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Sind die Ukrainer wütend auf Europa?

11.07.2022 • 15:12 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Sind die Ukrainer wütend auf Europa?

Exil-Ukrainerin Olia Fedorova berichtet über ihr Volk im Krieg.

In den letzten Monaten, insbesondere nach dem Besuch der Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Deutschland, Italien und Rumänien in Kiew, haben mich viele Menschen aus europäischen Ländern gefragt: Warum gibt es in den sozialen Medien so viele hasserfüllte Kommentare von Ukrainern über unsere Staats- und Regierungschefs? Helfen euch diese Länder nicht, unterstützen sie euch nicht die ganze Zeit? Ich kann verstehen, warum diese Art von Reaktion der Ukrainer für die Menschen außerhalb der Ukraine seltsam oder sogar unverschämt erscheinen mag. Lassen Sie mich also versuchen, das zu erklären.

Wir, die Ukrainer, hassen weder Europa, europäische Länder noch die europäischen Menschen. Wir hassen eigentlich überhaupt nicht. Das einzige Land, das wir hassen, ist Russland (und etwas auch Belarus, weil dessen Regime Russland beim Angriff auf die Ukraine hilft).

Durch und durch koloniale Rhetorik

Aber wir empören uns über einige europäische Politiker und einige Vertreter der “intellektuellen Elite”. Denn sie schlagen der Ukraine immer noch allen Ernstes vor, Territorien aufzugeben, um “Putins Gesicht zu wahren und den Krieg zu beenden”. Sie scheinen diese “Gebiete” nur als Landstücke zu betrachten, auf denen sich keine Menschen befinden, während für die Ukraine die Einwohner das Wichtigste sind, wir kümmern uns um jede lebende Seele und werden sie nicht ohne weiteres Russland opfern. Im Brustton der Überzeugung behaupten sie: “Waffen sind schlecht, wir sollten der Ukraine keine weiteren Waffen geben, weil dadurch der Krieg verlängert wird.” Wenn wir versuchen, unsere Sichtweise zu erklären, hören sie nicht zu. Sie denken, dass sie es besser wissen. Was sie tun, ist “Westsplaining” (ein abwertender Begriff, der Kritik an den gesellschaftspolitischen Ansichten der westlichen Welt darstellt, Anmerkung) mit durch und durch kolonialer Rhetorik.

Olia Fedorova
Olia FedorovaKleine Zeitung

Es ist keine Übertreibung, ich höre diese Geschichten ständig von meinen Kollegen aus dem Kulturbereich. Eine meiner Kolleginnen hat zum Beispiel eine Ausstellung in Italien kuratiert und musste den Besuchern jedes Mal erklären, warum die Ukrainer nicht aufgeben können (und wollen!). Sie versuchte auch, eine Ausstellung ukrainischer Kunst in Den Haag zu organisieren, aber die Galerie lehnte ab, weil die Ausstellung für sie “zu politisch” war. Und es gibt noch viele weitere Geschichten wie diese.

Wir können einfach nicht verstehen, wie man uns ernsthaft zu Verhandlungen und Zugeständnissen an Russland drängen kann, nach allem, was Russland uns angetan hat, nachdem die ganze Welt Butscha, Irpin und Borodianka gesehen hat. Und wir wollen uns besser nicht vorstellen, was jetzt in Mariupol, Cherson und in anderen besetzten Gebieten geschieht. Nach dem jüngsten schrecklichen Verbrechen im Einkaufszentrum von Krementschuk haben viele Menschen und einige Organisationen ihre Haltung ein wenig geändert, sie haben klare Aussagen gegenüber Russland getroffen, und manche davon waren sehr deutlich. Aber einige weigern sich immer noch, die Gespräche mit Putin einzustellen, selbst wenn sie sehen, dass diese Gespräche zu nichts führen. In diesen Momenten haben wir Angst, dass sich die Geschichte wiederholen könnte und die Ukraine nur ein Spielball zwischen den großen Ländern ist, und dass Vereinbarungen hinter unserem Rücken getroffen werden, so dass wir gezwungen werden, unsere Freiheit für “wichtigere Dinge” zu opfern.

Wir sind unendlich dankbar

Aber wir empfinden unendliche Dankbarkeit gegenüber den europäischen Regierungen und Menschen, die uns so sehr helfen, die uns wirklich unterstützen und nicht nur leere Versprechungen machen oder versuchen, uns zu erklären, wie wir dieses und jenes tun sollten, weil sie es “besser wissen”. Und ich sehe, dass die Unterstützer groß an der Zahl sind. Leider gibt es immer noch Leute an der Macht, die uns nicht unterstützen. Aber das Tolle an der Demokratie ist, dass die Menschen das Geschehen beeinflussen und verändern können.

