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Ukraine plant Rückeroberung im Süden

11.07.2022 • 13:09 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
UKRAINE-RUSSIA-CONFLICT-WAR
UKRAINE-RUSSIA-CONFLICT-WAR (c) APA/AFP/ANATOLII STEPANOV (ANATOLII STEPANOV)

Russland greift Charkiw und andere Städte massiv an.

12.10 Uhr: Ukraine plant Rückeroberung mit einer Million Soldaten

Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow sprach in einem Interview mit der englischen Zeitung “The Sunday Times” über Pläne einer Großoffensive im ukrainischen Süden. Das wirtschaftlich wichtige Gebiet soll demnach mit einer Million Soldaten – und ausgestattet mit westlichen Waffen – zurückerobert werden.

12.00 Uhr: Mehrere Flughäfen in Südrussland bleiben bis 18. Juli geschlossen

Wegen des Krieges in der Ukraine haben Russlands Behörden die Flugverbote im Süden des eigenen Landes bis zum 18. Juli verlängert. Betroffen sind viele beliebte Sommerferienorte der Russen. Insgesamt elf Flughäfen blieben weiterhin gesperrt, darunter der im Schwarzmeer-Kurort Anapa, in Rostow am Don und in der Großstadt Krasnodar, teilte die Luftfahrtbehörde Rosawiazija am Montag in Moskau mit.

Auch die Flughäfen von Gelendschik, Woronesch sowie in Simferopol auf der 2014 annektierten ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim sind demnach weiter von Luftraumbeschränkungen betroffen.

Die Verbote gelten den Angaben zufolge vorerst bis zum 18. Juli, 2.45 Uhr MESZ. In der bei Touristen beliebten Stadt Sotschi am Schwarzen Meer läuft der Flugbetrieb nach offiziellen Angaben weiter. Die Behörden empfahlen, für Reisen in die südlichen Regionen neben Sotschi die Flughäfen in Wolgograd und Mineralnyje Wody oder auch Moskau zu nutzen. Von dort gibt es etwa Zug- und Busverbindungen in die Regionen mit den gesperrten Airports.

Russland hatte nach der Invasion in die Ukraine am 24. Februar mehrere südrussische Airports geschlossen und die Flugverbote immer wieder verlängert. Ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist bisher nicht in Sicht.

8.00 Uhr: Russland greift Charkiw und andere Städte massiv an

Die russische Artillerie hat nach ukrainischen Angaben die Stadt Charkiw massiv angegriffen und bereitet eine Großoffensive im Osten des Landes vor. Raketenwerfer und Panzer seien im Einsatz, teilte der ukrainische Generalstab am Montagmorgen mit. Es habe eine regelrechte Bombardierungswelle begonnen, die bereits mehrere Städte im Osten getroffen habe. Dies diene der Vorbereitung einer russischen Großoffensive.

Zugleich suchten in Tschassiw Jar im Osten der Ukraine Rettungskräfte weiter nach Überlebenden, die noch immer unter den Trümmern eines am Samstagabend beschossenen Wohnhauses vermutet wurden.

Russland hat die Invasion seines Nachbarlandes am 24. Februar begonnen. Seit geraumer Zeit konzentrieren sich die Kämpfe auf den Osten der Ukraine. Nach der von Russland erklärten Einnahme der Region Luhansk liegt nun Donezk im Fokus. Die beiden Regionen bilden zusammen den Donbass, ein von Industrie geprägtes Gebiet im Osten, in dem bereits seit 2014 von Russland unterstützte Separatisten weite Teile kontrollieren.

Die Region Charkiw liegt westlich von Luhansk und Donezk. In der gleichnamige Stadt Charkiw, nach der Hauptstadt Kiew die zweitgrößte der Ukraine, wurde in der Nacht auf Montag ein Wohnhaus getroffen. Berichte über mögliche Opfer gebe es aber bisher nicht, teilten die Behörden mit.

In Tschassiw Jar, wo am Samstagabend Raketen in einem fünfstöckigen Wohnhaus eingeschlagen waren, wurden noch etwa zwei Dutzend Menschen vermisst, darunter ein Kind. Mindestens 18 Menschen wurden getötet. Der Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Andrij Jermak, sprach am Wochenende von einem “weiteren Terroranschlag” und verlangte, dass Russland als staatlicher Unterstützer von Terrorismus bezeichnet werde.

Die russische Führung hat wiederholt erklärt, in dem von ihr so bezeichneten militärischen Sondereinsatz würden keine Zivilisten ins Visier genommen. Der Einsatz diene der Entmilitarisierung des Nachbarlandes und seiner Befreiung von Nationalisten. Der Westen und die Ukraine dagegen sprechen von einem nicht provozierten Angriffskrieg und werfen den russischen Streitkräften Kriegsverbrechen vor.

