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Meine innere Stimme ist manchmal sehr laut

17.07.2022 • 15:23 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Neue</span> Kopfkino von Salmhofer
Neue Kopfkino von Salmhofer

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich rede mit mir selbst. Damit meine ich aber nicht diese permanenten inneren Selbstgespräche, denen ich täglich – sobald nur ein Moment der Ruhe herrscht – ausgesetzt bin. Ich rede wirklich mit mir selbst. Laut und deutlich. Vorzugsweise dann, wenn keine andere Person in meiner Nähe ist. Ich habe das schon als Kind gemacht, wenn ich so vertieft war in meiner Gedankenwelt, dass ich nicht mehr bemerkt habe, dass das, was ich mir gerade zurechtfantasiere, laut und klar aus mir heraussprudelt.

Als Kind waren es in den meis­ten Fällen Geschichten, die ich mir erzählt habe, oder imaginäre Fantasiefiguren, mit denen ich mich lautstark unterhalten habe, die meine innere Stimme nach außen kippen ließen. Jetzt, im etwas reiferen Alter, schaffe ich es schon recht gut, meine Fantasie in mir drin entstehen zu lassen und dort in den meisten Fällen auch zu behalten.

Was mir aber immer wieder passiert ist, dass ich selbst mit mir schimpfe. Ich weiß nicht wieso, aber wahrscheinlich brauche ich eine mahnende Mutterstimme, die tatsächlich von außen an mein Ohr dringt, um mich zurechtzuweisen. Da kann es dann passieren, dass ich gedankenverloren den Rhein entlangspaziere und plötzlich ein „Jetzt hör’ endlich auf, die ganze Zeit zu jammern!“ aus mir rausgellt, und die eben noch friedlich schwimmende Ente neben mir erschrocken gen Himmel fährt (weil sie davonfliegt, nicht weil sie vor Schreck gestorben ist!). Letztens war ich wieder mit mir selbst in Diskussion, während ich mit meinem Minihund Gassi ging. Ohne es rechtzeitig zu bemerken, entflieht meine innere Stimme geballt über meinen Kehlkopf an die freie Luft: „Lass die Typen sein, wirklich. Geh deinen Weg und lass dich nicht runterziehen!“ Ein älteres Ehepärchen, dass ebenso gerade die frische Luft genoss, kräuselte simultan die Stirn, als es mich hörte. Ich habe dann einfach so getan, als hätte ich mit meinem Hund gesprochen. „Jetzt komm schon endlich und geh weiter. Hopp hopp. Hier her!“, und habe freundlich gegrüßt. Innerlich wäre ich am liebsten zu Staub implodiert. Immer wieder passiert mir so etwas unwillkürlich. Schon alleine deshalb gehe ich zwingend immer mit Hund hinaus. Und immer schimpfe ich nur. Nie lobe ich mich laut. Ich befürchte, es wäre noch seltsamer, wenn ich ein „Das hast du heute wirklich toll hinbekommen! Ich bin richtig stolz auf dich. Lass dich drücken“ alleine vor mich hinbrabbelte. Wobei es ehrlicherweise und allen gut täte, auch zu sich selbst ein wenig freundlicher zu sein. Ich sollte das testen, bei einem Hundespaziergang.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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