Allgemein

Jedes Kind entscheidet für sich selbst

16.07.2022 • 19:51 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im Bastelzimmer können sich die Kleinsten kreativ austoben. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Bastelzimmer können sich die Kleinsten kreativ austoben. Hartinger

Der Montessori-Kindergarten in Dornbirn arbeitet nach den Prinzipien von Maria Montessori. Selbstständigkeit und ­Eigenverantwortung der Kinder stehen ­besonders im Fokus.

Hinter dem Dornbirner Rathaus, in einer schönen alten Stadtvilla, ist ein Montessori-Kindergarten beheimatet. Aus dem großen Garten der Einrichtung tönen Kinderstimmen. Im Gebäude sind die Kleinsten unter anderem mit Bastel- und Malarbeiten, Rollenspielen oder Übungen des täglichen Lebens beschäftigt, doch dazu später mehr. Es herrscht reges Treiben, wobei ein Großteil der Kinder aufgrund der Ferien erst ab Herbst wieder die Einrichtung besuchen wird. Bis Ende Juli bleibt der Kindergarten allerdings noch geöffnet, danach ist Sommerpause. Jedes Kind entscheidet selbst, welche Tätigkeiten es ausüben und mit wem und wie lange es diesen nachgehen möchte. Auch der Zeitpunkt für die Jause wird selbst gewählt, denn das Konzept sieht vor, „Sorge für sich selbst zu tragen“.

Die Einrichtung verfügt über einen großen Garten zum spielen. Mittwochs besuchen die Kinder einen Turnsaal. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Einrichtung verfügt über einen großen Garten zum spielen. Mittwochs besuchen die Kinder einen Turnsaal. Hartinger

Kernsatz von Maria Montessori

Man arbeite nach den Grundlagen von Maria Montessori, einer italienischen Ärztin, Reformpädagogin und Philosophin, die die Montessoripädagogik vor über 100 Jahren ins Leben gerufen hat, erklärt die Kindergartenleiterin Angelika Winder. „Die Kinder haben von klein an eigene Interessen und wollen unterschiedliche Dinge lernen. Diese sensiblen Phasen gilt es zu achten.“ Jedes Kind stehe mit seinem individuellen Tempo im Vordergrund. Die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung würden gefördert, und ganz wichtig sei zudem: Man müsse lernen, Vertrauen in die Kinder zu haben.

Die Kinder können ihren eigenen Interessen folgen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Kinder können ihren eigenen Interessen folgen. Hartinger

Am Kernsatz von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ orientieren sich die Elementarpädagoginnen der Einrichtung. Jedes Kind wird in seiner persönlichen Entwicklung begleitet. Es wäre falsch anzunehmen, dass alle Kids von Anfang an direkt selbstständig sind, betont die Leiterin. Die einen brauchen etwas mehr Begleitung, die anderen weniger. Typisch für Montessori ist zudem die sogenannte „Vorbereite Umgebung“. Die Angebote dieser setzten sich aus den Bedürfnissen der Kinder zusammen. Im Leisezimmer des Kindergartens – hier wird konzentriert gearbeitet – ist das benötigte Arbeitsmaterial schön ordentlich in Holzregalen untergebracht. Mitunter findet man „Übungen des täglichen Lebens“. Das heißt konkret, dass beispielsweise banale Dinge wie „Löffeln“ oder „Schütten“ mit kleinen bunten Steinchen geübt werden. Es gibt auch eine Ecke mit mathematischem Schwerpunkt und dazupassenden thematischen Spielen, genauso auch eine für die Sprache oder den Kosmos. „Manche lernen bei uns schon Lesen und Rechnen, weil sie es selbst wollen, andere spielen lieber den ganzen Tag im Sandkasten. Wir werten beides genau gleich. Die Kinder machen das, was ihnen am meis­ten Spaß bereitet.“

Die Leiterin des Montessori-Kindergartens in Dornbirn, Angelika Winder. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Leiterin des Montessori-Kindergartens in Dornbirn, Angelika Winder. Hartinger

