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„Der Dienstgeber muss flexibel sein“

12.07.2022 • 16:54 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Hotelansicht vom JUFA Hotel Bregenz am Bodensee mit Spielplatz im Sommer <span class="copyright">Lenz/Jufa</span>
Hotelansicht vom JUFA Hotel Bregenz am Bodensee mit Spielplatz im Sommer Lenz/Jufa

Gerhard Wendl ist Vorstand der auf ­Familienhotels ausgerichteten Jufa-Gruppe, die einer gemeinnützigen Privatstiftung gehört. Bei ihrem Bregenzer Hotel entsteht gerade ein Anbau

In welchem Umfang erweitern Sie Ihr Hotel in Bregenz gerade?

Gerhard Wendl: Wir haben jetzt ungefähr 70 Zimmer, und es kommen 22 neue in unterschiedlichen Kategorien hinzu. Wir haben einen starken Familienfokus und viele Zimmer, die sich danach richten. Unser Familienbegriff ist aber sehr breit. Wenn fünf Radfahrer eine nette Tour um den Bodensee machen, ist das ja auch ein bisschen Familie. Man gehört zusammen und will gemeinsam etwas unternehmen.

Was ist Ihre Philosophie?

Wendl: Wir wollen ein gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten, aber nicht billig sein. Es soll leistbare Qualität geben. Wir haben viele regionale Partner ins Boot geholt. Wir fühlen uns im Ländle sehr wohl. Die Regionalität und Identität, die die Menschen hier leben, passt sehr gut mit unserem Konzept zusammen.

In der Hotellerie und Gastronomie herrscht Personalmangel. Trifft Sie das weniger, weil Sie ein anderes Angebot machen?

Wendl: Wenn wir sagen würden, dass wir keine Personalprobleme haben, wäre das nicht die Wahrheit. Aber wir haben mit unseren Mitarbeitern einen Markenbildungsprozess begonnen und festgestellt, dass neben den klassischen Themen wie Arbeitszeit und Einkommen das Wichtigste das Arbeitsklima und die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit sind. Solche Sinnfragen werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Früher hat es geheißen: Der Mitarbeiter muss flexibel sein.

“Was Vorarlberg für uns sehr sympathisch macht, ist, dass hier noch eine regionale Identität gibt.”

Gerhard Wendl, Jufa-Vorstand

Heute sagt man: Der Dienstgeber muss flexibel sein. Wir haben hier unser Konzept geändert: Wir denken nicht mehr darüber nach, wie jemand in unseren Dienstplan passt, sondern wie wir diesen so anpassen können, dass er für die Mitarbeiter passt. Am Ende des Tages ist es ein Geben und Nehmen. Wir haben auch festgestellt, dass die Vier-Tage-Woche kein Allheilmittel ist. Manche Mitarbeiter wollen das, andere haben aber ganz andere Lebensmodelle und möchten beispielsweise nur bis Mittag oder nur am Wochenende arbeiten. Mittlerweile haben wir auch 24 Mitarbeiter aus der Ukraine bei uns. Auch hier gibt es eine große Bandbreite an unterschiedlichen Lebensläufen. Von Touristikern, die ein großes Hotel in Kiew geführt haben, bis hin zu Frauen mit Kindern, denen wir nicht nur einen Job anbieten, sondern uns auch darum kümmern, dass es einen Kindergartenplatz gibt. Das ist natürlich auch für Unternehmen eine Herausforderung, aber ich glaube, dass die alten Arbeitszeitmodelle auch nicht mehr zurückkommen werden.

Gerhard Wendl spricht im NEUE-Interview über den Anbau, die Philosophie und vieles mehr. <span class="copyright">HArtinger</span>
Gerhard Wendl spricht im NEUE-Interview über den Anbau, die Philosophie und vieles mehr. HArtinger

Die Jufa ist ja in mehreren Ländern aktiv. Wie beurteilen Sie die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen im Vergleich?

Wendl: Österreich ist hier recht gut aufgestellt. In Deutschland ist es sicher nicht so flexibel wie bei uns. Es gibt schon gute Rahmenbedingungen. Wir gehören nicht zu den Touristikern, die jammern. Wenn man gerne mit Menschen arbeitet, ist es ein toller Job. Wir hatten Mitarbeiter, die während der Pandemie in den Handel gewechselt, aber mittlerweile wieder zurückgekommen sind, weil ihnen der Kontakt zum Kunden fehlt. Man muss das Berufsbild einfach positiver darstellen.

Hat die Branche nicht durch das Verhalten mancher Arbeitgeber einen schlechten Ruf bekommen? Nach dem Motto: Billig, schnell und auf Wiederschauen.

Wendl: Ich glaube, in der Hotelbranche ist das schon lange nicht mehr der Fall. Ich hatte vor Kurzem einen Termin mit Walter Veit vom Fachverband Hotellerie in der Wirtschaftskammer. Ich meine, man sollte sich von der Kleingastronomie etwas lösen. Man wird da immer in einen Topf geworfen. Die guten Hotels bemühen sich sensationell um ihre Mitarbeiter. Es gibt auch kaum eine Branche, in der man so schnell Karriere machen kann. Es gibt sicher dort und da schwarze Schafe, aber weniger in der Hotellerie als in der Gastronomie. Daher meine ich auch, dass wir uns hier etwas abheben müssen.

