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Dr. Jekyll und Mrs. Hyde – Heidi fährt Auto

30.07.2022 • 15:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Es ist nicht leicht, sich selbst zu verstehen. Ich vermeine, ich bin von Grund auf eine halbwegs liebenswürdige Persönlichkeit, die mit einer gesunden Portion Einfühlungsvermögen ausgestattet ist. Aber wehe, man setzt mich hinter das Steuer eines Autos. Da werde ich zu Mrs. Hyde. Im Verhältnis von meinem sonst sanften Gemüt steigert sich mein Aggressionspotenzial als Fahrerin um etwa 500 Prozent.
Ich habe mich schon gefragt, warum das so ist. Könnte es der Schutz der fahrenden vier Wände sein, die mich dazu ermutigen, Unflätiges von mir zu geben, weil ich einerseits nicht gehört werde und anderseits ich mich sowieso von dem Anpöbelgrund schnell wieder entferne? Nein, das kann es nicht sein. In meinem Zuhause fluche und gestikuliere ich auch nicht herum wie gerade aus dem Knast entlassen. Und derjenige, der in einer nicht überholbaren 50er-Zone mit exakt 45 Stundenkilometern vor mir fährt, sieht mich im Rückspiegel für eine ziemlich lange Zeit keppeln. Schnauzt mich jemand aus seinem Auto an, „schnorle“ ich anständig zurück und schlage mir dabei in Gedanken auf die Gorillabrust. Also vielleicht Revierverhalten? Mein Auto, meine Straße? Dann müsste ich mich aber mit meiner Nachbarin um jeden Zentimeter des Gartens streiten, tue ich aber nicht. Vielleicht ist es das menschliche Gehirn, das sich evolutionär noch nicht mit der Geschwindigkeit des Autos mitentwickelt hat und somit immer noch Botenstoffe ausschleudert, die einem das Gefühl unbesiegbarer Heldenhaftigkeit geben. Fluchen Düsenjetpiloten sehr?
Das wäre einmal interessant zu wissen. Aber ernsthaft, wenn der Beschleunigungsstreifen nicht als solcher verstanden wird und prompt mit einem 60er auf die Autobahn aufgefahren wird, und noch gefühlte drei Kilometer an Gasgebmöglichkeit vorhanden gewesen wären, dann darf man doch kurz einmal Zuwideres von sich geben! Ganz zu schweigen von jenen, die irgendwie das Rechtsfahrverbot missinterpretierten als: „Ich fahre nur rechts, weil links ist die Lkw-Spur!“ Das kostet Nerven. Immerhin könnte ich ganze EINSKOMMAFÜNFMINUTEN schneller am Ziel sein. Im Gegenzug freu ich mich über all jene, die lichthupend mit ihrer Nase an meinem Nummernschild picken, weil ihnen ein 130-Stundenkilometer-Überholmanöver zu langsam geht, und sie dann bei der nächsten Ortsausfahrt wieder vor mir im Stau stehen. Hihi. Und dann kann es passieren, dass Mrs. Hyde kurz ihre Zunge zeigt. Aber nur ganz kurz. Im Allgemeinen gelobe ich seit Jahren Besserung. Ich fahre jetzt auch viel E-Scooter. Das hilft. Da bin ich dann ganz normal.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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