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„Das ist ein großes Versagen der Politik“

16.07.2022 • 19:59 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Allgemeinmedizinerin Gabriele Sprickler-Falschlunger geht Ende September in Pension. Für die frei werdende Kassenstelle gibt es keine Interessenten. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Allgemeinmedizinerin Gabriele Sprickler-Falschlunger geht Ende September in Pension. Für die frei werdende Kassenstelle gibt es keine Interessenten. Stiplovsek 

SPÖ-Landesvorsitzende hat jahrelang auf drohenden Ärztemangel hingewiesen.

Wir befinden uns in Ihrer Praxis in Rhomberg’s Fabrik in Dornbirn. Seit wann ordinieren sie hier?

Gabriele Sprickler-Falschlunger: Hier noch nicht so lange. Etwa zwölf Jahre.

Das heißt, Sie haben sich 1989 im Alter von fast 33 Jahren als praktische Ärztin selbstständig gemacht. Erzählen Sie, wie war das damals?

Sprickler-Falschlunger: Ich habe anfangs keine Kassenstelle bekommen, das war schon eine Belastung. Ich wurde den Männern nachgereiht. Der damalige Ärztekammerpräsident hat mir erklärt, dass die Männer die Familie erhalten müssen. Ein weiterer Grund war der Umstand, dass sich mein Vater (Anm. Karl Falschlunger, Landtagsabgeordneter und Landesparteivorsitzender der SPÖ) kurz zuvor mit der Ärztekammer angelegt hat. Schlussendlich habe ich die Stelle von einem Kollegen bekommen, der mir vorgereiht war, aber nach ein paar Monaten aufgegeben hat.

Warum haben sich für die Allgemeinmedizin entschieden?

Sprickler-Falschlunger: Ich hatte ein gutes Rüstzeug. Da ich anfänglich keine Kassenstelle bekommen habe, habe ich viel in Krankenhäusern gearbeitet. In Graz noch auf der Hautambulanz, in Vorarlberg in den Bereichen Orthopädie und Gynäkologie. Ich wollte eine breite Medizin anbieten. Was ich sehr schätze, ist der persönliche Kontakt zu den Menschen. Ich kenne Familien teilwiese schon 33 Jahren. Ich kenne die freudigen Ereignisse, aber auch die Scheidungen und finanziellen Probleme. Meiner Meinung nach ist es für einen praktischen Arzt enorm wichtig, das persönliche und soziale Umfeld seiner Patienten zu kennen.

Was sagen denn diese Patienten, wenn sie jetzt zusperren und kein Nachfolger in Sicht ist?

Sprickler-Falschlunger: Ich wollte eigentlich schon letztes Jahr gehen, aber es hat sich auch damals kein Interessent gefunden. Dann habe ich noch einmal ein Jahr drangehängt. Es ist schrecklich. Eine alte Frau hat das letzte Mal geweint. Sie befürchtet, dass sie von keinem Arzt übernommen wird. Ich bekomme Mails, da muss ich mir die Tränen verdrücken. Und ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich inzwischen Patienten auf der Straße ausweiche. Für manche wird es wahrscheinlich sehr schwierig, einen Arzt zu finden, der sie betreut.

Jetzt ist Dornbirn nicht irgendeine kleine kleine Landgemeinde, sondern die größte Stadt Vorarlberg. Warum ist es dennoch so schwierig, einen praktischen Arzt herzubekommen?

Sprickler-Falschlunger: Neben mir hört auch Dr. Robert Spiegel auf und vielleicht auch noch ein dritter praktischer Arzt. Es wird überall zunehmend schwieriger werden. Ich habe das Problem zehn Jahre lang im Landtag heruntergebetet. Es war klar, dass die Situation irgendwann prekär wird. Man hat sich nicht darum geschert. Wir haben jahrelang über Zuständigkeiten diskutiert.

Für den niedergelassenen Bereich sei die Ärztekammer und Sozialversicherungen zuständig, heißt es immer wieder.

Sprickler-Falschlunger: Also wenn die Landesregierung nicht mehr für die Gesundheitsversorgung der Vorarlberger Bevölkerung zuständig ist, verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich bin enttäuscht darüber, dass man den Karren gegen die Wand fahren lassen hat. Allein in Dornbirn kommen Tausende Patienten „auf den Markt“. Es ist die Pflicht der Politik, die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Und wenn man die Patienten als Alternative jetzt zu Wahlärzten schicken will, kann ich nur lachen. Ich frage mich, ob diejenigen, die das sagen, wissen, wieviel Geld eine Mindestpensionistin oder eine Alleinerzieherin mit zwei Kindern zur Verfügung hat. Die können sich das nicht leisten. Ein wichtiger Punkt sind auch die Hausbesuche. Die viel propagierte Pflege daheim ist nicht möglich, wenn kein Arzt mehr Hausbesuche macht. Ich sage Ihnen ehrlich: Wenn ich Gesundheitslandesrätin gewesen wäre, wären wir jetzt nicht in der Situation. Da geht es nicht darum, ob ich einen Fahrradweg morgen oder in zwei Jahren baue. Da geht es darum, dass vielleicht Menschen nicht mehr gesundheitlich versorgt werden können. Das ist ein großes politisches Versagen.

