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Neuen Lebenswillen durch Palliativstation

06.08.2022 • 10:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Wilfried Lützkendorf bei seiner Haustüre. Weiter hinaus kann er wegen den Schläuchen seines Sauerstoffgerätes nicht. <span class="copyright">Hartinger</span>
Wilfried Lützkendorf bei seiner Haustüre. Weiter hinaus kann er wegen den Schläuchen seines Sauerstoffgerätes nicht. Hartinger

Vor fünf Monaten ging es lungenkrankem Wilfried Lützkendorf schlecht.

Als die NEUE am Sonntag vor fünf Monaten über den 69-jährigen Wilfried Lützkendorf aus Hittisau schrieb, befand er sich in einer prekären Lage: Aufgrund seiner schweren Krankheit COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) war der alleinstehende Mann schon nach der kleinsten Tätigkeit wie Zähneputzen erschöpft, wegen Geldmangels konnte er sich aber kaum Hilfe von außen leisten. Der Mann, der immer ein Sauerstoffgerät benötigt, saß für gewöhnlich 24 Stunden am Tag allein in seiner Wohnung, schaute fern, aß Dosenessen und war Besucher und fremde Menschen nicht gewohnt. Kurzum: Es ging ihm nicht gut. Welch anderes Bild, als die NEUE am Sonntag ihn vergangene Woche erneut besuchte: Alleine durch das weiße Leinenhemd, das Wilfried Lützkendorf trägt, wirkt er frisch, er lächelt zur Begrüßung und freut sich über den Besuch. Auf die Frage, wie es ihm geht, antwortet er: „Recht gut.“ Beim ersten Treffen lautete die Antwort auf dieselbe Frage: „Schlecht.“

Roman Sutterlüty ist ehrenamtlicher Hospiz-Mitarbeiter und besucht Wilfried Lützkendorf öfters. <span class="copyright">Hartinger</span>
Roman Sutterlüty ist ehrenamtlicher Hospiz-Mitarbeiter und besucht Wilfried Lützkendorf öfters. Hartinger


Der Hauptgrund, weshalb es Wilfried Lützkendorf – einem gebürtigen Deutschen, der keine Angehörigen mehr hat – besser geht, ist: Im April war er drei Wochen lang auf der Palliativstation am LKH Hohenems. Diese Station und die Zeit dort haben ihm sehr gutgetan. Er drückt es so aus: „Die Palliativstation ist super. Ich möchte wieder da hin.“ Das Team habe ihm die Wünsche von den Augen abgelesen, die Mitarbeitenden seien ruhig und ausgeglichen und: „Niemand hat mich wegen des Rauchens verurteilt.“ Denn das könne er einfach nicht lassen.

Neue Freunde

Wilfried Lützkendorf war in der Palliativstation endlich einmal wieder unter Menschen und schloss Freundschaften. Ein Mitpatient – der Bürser Toni Fitsch, der dieselbe Krankheit wie er hat – besucht ihn nun regelmäßig in Hittisau. Fasziniert war Wilfried Lützkendorf auch von der Art und Einstellung von Patienten, die wussten, dass sie bald sterben werden. Vor allem ein Mann ist ihm in Erinnerung geblieben: „Die Ärzte gaben ihm noch sechs Wochen und trotzdem war er ruhig, gut drauf und humorvoll.“

Die Palliativstation ist super. Ich möchte wieder da hin.

Wilfried Lützkendorf, Pensionist


Auch wenn einige Patienten der Palliativstation dort sterben: Sie ist keinesfalls nur eine „Sterbestation“. Im Gegensatz zu anderen Stationen sind Ziel und Zweck der Palliativstation nicht die Heilung einer Krankheit, sondern die Linderung von Schmerzen und die Milderung von Symp­tomen, damit der Mensch wieder ein gutes Leben führen kann. Willi Lützkendorfs Krankheit etwa ist unheilbar. Gegen seine Panikattacken in der Nacht, die er aus Angst vor Ersticken hatte, kann man aber etwas tun. In der Palliativstation wurden seine Medikamente so eingestellt, dass er nicht mehr in Panik gerät und schlafen kann.
Die treibende Kraft, dass der früher selbstständige Glasbauer auf die Station kam, war die Hospizbewegung. Wie schon beim ersten Besuch der NEUE am Sonntag ist auch dieses Mal der ehrenamtliche Hospizmitarbeiter Roman Sutterlüty, der Wilfried Lützkendorf seit mehreren Monaten besucht, beim Treffen dabei. Er erzählt: „Weil Wilfried die Panikattacken hatte, hat die Hospiz die Palliativstation kontaktiert, und er wurde nach einem Vorstellungstermin aufgenommen.“

