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Geht den Jägern jetzt die Munition aus?

29.07.2022 • 19:21 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Auch die Jägerschaft spürt die Auswirkungen von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg in Form eines Mangels an Munition.<span class="copyright">Shutterstock</span>
Auch die Jägerschaft spürt die Auswirkungen von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg in Form eines Mangels an Munition.Shutterstock

Munitions-Nachschub will geplant werden: Lieferverzögerungen und massiver Preisanstieg.

Lieferengpässe und steigende Preise dominieren derzeit den Markt. Kaum eine Branche oder Produkte, die nicht davon betroffen sind. Auch die Jägerschaft spürt die Auswirkungen von Coronapandemie und Ukraine-Krieg in Form eines Mangels an Munition. Insbesondere in den Nachbarstaaten Deutschland und der Schweiz, aber eben auch in Österreich ist wesentlich weniger Ware verfügbar. Dazu kommen massive Preissteigerungen.

In Vorarlberg ist die Lage noch nicht brisant, aber verändert. „Prinzipiell ist hierzulande der Großteil verfügbar. Dennoch ist das Beschaffen von Munition schwieriger geworden“, beschreibt Gernot Heigl, Geschäftsführer der Vorarlberger Jägerschaft, die Situation im Ländle. Man müsse schlicht früh genug Munition ordern, statt kurzfristig kaufen zu wollen.

Massiv sind jedoch auch im Vorarlberger Handel die Preise für Jagdmunition angestiegen. Heigl schätzt das Plus auf 30 bis 40 Prozent im Vergleich zur vergangenen Saison. Wer im Fachhandel Munition kauft, zahlt für den einzelnen Schuss für schalenwildtaugliches Kaliber (hierzulande insbesondere Rotwild, Anm.) zwischen drei und vier Euro. Man kauft in 20er-Packungen, nicht selten ist der Jäger dafür 80 oder 90 Euro los.

Eine Patrone ist also keinesfalls ein Schnäppchen. Es handelt sich um spezielle Geschosse, welche einen komplexen Aufbau haben, um beim Erlegen von Wild möglichst viel Energie abzugeben. Dadurch kann eine rasche Tötungswirkung gewährleistet werden. Bei der Qualität der Munition wird daher nicht gespart. „Betrachtet man die Gesamtkosten für die Jagd, fällt der Anstieg der Munitionspreise nicht ins Gewicht“, betont Heigl.

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Gernot Heigl, Geschäftsführer der Vorarlberger Jägerschaft. Hofmeister

Einfluss auf Abschusszahlen

Ändert sich nichts oder verschärft sich gar der Mangel an Munition, dürfte das zumindest bei den deutschen Waidmännern Auswirkungen auf die Abschusszahlen haben. In Vorarl­berg stellt sich die Situation anders dar. Zum einen entfällt in hiesigen Gefilden die notwendige Reduzierung von ­enormen Wildschweinbeständen. Schwarzwild kommt hier kaum vor. Zum anderen erlegen laut einer österreichweiten Umfrage nur wenige beheimatete Waidmänner mehr als 20 Stück Schalenwild pro Jahr. „Es sind die haupt- beziehungsweise nebenberuflichen Jagdschutzorgane, welche den Großteil des Wildes erlegen“, erläutert Heigl. Jäger, die hierzulande viel jagdliche Munition für Schalenwild benötigen, verbrauchen circa 40 bis 60 Schuss im Jahr. In Vorarl­berg wird hauptsächlich Reh- und Rotwild gejagt. Daher spielt sich der Bedarf an Munition im Bereich dieser „mittelstarken“ Kaliber ab.

Kaliberwechsel

In Vorarl­berg gibt es keine detaillierten gesetzlichen Bestimmungen, welches Kaliber für welches Wild verwendet werden muss. Kaliberdiskussionen seien daher die größte Glaubensfrage innerhalb der Jagd.

Ein Wechsel ist dennoch keine einfache Option, falls die benötigte Patrone nicht mehr verfügbar ist. Wer das Kaliber wechseln will, braucht ein neues Gewehr oder einen Wechsellauf. Die Waffe muss nach einer Änderung in jedem Fall neu eingeschossen werden, damit der Jäger trifft. Denn das neue Geschoss kann völlig woanders einschlagen. „Die Munition wird stets an die Waffe angepasst“, erklärt der Fachmann.

