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Hoffen auf vernünftige Lohnabschlüsse

19.07.2022 • 18:14 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Stimmung in der heimischen Industrie leidet unter den vielen Krisen. <span class="copyright">APA/HARALD SCHNEIDER</span>
Die Stimmung in der heimischen Industrie leidet unter den vielen Krisen. APA/HARALD SCHNEIDER

Vielzahl von Krisen trübt die Stimmung in der Industrie. IV-Präsident Martin Ohneberg will Schulterschluss mit Arbeitnehmern und Politik.

Schlechte Stimmung herrscht derzeit in der Vorarlberger Industrie – zumindest was die Zukunftsaussichten betrifft. Das zeigen die aktuellen Zahlen aus der neuesten Konjunkturumfrage. Diese wird jedes Quartal von der Industriellenvereinigung (IV) und der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg (WKV) durchgeführt. Abgefragt werden dabei unter anderem die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage sowie der in sechs Monaten erwarteten. Aus den Ergebnissen wird dann der Mittelwert gezogen, welcher den Geschäftsklimaindex bildet. Mit 14,70 Prozentpunkten war dieser Wert im zweiten Quartal 2022 so niedrig wie seit 2012 (12,40 Prozentpunkte) und seit Beginn der Coronapandemie nicht mehr.

38 heimische Unternehmen, in denen insgesamt rund 27.000 Beschäftige arbeiten, hätten sich an der Umfrage beteiligt, berichteten Ohneberg, IV-Geschäftsführer Christian Zoll und Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie. Dabei werde die derzeitige Geschäftslage noch von vielen als gut beschrieben. Allerdings falle der Ausblick auf die kommenden sechs Monate „sehr pessimistisch“ aus, erläuterte der IV-Präsident. Die Unternehmen würden unter einem hohen Kostendruck leiden, da Rohstoff- und Energiekos­ten weiterhin enorm hoch seien und nicht immer weitergegeben werden könnten. Dadurch seien negative Auswirkungen auf die Ertragslage zu erwarten. Auch durch mehr Zurückhaltung bei den Kunden und damit weniger Aufträge dürften die Erträge wohl zurückgehen.

Christian Zoll, Martin Ohneberg und Michael Amann (von links) präsentierten die Ergebnisse. <span class="copyright">Industriellenvereinigung</span>
Christian Zoll, Martin Ohneberg und Michael Amann (von links) präsentierten die Ergebnisse. Industriellenvereinigung

Lage im Ausland

Die Situation der heimischen Betriebe werde durch eine Vielzahl von Krisen beeinflusst: Probleme mit Lieferketten, Rohstoffknappheit, Fachkräftemangel und natürlich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Die Coronapandemie ist für den IV-Präsidenten dagegen nicht mehr ganz so besorgniserregend. Hier habe die Industrie in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, dass man die Situation in den Betrieben im Griff habe. Einzig die Situation im Ausland – beispielsweise mit der Null-Covid-Politik in China – sei ein Unsicherheitsfaktor.

Von der heimischen Politik verlangen die IV-Verantwortlichen neben einem kurzfris­tigen „Masterplan Gas“ zur Reduktion der Abhängigkeit und zur Planung des Worst-Case-Szenarios auch einen langfris­tigen Plan und eine Strategie in Sachen Energiesicherheit. Die Emissionen müssten auf jeden Fall reduziert werden, allerdings müsse dabei mit Hausverstand vorgegangen werden, um die Bevölkerung und die Industrie „mit auf den Weg zu nehmen“, meinte Ohneberg. Die Maßnahmen müssten sich an dem orientieren, was realistisch möglich sei, und dürften sich nicht negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und der Unternehmen auswirken.

Auf Vernunft hofft der Unternehmer auch bei den Lohnverhandlungen im Herbst. Hier müssten Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Politik einen Schulterschluss eingehen. Seitens der Bundesregierung seien bereits zahlreiche Maßnahmen getroffen worden, um die Teuerung abzufedern. Dies müsse seitens der Gewerkschaften bei den Lohnverhandlungen berücksichtigt werden. Es sei zwar auch im Sinne der Unternehmer, dass den Beschäftigten mehr Netto vom Brutto bleibe. Allerdings dürften die Lohnerhöhungen nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe gefährden, betonte Ohneberg. Michael Amann meinte, es könnten auch steuerlich begünstigte Einmalzahlungen zur Abfederung der akuten Teuerung dienen.

Elektroindustrie trotzt dem Negativtrend

Nicht ganz so pessimistisch wie die Kollegen aus den anderen Industriesparten sind die Verantwortlichen in der Vorarlberger Elektro- und Elektronikindustrie gestimmt. Das zeigt sich bei der branchenspezifischen Auswertung der Konjunkturumfrage zum zweiten Quartal. Zwar lässt sich auch in der Elektro- und Elektronikbranche eine pessimistischere Stimmung feststellen, allerdings glauben nur fünf Prozent der Befragten, dass sich die Geschäftslage in sechs Monaten verschlechtern wird. 35 Prozent glauben, dass es ihnen sogar besser gehen wird, während 60 Prozent von einer durchschnittlichen Geschäftsentwicklung ausgehen.

In den übrigen Branchen – Maschinen- und Metallindustrie, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Textilindustrie und Verpackungsindustrie – rechnet entweder niemand oder lediglich ein Prozent der Umfrageteilnehmer mit einer guten Geschäftsentwicklung im kommenden Halbjahr. Dafür gehen deutlich mehr Befragte von einer Verschlechterung aus. Am Besten könnte dabei noch die Nahrungs- und Genussmittelindustrie davonkommen. Dort denken „nur“ sieben Prozent der Befragten, dass sich ihre Geschäftslage verschlechtern wird. Deutlich pessimistischer ist die Stimmung in der Maschinen- und Metallindustrie. Fast zwei Drittel der Unternehmer rechnen mit einer Verschlechterung ihrer Situation.

Auch in der Verpackungsindustrie gibt es durchaus Grund für Optimismus.<span class="copyright">Vol.at</span>
Auch in der Verpackungsindustrie gibt es durchaus Grund für Optimismus.Vol.at

Verpackungsindustrie

Doch das Stimmungsbild ist auch in den genannten Bereichen nicht nur negativ, berichteten die Vertreter der heimischen Industrie. So sei etwa in der Verpackungsindustrie zwar die Einschätzung der erwarteten Verkaufspreise und der künftigen Produktionstätigkeit ebenfalls gesunken. Daneben gebe es jedoch durchaus auch neutrale bis leicht optimistische Einschätzungen. So würden etwa fast zwei Drittel der Befragten die derzeitigen Auslandsaufträge als gut bewerten. Ebenso erwarte eine Mehrheit der Unternehmen, Kostensteigerungen über höhere Verkaufspreise zumindest teilweise weitergeben zu können.
In Sachen Beschäftigte ist die Lage durchwegs stabil. In keiner Industriesparte wird in den kommenden Monaten mit einer sinkenden Zahl beim Personal gerechnet. IV-Präsident Martin Ohneberg verwies dabei auf den immer noch vorhandenen Fachkräftemangel.

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