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Verweichlichtes Glück und ein Ende der Arbeit

18.07.2022 • 19:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Literaricum
Literaricum

Die Rätselhafte Figur von Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ wurde ergründet.

Mit dem einfachen Satz „Ich möchte lieber nicht“ verweigert Bartleby seinem Arbeitgeber plötzlich jegliche Dienste und erschüttert diesen mit seiner unveränderlichen Beharrlichkeit. Von Anfang an wirkte der Schreiber sonderbar und ausdruckslos und erledigte „wie mechanisch“ große Mengen an Arbeit. „Als hungere er seit langem nach Kopierarbeiten, fraß er sich förmlich voll mit meinen Dokumenten. Zur Verdauung blieb keine Zeit. Er kopierte Tag und Nacht, bei Sonne und bei Kerzenlicht.“, heißt es in der Erzählung.

Leben in der Autonomie

Um diese Figur, einen Kopisten einer Anwaltskanzlei in der New Yorker Wallstreet dreht sich Herman Melvilles Erzählung „Bartleby der Schreiber“, die er 1853 zwei Jahre nach Moby-Dick veröffentlichte und die heute zu den besten Erzählungen der Weltliteratur zählt. Kein Wunder also, dass die Kuratorin des Literaricum Lech, Nicola Steiner mit den Mitorganisatoren Michael Köhlmeier und Raoul Schrott genau dieses Werk als Thema ausgewählt hat.

Die melancholisch absurde Erzählung handelt vom Leben in der Autonomie, der Macht des passiven Widerstands und von der Verweigerung der üblichen Lebensmodelle. Wie bereits letztes Jahr „Simplicius Simplicissimus“ wurde Melvilles Erzählung vergangenes Wochenende in drei Tagen am Arlberg tiefgehender beleuchtet.

Dabei wurden auch einzelne Aspekte der Geschichte in einem breiteren Rahmen besprochen. Am Samstag las der Schauspieler Thomas Sarbacher „Bartleby, der Schreiber“ in voller Länge, brachte dabei die verschiedenen Eigenheiten der Figuren hervorragend zum Ausdruck und verkörperte die sanftmütige Stimme von Bartleby in ihrem Wunsch: „Ich möchte lieber nicht.“

Am Glücksmarkt bestehen

Um das einfache Bedürfnis, etwas „lieber nicht zu wollen“ und Dinge im Leben abzulehnen hat die Politologin Juliane Marie Schreiber im März ein Buch veröffentlicht, das die Autorin im Gespräch mit Elke Heidenreich präsentierte. Betrachtet wurde auch eine Abkehr vom „positiven Denken“. Schreiber kritisiert mit sprachlichem Witz die „übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Glück“, das Phänomen der „Toxischen Positivität“ und das „kuratierte Leben in Social Media“. Schöne Ereignisse würden durch die „Verwertbarkeit“ bestimmt und entromantisiert, beschreibt die Autorin.

Während sie auf humorvolle Weise mit der Esoterikbranche abrechnet, stellt sie das „Nein-Sagen“ als Kriterium für ein unbestimmtes Leben ins Zentrum, wo sich Parallelen zur Figur des Bartlebys erkennen lassen. So wird Bartleby als perfekter Arbeitnehmer ohne jegliche Bedürfnisse gesehen, welcher dann seine Autonomie einfordert und als Person schließlich nicht mehr für andere erreichbar ist.

Rezensionsgeschichte. Im Gespräch mit Nicola Steiner schilderte der deutsche Schriftsteller und Joseph-Breitbach-Preisträger Karl-Heinz Ott, wie Melvilles Roman in Vergessenheit geriet und im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und von Philosophen wie Deleuze, Zizek, Agamben oder Derrida eingehend untersucht wurde, was zu sehr unterschiedlichen Deutungsansätzen führte. So war er für den einen der neue Christus und für den anderen das Sinnbild des Widerstandes. Andere Vermutungen betrachteten ihn als Anorektiker oder sahen in Bartlebys Verweigerung einen schrittweisen Suizid.

Die Erzählung habe „kein Wort zu viel und zu wenig.“, sagt Ott und erläutert die Auffassung, dass Melville mit „Bartleby, der Schreiber“ seinen Misserfolg besiegelte, nachdem er literarisch am Ende war. Sein vorheriger Roman „Moby Dick“ geriet aufgrund von negativen Rezensionen schnell in Vergessenheit und gewann erst nach dem Tod des Autors 1891 an Bedeutung. Als „Bartleby“ erschienen ist, hatte Melville Erfolg.

„Gerade dass wir keine endgültige Erklärung finden für die Motive, die ihn antreiben, macht es zu so einem faszinierenden Stück Literatur. Man tut so, als wollte die Geschichte uns was ganz Bestimmtes erzählen und das ist ja das Geniale an der Geschichte. Dass es nicht so ist.“, sagt Ott im Interview und beschreibt die Figur des Bartleby als Faszinosum, die den Leser fragend zurücklässt. „Das Unerklärliche lässt uns nicht in Ruhe.“

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