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Sommergrippe – nur mit Hilfe geht es in den Urlaub

23.07.2022 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Mein größeres Wutzi hat Sommergrippe. Eine fiese Krankheit. Da denkt Teen an Sonne, Alten Rhein und laue Nächte mit Freudinnen und Gequatsche über Jungs – und dann das! Noch dazu steht ein Italienurlaub an. Da sollten 39 Grad allerhöchstens die Temperatur des Sandes am Strand sein und nicht jene am Fieberthermometer.
Jetzt arbeiten wir am Gesundwerden. Viertelstündliche Essigwickel, viel trinken, viel schlafen und wieder einfach Kind sein. Wenn so eine Teen-Zwetschge krank ist, kommt wieder zum Vorschein, was sonst so vehement verweigert wird. Dass ein ganz großer Teil tatsächlich noch nicht erwachsen ist, und dass das auch gut so ist. In der Nacht bei Mama im Bett liegen, weil man das Fieber einfach nicht alleine aushalten will, sich versorgen und über den Kopf streichen lassen und wieder in den Arm genommen werden wollen. Alles das wird wieder akzeptiert, weil es das einfach braucht zum Gesundwerden.
Und manch ein tatsächlich dem Kindesalter Entwachsener (und manchmal auch eine Entwachsene) braucht das genauso. Eigene Schwächen akzeptieren und sich tragen und versorgen lassen, um ausheilen zu können, tut uns allen auch ab und an gut. Wir glauben immer, mit allem möglichst alleine zurechtkommen zu müssen, und, dass niemanden zu brauchen eine Stärke sei. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Eine gute Bekannte ist von Geburt an vom Rückgrat abwärts gelähmt und seit jeher an den Rollstuhl gefesselt. Sie hat mich gelehrt, dass Hilfe anzunehmen und auch einzufordern niemals ein Zeichen der Schwäche sein kann. Mit Stolz hat sie sich von uns die Treppen zur Diskothek hinuntertragen lassen, um dann im Rollstuhl die Tanzfläche unsicher zu machen. Ohne ­Hilfestellung wäre ihr viel im Leben verwehrt gewesen. Und sie ist eine der stärksten Frauen, die ich jemals kennenlernen durfte.
Einmal um Hilfe zu bitten, sich umarmen oder, wenn man einfach krank ist, eine Suppe an Bett bringen zu lassen – Hilfe anzunehmen, wenn man sie braucht: Das kann uns in vielerlei Hinsicht schneller auf den Tanzboden des Lebens zurückbringen – metaphorisch gesehen.
So, da ruft jemand nach Wasser und der Mama. Ich werde jetzt Wickel wechseln gehen, Bett auslüften, Streicheleinheiten vergeben und dabei helfen, dass Wutzi doch noch nach Italien kann. Ich könnte übrigens Hilfe beim Haushalt brauchen, aber irgendwie wurde mir diese bis dato seltsamerweise verwehrt.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.