Auf die Frage, ob die Kleinsten sich später im Schulsystem zurechtfinden, antwortet die 47-Jährige mit einem Ja. „Die Rückmeldungen der Direktoren sind durchweg positiv. Einmal hat einer gesagt: ‚Eure Kinder stellen andere Fragen.‘ Das hat mich sehr gefreut“, erzählt die Leiterin mit einem Strahlen im Gesicht. Trotz des sehr offenen Konzepts gibt es jedoch auch Fixpunkte im Tagesablauf der Kinder. Für diejenigen, die interessiert sind, findet täglich eine „Geschichtenzeit“ statt, und auch am Morgen trifft man sich kurz im Morgenkreis, um einander gegenseitig zu begrüßen.

Holzregale mit unterschiedlichen Utensilien befinden sich im Leisezimmer. <span class="copyright">Hartinger</span>
Holzregale mit unterschiedlichen Utensilien befinden sich im Leisezimmer. Hartinger

Verschiedene Räumlichkeiten

Der Kindergarten verfügt neben dem Leisezimmer im Erdgeschoss auch über ein Bastel- und Spielezimmer. Die kleinen Künstler können ihrer Fantasie dort freien Lauf lassen, malen, mit Perlen arbeiten oder basteln. Im Obergeschoss gibt es außerdem einen Raum, in dem Geburtstagsfeste gefeiert werden.
Ein Garten ist ebenso Teil der Einrichtung. Dort befinden sich Kletterbäume, ein Holzhäuschen und eine große Sandecke. Winder betont: „Ich finde es wichtig, dass Kinder auch mal auf Bäume klettern, um ihre Grenzen zu erfahren.“

Die Elementarpädagogin erinnert sich an ein Kind zurück, dem es nach zwei Monaten gelungen ist, auf einen der Bäume zu klettern. Voller Stolz habe es heruntergeschrien: „Ich möchte mein Leben erleben“. Solche Entwicklungssprünge miterleben zu dürfen, ist für Angelika Winder etwas ganz Besonderes. Schon seit über 15 Jahren arbeitet sie in der Einrichtung in Dornbirn. Die Zusammenarbeit mit den Eltern bereitet ihr ebenso große Freude.

Auch auf Bäume klettern ist erlaubt - sogar erwünscht. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch auf Bäume klettern ist erlaubt - sogar erwünscht. Hartinger

Trägerverein

Im privaten Montessori-Kindergarten, tragen nämlich auch die Erziehungsberechtigten einen wichtigen Teil zum Bestehen der Einrichtung bei. Sie bilden den Vorstand und führen den Trägerverein „Navigator“ des Kindergartens. Jedes Elternteil ist Mitglied davon und engagiert sich ehrenamtlich entweder im Vorstand oder in einer der drei Elterngruppen: Haus und Garten, Veranstaltungen und Feste oder der Einkaufsgruppe. Für das pädagogische Konzept sind dann die Elementarpädagoginnen zuständig.
Das montessorische Modell kommt bei den Eltern sehr gut an, und es besteht eine riesige Nachfrage, informiert die Leiterin. Leider müsse man jährlich einige Kinder abweisen, denn die Kapazität reiche nur für 20 Kids. Heuer könne man aber erstmals wieder knapp zehn Kinder aufnehmen. Die Kleinsten der Gruppe sind drei, die ältesten sechs Jahre alt. Winder betont: „Wir sind Fan von altersdurchmischten Gruppen, denn auch in unserer Gesellschaft gibt es nicht nur Drei- oder Vierjährige. Jeder hat seinen Platz, und sie bereichern sich gegenseitig.“

Montessori Kindergarten

20 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren besuchen den privaten Montessori Kindergarten in Dornbirn. Es gibt lediglich eine Gruppe. Die Einrichtung ist von 07:30 Uhr bis 12:30 Uhr geöffnet. Dienstags und donnerstags auch nachmittags bis 16 Uhr. Mittags wird dann frisch für die Kinder gekocht.