiebedingten Unannehmlichkeiten brachte das vergangene Schuljahr auch die Situation mit, dass mitten im Schuljahr ukrainische Schüler aufgenommen werden mussten. An der Volksschule Wolfurt-Bütze waren es zwei, im nächsten Schuljahr kommen vier hinzu. Eine Schule in der Größe wie seine könne mit der Situation umgehen, selbst wenn Lehrer für Deutschförderklassen fehlen, so Dragosits.

Auch wenn das vergangene Schuljahr sehr schwierig war, gab es auch positive Begebenheiten: „In der Krise hat sich gezeigt, wie stark der Zusammenhalt des Lehrerteams war. Das hat mich am meisten gefreut.“ Streit wegen der Coronaimpfung oder -maßnahmen gab es an der Volksschule Bütze nicht. Sehr positiv sei auch gewesen: „Wir haben gesehen, dass die Eltern unsere Arbeit schätzen. Diese Wertschätzung gibt Kraft, in einer schwierigen Situation durchzuhalten“, sagt Dragosits. Ihn freut zudem, dass die Digitalisierung an der Schule gut vorangetrieben werden konnte: Die Schüler haben iPads, die Klassen digitale Tafeln. Über digitale Programme können sehr gute Schüler bei einigen Aufgaben eine herausfordernde Version, weniger gute eine leichte machen. „Wir versuchen, den Kindern die digitale Welt jenseits von Computerspielen und sozialen Plattformen zu zeigen. Beispielsweise sehen sie, dass die Digitalisierung zum Lernen dienen kann und dass dadurch schwierige Inhalte verständlich erklärt werden können.“

VS-Direktor Brend Dragosits blickt auf ein anstrengendes Schuljahr zurück. <span class="copyright">Hartinger</span>
VS-Direktor Brend Dragosits blickt auf ein anstrengendes Schuljahr zurück. Hartinger

Verwalten des Mangels

Neben den Schwierigkeiten, die die Pandemie für die Schulen mit sich brachte, hat sich ein Problem jetzt manifestiert, wie Bernd Dragosits, Direktor der Volkschule Bütze in Wolfurt, sagt. Der Lehrermangel. Dragosits erzählt: „Eine Kollegin geht in Karenz und wir freuen uns für sie. Gleichzeitig hat das aber viel Stress wegen der Nachbesetzung verursacht.“ Es gelang, die Situation schulintern zu lösen: Zwei Lehrerinnen haben ihre verringerte Lehrverpflichtung aufgegeben und übernehmen im neuen Schuljahr jeweils eine eigene Klasse. „Was ist aber, wenn im nächsten Schuljahr ein längerer Krankenstand auftritt oder jemand in Karenz geht?“, fragt sich Dragosits und gibt weiters zu bedenken: „Wir stehen erst am Beginn dieser Entwicklung.“

Was also tun? Klassen zusammenzuschließen, wie es an einigen Schulen geschah, ist für Dragosits indiskutabel. Das Modell der Quereinsteiger tauge auch nicht überall: „Ein Quereinsteiger, der etwa direkt nach der Matura in die Schule kommt, kann unmöglich eine schwierige Klasse übernehmen.“ Die Bildungsdirektion könne jedoch nur schicken, wen sie habe, ohne Rücksicht auf große oder schwierige Klassen zu nehmen. „Als Schulleiter müsste ich in solch einem Fall umgruppieren. Es ist ein Verwalten des Mangels.“

Etwas Positives weiß Dragosits zum Thema Lehrermangel aber auch zu berichten: Um Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Bereichen zu unterstützen, die keine didaktischen oder pädagogischen Erkenntnisse fordern, hat das Land vor drei Jahren mit dem System der Asstistenzstellen begonnen. „Das funktioniert und nimmt wenigstens ein bisschen Arbe

Viele Direktoren wollen aufhören

Die Arbeitsbelastung hat in der Pandemie für die Direktoren stark zugenommen. Bernd Dragosits, Leiter des Volksschule Wolfurt-Bütze und seit 27 Jahren Schuldirektor, berichtet von seinen Arbeitstagen: Er ist um 7 Uhr in der Schule und verlässt sie zwischen 16 und 18 Uhr. Hinzu kommen Abendtermine. Im zu Ende gegangenen Schuljahr war er in Krisenzeiten am Wochenende auch immer in der Schule, oft am Samstag und am Sonntag. „Weshalb ich heute noch auf dem Direktorstuhl sitze, ist die Perspektive auf eine Ausweitung der Sekretariatsstunden“, erklärt Dragosits wie er die hohe Belastung meis­tern konnte. Das Sekretariat ist ab kommendem Schuljahr jeden Vormittag besetzt, bisher war das nur zwei Vormittage die Woche der Fall. Das Land Vorarlberg habe die Sekretariatsstunden stark erhöht.

Einige Direktoren hätten in vergangener Zeit ein Burnout gehabt oder ihren Beruf an den Nagel gehängt, sagt Dragosits. Er bietet anderen Direktoren Unterstützung an, vor allem den jungen. „Sie brauchen das dringend, damit sie nicht in kürzester Zeit ausbrennen.“ Dragosits wäre dafür, ein solches Mentoring für Neu-Direktoren im System zu verankern. „Es muss professionell und bezahlt sein.“

Extremsituationen erlebt

Ges­tern wurde das Schuljahr an der VS Bütze feierlich abgeschlossen. Mit welchem Gefühl geht der Direktor nun ins neue Schuljahr? „Ich habe das Gefühl, uns kann nichts mehr erschüttern. Wir haben Extremsituationen erlebt und völlig unvorbereitet reagieren müssen. Das haben wir durch gute Teamarbeit geschafft.“

Eindrücke vom letzten Schultag

Ein gelöster Direktor Dragosits. Für Viertklässler bildeten andere Schüler ein Spalier. <span class="copyright">HARTINGER</span>
Ein gelöster Direktor Dragosits. Für Viertklässler bildeten andere Schüler ein Spalier. HARTINGER

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