Wiederladen als Alternative

Um ein noch präziseres Ergebnis zu erzielen, setzen manche Jäger daher auf das Wiederladen von Patronen. Wer sich die Zeit nimmt und das nötige Know-how aneignet, kann durch exaktes Laborieren (Zusammenstellen, Anm.) von Patronenhülse, Zündhütchen, Pulver und Geschoss eine optimale Präzision und Leistung erreichen. Das kann Munitionsware von der Stange nicht.

Zwar ist tatsächlich die Patronenhülse die teuerste Komponente bei Munition, von einer Kostenersparnis zu sprechen, wäre jedoch verkehrt. Der einzelne Schuss wird durch das Selbstladen billiger, aber am Ende ist das Equipment, das man benötigt, so teuer, „da bräuchte es wohl zwei Jägerleben, damit es sich amortisiert“, meint Heigl. Jäger, die diese Maximal-Optimierung betreiben, bewegen sich im einstelligen Prozentbereich. Das Wiederladen wird nicht während der Jagdprüfung vermittelt, auch nicht bei der Berufsjägerausbildung. Es ist vielmehr ein eigenes Handwerk.

Zurück zur Verfügbarkeit und Preisanstieg. Der Munitionsbedarf für Schießübungen, auch im Rahmen der Jagdausbildung, lässt sich planen. Im Hinblick auf ein paar Wochen oder Monate Lieferzeit kann alles rechtzeitig bestellt werden. Die Preissteigerungen ordnet Heigl den ebenfalls gestiegenen Materialkos­ten zu. So heiße es zumindest beim Händler. „Dazu kommt, das etwa RUAG Ammotec (führender Hersteller von Munition für zivile und militärische Zwecke, Anm.) verstärkt in den militärischen Bereich eingestiegen ist“, vermutet Heigl.

Munitionshersteller

Das Unternehmen RUAG Ammotec Austria, mit Sitz in Wiener Neudorf, wollte sich auf Anfrage der NEUE nicht zu den Engpässen äußern. Man beantworte generell keine Medienanfragen, hieß es. Bezugnehmend auf den Ukrai­ne-Krieg betonte RUAG-Ammotec-Deutschland-Sprecher Philipp Bircher in der „Schwäbischen Zeitung“, dass es keine Umstrukturierungen zu mehr Militärmunition wegen des Krieges gäbe. Wohl aber gebe es auch bei den militärischen Kalibern Engpässe.

Zivile und militärische Munition unterscheiden sich. Meist im Kaliber, jedenfalls aber im Geschossaufbau. Für militärische Zwecke wird in der Regel ein Vollmantel-Geschoss verwendet. Jagdmunition ist gemäß der Haager Landkriegsordnung für militärische Zwecke verboten.
Bircher weist im Artikel außerdem auf den Anstieg der Munitionsnachfrage am nordamerikanischen Markt hin. Deshalb sei weniger nach Europa exportiert worden.

Vonseiten der Arbeitsgemeinschaft Zivile Sicherheit der Wirtschaftskammer Österreich heißt es, dass eine Mischung aus Ukraine-Krieg, Pandemie und die verstärkte Nachfrage an Munition in den USA eine plausible Erklärung wäre und werde auch so vom Großhandel argumentiert. Lieferengpässe hätten sich ein wenig entspannt, allerdings nur für gewisse Produkte. Andere seien nach wie vor seit Monaten nicht lieferbar. Eine Entspannung der Situation im großen Stil sei derzeit noch nicht erkennbar.

Fachhandel

In Vorarlberg läuft die Munitionsbeschaffung über den lokalen Fachhändler. Online ist kein Thema, da hierzulande Munition nicht verschickt werden darf. Fröwis in Feldkirch als größtes Waffengeschäft zwischen Bodensee und Salzburg berichtet von vollen Lagern. Allerdings habe man auch früh genug bestellt. Christoph Fröwis rechnet damit, dass es im Herbst eher schwieriger in Sachen Lieferungen wird.

Bleiverbot

Ob sich die Lage am Munitionsmarkt mittelfristig entspannen wird, weiß Heigl nicht einzuschätzen. Aber er weist auf eine viel größere Herausforderung in Sachen Munition hin: Die Umstellung auf bleifreie Patronen. Ab dem Jahr 2024 ist ein EU-weites totales Bleiverbot möglich – aus Umwelt- und Gesundheitsschutz für Mensch und Tier.
Es bleiben also zwei Jahre für die Umstellung auf ein Material, dass der Tötungswirkung von Blei gleichkommt und dem Tierschutz gerecht wird.