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Durch Wagners
Welten

01.08.2022 • 18:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Orchestermatinee im Festspielhaus            <span class="copyright">Dietmar Mathis   </span>
Orchestermatinee im Festspielhaus Dietmar Mathis

Am Sonntag begaben sich die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Karina Canellakis auf Wagner-Entdeckungsreise.

Zwei Mal großartige Oper im Kleinen erlebte man in der Matinee der Wiener Symphoniker im voll besetzten Festspielhaus, als die Dirigentin Karina Canellakis die dritte Leonoren-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven und gemeinsam mit vier intensiv gestaltenden Sängerinnen und Sängern den dritten Akt aus Richard Wagners „Siegfried“ präsentierte.

Sprechende Musik

Beethovens Ouvertüre wird gern einmal am Übergang von der Kerkerszene zum Finale im zweiten Akt von „Fidelio“ gespielt, spiegelt sie doch den Weg vom Dunkel ins Licht. Die großen Themen von Florestan (Klarinette), Leonore (Oboe), die Ferntrompete und der Jubel des gesamten Orches­ters verkünden die Botschaft der Freiheit: Sprechende Musik auch ohne Worte, die Karina Canellakis mit den Wiener Symphonikern sehr plastisch und klar musizierte.
Auf der Seebühne wurde lediglich vor 30 Jahren „Der fliegende Holländer“ (mit Leuchtturm, Maschinen und einem riesigen Konzertflügel im Bodenseewasser sorgte auch diese Inszenierung schon für starke Bilder) gegeben, ansonsten ist das Opernschaffen Richard Wagners bei den Bregenzer Festspielen nicht präsent.
Doch in Einzelteilen konzertant oder halbszenisch kommen Wagners einzigartige Orches­terbehandlung und seine mystischen Erzählungen auch hier zum Klingen. Vor fünf Jahren dirigierte Philippe Jordan den stürmischen ersten Akt der „Walküre“, ebenfalls mit Andreas Schager. Im vergangenen Jahr tauchten die Wiener Symphoniker mit Andrés Orozco-Estrada halbszenisch ins „Rheingold“. Nun also Karina Canellakis mit dem dritten Akt aus dem „Siegfried“.

Orchestermatinee im Festspielhaus<span class="copyright">DIETMAR MATHIS</span>
Orchestermatinee im FestspielhausDIETMAR MATHIS

Durch Wagners Gewirk der Leitmotive und Wiederholungen hört man in den instrumentalen Vor- und Zwischenspielen und in den Gesängen von Wotan, Erda, Siegfried und Brünhilde eigentlich einen kleinen Querschnitt durch Wagners vierteiliges Welten­epos: etwa den Sturm, der nicht nur Natur spiegelt, sondern auch die innere Unruhe Wotans, der als Wanderer durch die Welt zieht. Die Dirigentin zeichnet ihn mit den allein acht Hörnern und Wagnertuben, der großen Gruppe der Holz- und Blechbläser und den brodelnden Streichern.
Wenn Greer Grimsley dann im eleganten Frack auftritt, kann er seine Stimme schlank und mit natürlicher Autorität führen. Seine Szene mit der Urmutter Erda ist ein Dialog auf Augenhöhe, denn Nadine Weissmann ist wie er Bayreuth-erfahren (durch Frank Castorfs „Ring“), textdeutlich und mit ihrer vollen Tiefe und Glut in der Mittellage auch am heißen Sommertag ein Ereignis.
Drei Tage vor der Premiere von „Siegfried“ in Bayreuth begeistert der Österreicher Andreas Schager mit jugendlicher Frechheit und ungestümer Lust im Wettstreit mit dem Wanderer, dem Naturburschen im Smoking stellt sich so leicht nichts entgegen. Wenn er dann Brünhilde aus ihrem langen Schlaf auf dem von Feuer umzingelten Felsen erweckt, blüht das Orchester in höchster Sinnlichkeit der Streicher und Bläser auf: Ricarda Merbeth lebt dieses Erwachen mit großer Präsenz mit, schwingt sich ein, um den jungen Draufgänger mit leuch­tender Stimme und leicht flackerndem Vibrato zu begrüßen.

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Orchestermatinee im FestspielhausDIETMAR MATHIS

Das hymnisch sich aufschwingende Liebesduett der großen Wagner-Stimmen wird vom Rausch des Orchesters getragen und mündet im Beifallssturm des Publikums. Die Wiener Symphoniker mit ihren Instrumentalgruppen genossen diesen Ausflug ins Wagnerfach mit großer Energie, Opulenz und Klangpracht und ließen sich von Canellakis’ klarem Dirigat inspirieren.
www.bregenzerfestspiele.com

Von Katharina von Glasenapp