Es gibt immer mehr Wahlärzte, aber immer weniger Mediziner, die sich für einen Kassenvertrag interessieren. Warum ist das so?

Sprickler-Falschlunger: Man hat das Wahlarztsystem einfach blühen lassen. Das ist im Übrigen kein Angriff auf Wahlärzte, sondern eine Systemkritik. Es gibt etwa 70 Wahlärzte im niedergelassenen Bereich. Die wenigsten davon sind versorgungswirksam. Der Hauptgrund ist aber, dass viele junge Mediziner keine Einzelkämpfer mehr sein wollen. Hier würden Erstversorgungszentren helfen. Aber da kommt man einfach nicht in die Gänge.

Müssen Wahlärzte stärker in die Pflicht genommen werden?

Sprickler-Falschlunger: Ja. Man muss ihnen gute Angebote machen. Sie sollten unbedingt ans E-Card-System angebunden werden.

Wie kann man das Kassensys­tem attraktiver machen?

Sprickler-Falschlunger: Indem man Erstversorgungszentren möglichst unkompliziert anbietet. Am besten wäre, wenn Ärzte dort in einem Angestelltenverhältnis arbeiten könnten.

Warum fehlen insbesondere praktische Ärzte?

Sprickler-Falschlunger: Ich denke, viele haben einen großen Respekt vor der Allgemeinmedizin. Es ist am Anfang auch etwas komisch, wenn man plötzlich allein dasitzt und die ganze Verantwortung für seine Entscheidungen trägt. Auch der allgemeine Trend zur Spezialisierung wird sich niederschlagen. Und man muss sich als praktischer Arzt auch mit schwierigen Menschen auseinandersetzen, das mag nicht jeder. Reich wird man im Übrigen auch nicht.

Die jungen Ärzte von heute wollen nicht mehr alles der Arbeit unterordnen. Sie wollen ihren Hobbys nachgehen, Zeit für die Familie, flachere Hierarchien und mehr Teamarbeit. Macht es sich der Nachwuchs da zu einfach oder ist die Forderung nach mehr Lebensqualität und besseren ­Arbeitsbedingungen gerechtfertigt?

Sprickler-Falschlunger: Die ist gerechtfertigt, finde ich. Ich kann Ihnen jetzt mit fast 66 Jahren sagen: Ich habe eindeutig zu viel gearbeitet. Aber früher waren die Umstände ja auch ganz andere. Man hat ein geringeres Bedürfnis nach Freizeit ge­habt. Und es gab fast nur männliche Ärzte. Die wurden sehr entlas­tet von ihren Frauen, die zu Hause waren und alles erledigten, zum Teil auch noch in der Arztpraxis mithalfen. Die Mediziner haben sich somit ganz ihrem Job widmen können. Nur zu sagen, die Jungen wollen weniger arbeiten, ist zu einfach. Vielleicht spielt da auch der Neid mit, weil man es sich selbst nicht besser gerichtet hat.

Sie sagten, sie selbst haben zu viel gearbeitet.

Sprickler-Falschlunger: Wir haben früher in den Krankenhäusern zig Überstunden gemacht und keine einzige bezahlt bekommen, Zeitausgleich hat’s auch keinen gegeben. Später hatte ich auch aufgrund meiner politischen Tätigkeit kein Wochenende mehr frei. Aber es war eine gute Kombination. Ich wollte nie ganz von der Politik abhängig sein. Das war mir zu unsicher.

Sie waren die erste Ärztin mit Kassenvertrag in Dornbirn. Wie war das damals?

Sprickler-Falschlunger: Ich hatte zu 90 Prozent Frauen, viele davon mit migrantischem Hintergrund. Ich kann mich an einen Pensionisten erinnern, der in die Praxis kommt und ausruft: „Ja, sind Sie eine Frau?“ Ich habe geantwortet: „Ich hoffe“. Dann ist er wieder gegangen. Das ist heute zum Glück nicht mehr so.

Was hat sich sonst noch verändert?

Sprickler-Falschlunger: Früher war der Aufwand viel größer. Wir haben früher die Krankenscheine gezählt. Die Dokumentation ist besser, genauer und nachvollziehbarer geworden.

Aber es heißt doch immer, dass die Bürokratie so überbordend sei.

Sprickler-Falschlunger: Der Patient ist viel mündiger geworden. Damit habe ich aber kein Problem. Wenn jemand sagt, dass er das Medikament nicht nehmen will, ist das okay für mich, und ich dokumentiere das. Wenn ich glaube, es ist notwendig, versuche ich ihn natürlich zu überzeugen. Was ich klar sagen kann: Die Geduld der Patienten hat deutlich abgenommen.

Wann hören sie jetzt konkret auf?

Sprickler-Falschlunger: Ende September. Aber ich muss im August selbst ins Krankenhaus. Ich bekomme eine neue Hüfte. Im September komme ich noch einmal, um alles sauber zu Ende zu bringen.

Zur person

Gabriele Sprickler-Falschlunger wurde am 21. August 1956 in Bregenz geboren. Sie absolvierte ihr Medizinstudium in Graz und ist seit 1989 praktische Ärztin in Dornbirn. Von 2000 bis 2009 war sie Stadträtin in Dornbirn, von 2009 bis 2019 im Landtag, von 2016 bis 2019 und seit Oktober 2021 Landesparteivorsitzende der SPÖ.