Beim Jufa-Hotel in Bregenz wird gerade angebaut. Firstfeier war am Dienstag. <span class="copyright">Moser/NEuE</span>
Beim Jufa-Hotel in Bregenz wird gerade angebaut. Firstfeier war am Dienstag. Moser/NEuE

Soll man sich auch in der Wirtschaftskammer stärker von der Gastronomie absondern?

Wendl: Wenn es nach mir ginge, wäre das der richtige Weg. Man braucht Qualitäts-Labels. Oftmals haben die Branchenvertreter vielleicht Dinge zugedeckt, die nicht zugedeckt gehören, sondern bei denen man hätte sagen müssen: Das wollen wir eigentlich nicht.

Welche Wünsche haben Sie an die Politik?

Wendl: Am wichtigsten wäre es, dass die Lohnnebenkosten im Dienstleistungsbereich sinken müssen. Seit den 50ern orientieren sich alle Lohnabschlüsse an der Industrie. Seitdem haben sich aber die Stückgutkosten drastisch reduziert, während die Dienstleistungskosten drastisch gestiegen sind. In der Dienstleis­tung muss die Besteuerung anders aussehen als am Fließband. Und es gibt auch einige Länder, die das so handhaben.

Meinen Sie die Maschinensteuer, von der Christian Kern einmal gesprochen hat?

Wendl: Sozialminister Alfred Dallinger war, glaube ich, der erste, der das gefordert hat. Ob man es nun Maschinensteuer nennt oder nicht: Wenn man in Zukunft noch arbeitsintensive Dienstleister wie Frisöre oder Cafés haben will und nicht nur öffentlich geförderte Gemeindezentren, wie es sie in Skandinavien gibt, dann muss man hier gegensteuern. Wir verlieren sonst unsere Identität. Es gibt keine Dorfgasthäuser mehr. Wir haben unsere Hotels daher geöffnet und machen die Erfahrung, dass der Wunsch nach Begegnung gerade nach zwei Jahren Pandemie sehr groß ist.

Vorstand Gerhard Wendl mit Hoteldirektorin Monika Matt-Egger. <span class="copyright">Moser/neue</span>
Vorstand Gerhard Wendl mit Hoteldirektorin Monika Matt-Egger. Moser/neue

Sie haben neben dem Hotel in Bregenz auch Häuser in Laterns und im Montafon: Was überzeugt sie vom Standort Vorarlberg?

Wendl: erade durch den Klimawandel werden die Berg- und Seeregionen an Attraktivität gewinnen. Für den Planeten ist das selbstverständlich nicht gut, aber im Verhältnis zu Urlaubsregionen, wo es immer noch heißer wird, ist die Lebensqualität hier höher. Was Vorarlberg für uns sehr sympathisch macht, ist, dass es hier noch eine regionale Identität gibt. Es gibt Menschen, die noch an die Gegend glauben, in der sie leben. Es gibt natürlich Probleme, in Vorarlberg und in ganz Österreich. Aber wir leben dennoch in einem der schönsten Länder der Welt. Und wenn wir auch 100 Probleme lösen müssen, ist es noch immer Jammern auf einem sehr hohen Niveau.

Was hat sich durch die Pandemie geändert?

Wendl: Dadurch, dass man keine Fernreisen machen konnte, sind viel mehr junge Menschen in die Berge gegangen. Die haben damit etwas in ihr Urlaubsportfolio aufgenommen, das sie sonst vielleicht erst im gesetzten Alter gemacht hätten. Und wenn es einem Spaß macht, bleibt man dabei. Das ist vermutlich einer der wenigen positiven Effekte der Pandemie auf die Branche.

Die Jufa gilt als besonders nachhaltige Hollegruppe.

Wendl: Ich verwende das Wort „nachhaltig“ nicht so gerne, weil es schon etwas abgenutzt ist. Wir haben bestimmte Werte, wie Regionalität, die auch unsere Mitarbeiter schätzen. Die Semmel beim örtlichen Bäcker kostet vielleicht um zehn Cent mehr, aber indem wir den Bäcker mitabsichern, sichern wir auch den Ort und letztlich unser Tourismusprodukt ab. Wir wollen heimische Rohstoffe verwenden, Holzböden waren uns von Anfang an wichtig. Mit der TU Graz machen wir derzeit ein Upcycling-Projekt. Bei uns sieht auch nicht jedes Hotel gleich aus, dafür hat man uns am Anfang immer belächelt. Aber wenn jemand nach Laterns auf Urlaub fährt, will er sich nicht fühlen wie in Hamburg – und umgekehrt.

Jufa-Hotelgruppe

Gemeinnützigkeit

Hinter den Jufa-Hotels steht eine gemeinnützige Privatstiftung, als Unternehmen will man einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten. Jufa ist in fünf Staaten (Österreich, Schweiz, Ungarn, Liechtenstein, Deutschland) aktiv. Insgesamt betreibt man über 60 Hotels, drei davon in Vorarlberg und 27 allein im Ursprungsland des Jufa-Konzepts, der Steiermark.