Auf dem nebenstehenden Foto halte ich das Fragment einer russischen Rakete in der Hand, die auf das Haus meiner Mutter in Charkiw abgefeuert wurde. Es ist sehr scharf und schwer, und es ist nur ein kleiner Teil einer riesigen, tödlich gefährlichen Rakete. Diese Dinger werden jeden Tag auf uns abgefeuert. Es gibt keinen sicheren Ort in der Ukraine, den sie nicht erreichen können. Wir, die Ukrainer, leben jeden Tag mit der trivialen Vorstellung, dass wir in jeder Sekunde getötet werden könnten, dass unsere zerstörten Häuser auf unsere Köpfe fallen und unsere Körper von diesen scharfen und schweren Stücken aus hartem Metall zerrissen werden könnten. Selbst seit ich nach Österreich ausgewandert bin, muss ich mich ständig daran erinnern, dass ich nicht mehr in Gefahr bin, dass die Raketen mich hier nicht erreichen werden. Aber dennoch, mit dem Bewusstsein, dass Putin in der Ukraine nicht aufhören wird (das wird offiziell erklärt!), kann ich mich auch hier nicht sicher fühlen.

Im Hintergrund des Fotos ist das friedliche Graz zu sehen. Stellen Sie sich also vor, dass diese Raketen – die gleichen, von denen ich ein Stück in der Hand halte – auf diese Gebäude, auf diese Kirchen und Parks, auf diese Menschen, die mit ihren Kindern und Hunden durch die Straßen gehen, abgefeuert werden. Der einzige Grund, warum das nicht passiert, sind die Kämpfer der ukrainischen Streitkräfte, die Putin in der Ukraine, vor den Toren Europas, aufgehalten haben. Sie sterben buchstäblich für die Freiheit ganz Europas. Um es noch einmal zu wiederholen, Putin selbst und seine Clique haben mehrfach gesagt, dass sie in der Ukraine nicht aufhören sondern weiter machen werden. Aber trotzdem scheinen einige Politiker das nicht zu verstehen.

Jeden Tag sterben Menschen in der Ukraine – Soldaten, Zivilisten, Erwachsene, Ältere, Kinder, sie werden von Raketen getötet, wie jener auf dem Foto. Jeden Tag hat jeder Ukrainer das Gefühl, dass dieser Tag der letzte für ihn sein könnte, dass er persönlich, oder seine Familie, ein Opfer der Unentschlossenheit und Heuchelei der Politiker werden könnte, des Wunsches, weiterhin billiges Gas und Öl zu kaufen, oder der Menschen, die “genug von diesem ganzen Krieg haben”. Stellen Sie sich diesen Stress vor. Stellen Sie sich dieses Grauen vor. Stellen Sie sich vor, dass jeder Ukrainer diesen Splitter einer Rakete in seinem Herzen trägt. Und das schon seit mehr als vier Monaten. Ich nehme an, dass es auch für Sie schwierig wäre, in einer solchen Situation Ihre Wut zu beherrschen und Ihre Gefühle unter Kontrolle zu behalten.

Krieg bringt uns an die Grenzen

Zum Schluss möchte ich noch hinzufügen, dass es überall, in jedem Land, schlechte und unhöfliche Menschen gibt und dass ein solches Verhalten niemals ein Spezifikum einer bestimmten Nation ist. Krieg ist ein gewaltiger Stress und bringt alle Emotionen an die äußersten Grenzen, er offenbart sowohl das Beste als auch das Schlechteste im Menschen. Aber dennoch, es sind Menschen, Individuen. Sie können einen schlechten oder unhöflichen ukrainischen Menschen treffen, Sie können sogar viele von ihnen treffen. Allerdings werden Sie vermutlich gleich viele schlechte und unhöfliche Menschen in Ihrem Land finden.

Bitte beurteilen Sie eine Nation nie nach ihren einzelnen Vertretern. Ich möchte, dass Sie wissen, dass wir Ukrainer sehr glücklich und dankbar sind, Sie alle an unserer Seite zu haben, wir spüren Ihre Unterstützung die ganze Zeit hindurch und wir können den Moment nicht erwarten, wenn wir unseren Sieg mit Ihnen allen feiern können. Und wenn wir Sie schließlich wieder in unsere wunderbaren Städte einladen können.

Der Krieg ist sehr hart, aber bitte bleiben Sie bis zum Ende an unserer Seite. Ich danke Ihnen vielmals!