Im Süden bereiten die ukrainischen Streitkräfte offenbar eine Gegenoffensive vor. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk rief am Sonntag die Zivilbevölkerung in der von Russland besetzten Region Cherson auf, diese zu verlassen. “Ich weiß mit Sicherheit, dass dort keine Frauen und Kindern sein sollten und dass sie nicht zu menschlichen Schutzschilden werden sollten”, sagte Wereschtschuk am Sonntag im Fernsehen. Wann die Gegenoffensive beginnen könnte, ließ sie offen.

In dem größten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg wurden bereits Tausende Menschen getötet. Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind auf der Flucht vor den Kämpfen. Mehr als 5,5 Millionen von ihnen sind ins Ausland geflohen.

7.00 Uhr: Gasfluss durch Nord Stream 1 auf Null gefallen

Der Durchfluss durch die Gaspipeline Nord Stream 1 ist am Montagfrüh auf Null gefallen. Das ging aus der Website https://www.nord-stream.info des Betreibers hervor. Demnach strömte ab 06.00 Uhr kein Gas mehr. Die durch die Ostsee laufende Röhre soll nach jährlichem Turnus in den kommenden zehn Tagen gewartet werden und kann nicht für den Gastransport genutzt werden.

Mit Sorge wird in Westeuropa die Frage gestellt, ob der russische Energiekonzern Gazprom nach dem Ende der Wartung wieder in vollem Umfang Gas nach Westen pumpen wird. Seit einigen Wochen liefert Gazprom nur noch einen Teil der Gasmenge und hat dafür technische Gründe vorgebracht. Die Bundesregierung hält die Kürzung jedoch für politisch motiviert. Angesichts der Unsicherheit für die Zeit nach dem 21. Juli habe Länder wie Deutschland eine Notfallplanung für einen Komplettausfall russischen Gases in Gang gebracht.

SONNTAG, 10.7.2022

22.00 Uhr: Ukraine ruft Zivilisten in besetzten Gebieten im Süden zur Flucht auf

Die ukrainische Führung hat Zivilisten im besetzten Süden des Landes wegen geplanter Armeeoffensiven zur Flucht aufgerufen. Einwohner der Gebiete Cherson und Saporischschja sollten dringend ihre Häuser verlassen – notfalls auch in Richtung der bereits seit 2014 von Russland annektieren Halbinsel Krim, sagte Vize-Regierungschefin Irina Wereschtschuk am Sonntagabend. Das sei notwendig, damit die Menschen im Zuge bevorstehender Rückeroberungsversuche nicht gefährdet würden.

Verteidigungsminister Olexij Resnikow sagte in einem Interview der britischen Zeitung “The Sunday Times”, Präsident Wolodymyr Selenskyj habe dem Militär befohlen, mithilfe westlicher Waffen besetztes Gebiet im Süden zurückzugewinnen. Insbesondere die Küstengebiete seien für die ukrainische Wirtschaft von großer Bedeutung. Selenskyj hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach betont, dass sein Land sich von Russland kontrollierte Regionen zurückholen wolle.

Unterdessen haben russische Truppen bei einem Angriff auf die ostukrainische Stadt Slowjansk nach eigenen Angaben bis zu Hundert gegnerische Soldaten getötet. Das russische Verteidigungsministerium behauptet, seit Kriegsbeginn 242 ukrainische Flugzeuge und 137 Hubschrauber abgeschossen zu haben. Medienberichten zufolge hatte die Ukraine vor dem Krieg allerdings nur rund 100 Flugzeuge und 90 Hubschrauber in ihrem Bestand.

Außerdem zerstörte Russland nach eigenen Angaben ein Lager mit aus den USA stammenden Waffen in der Ukraine. Die russischen Streitkräfte hätten nahe der Ortschaft Konstantinowka im Donbass zwei Hallen getroffen, in denen Haubitzen des Typs M777 abgestellt worden seien, teilt das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

Bei weiteren russischen Raketenangriffen wurden nach ukrainischen Angaben in dem Ort Tschassiw Jar im Gebiet Donezk womöglich mehr als 30 Menschen in einem eingestürzten Wohnblock verschüttet. Das fünfgeschossige Haus sei am Vorabend mit russischen Raketen beschossen worden, teilte der Gouverneur des Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko, am Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram mit. Es seien bereits 15 Tote und 24 Verletzte aus den Trümmern gezogen worden, berichtete der örtliche Rettungsdienst im Online-Netzwerk Facebook. “Es sind mindestens drei Dutzend Menschen in der Ruine”, sagte Kyrylenko.

Alle Angaben waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar. Allerdings hatte das russische Verteidigungsministerium am Samstag selbst über den Beschuss von Tschassiw Jar berichtet. Russland behauptet immer wieder, keine zivilen Objekte zu beschießen.

Die russischen Truppen konzentrieren sich bei ihrem am 24. Februar von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Einmarsch nach der Einnahme des Gebiets Luhansk nun zunehmend auf die Region Donezk. Die prorussischen Separatisten wollen mithilfe Moskaus den gesamten Donbass der Kontrolle Kiews entreißen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert vom Westen dringend die Lieferung schwerer Waffen, um den Verlust weiterer Landesteile zu verhindern und verlorene Gebiete zurückzuholen.