Die Palliativstation. Sie sieht nicht aus wie eine übliche Station eines Krankenhauses. <span class="copyright">Dietmar Mathis</span>
Die Palliativstation. Sie sieht nicht aus wie eine übliche Station eines Krankenhauses. Dietmar Mathis

Da er dort – im Gegensatz zu zu Hause – ein mobiles Sauerstoffgerät hatte, konnte er nach draußen gehen. Dadurch verbesserte sich seine Kondition. Um diese zu erhalten, bekam Wilfried Lützkendorf von der Palliativstation den Auftrag, täglich im Treppenhaus auf- und abzugehen. Allein, er kann nicht, weil er durch sein Sauerstoffgerät wortwörtlich ans Haus gefesselt ist: Die Schläuche, die mit dem schweren Gerät und seiner Nase verbunden sind, reichen so weit, dass er die Wohnungstüre öffnen und einen Schritt nach draußen tun kann. Aber keinen Schritt mehr. Das bedeutet nicht nur, dass er immer in der Wohnung ist, sondern auch, dass er für jede Fahrt, die er machen muss, einen Rettungswagen braucht. Das Gerät, das er jetzt hat, kann in keinem Auto transportiert werden.

Sich frei bewegen können

Der lungenkranke Mann bräuchte ein mobiles Sauerstoffgerät. Damit könnte er sich frei bewegen. Er hat zwar eine Überweisung zu einer Lungenfachärztin in Bregenz, die ihm eines verschreiben sollte, aber sie ist in einem längeren Krankenstand. „Die anderen Fachärzte im Unterland sind Privatärzte. Das kann ich mir nicht leisten“, sagt Wilfried Lützkendorf. Der nächste Lungen-Kassenarzt ist in Bludenz, womit sich folgendes Problem ergibt: Die Fahrt mit der Rettung muss Wilfried Lützkendorf selbst bezahlen, das Geld für die 134 Kilometer hin und retour hat er schlicht nicht.
Roman Sutterlüty sagt zu der Situation: „Ich würde so gerne einmal draußen etwas mit Wilfried unternehmen. Es geht ihm jetzt, im Vergleich zu der Zeit nach der Palliativstation, auch nicht mehr so gut. Damals hatte er, weil er hinauskonnte, Farbe im Gesicht und er hatte wieder einen Lebenswillen.“

Pflegestufe erhöht

Der Lebenswille ist jetzt zwar auch noch da, aber nicht mehr so ausgeprägt. Dennoch: „Es geht mir zurzeit definitiv besser als vor fünf Monaten, als der erste Artikel über mich erschien.“ Abgesehen von der Palliativstation hat sich in der Zwischenzeit auch sonst einiges Positives getan. Ein Hauptproblem von Wilfried Lützkendorf, das im ersten Artikel thematisiert wurde, war: Trotz seiner Krankheit und den daraus resultierenden Einschränkungen und Belastungen war er nur in Pflegestufe eins gereiht, wodurch er sich kaum ambulante Dienste leisten konnte. Mittlerweile wurde die Pflegestufe auf drei erhöht. Dadurch kann Wilfried Lützkendorf nun mehr Dienstleistungen des Mobilen Hilfsdienstes (Mohi) in Anspruch nehmen. Die Mohi-Helfer halten den Haushalt in Ordnung und kochen. Allerdings nicht jeden Tag, da sie nur zwei Mal pro Woche kommen.

So groß ist das Sauerstoffgerät, das der lungenkranke Mann braucht. <span class="copyright">Hartinger</span>
So groß ist das Sauerstoffgerät, das der lungenkranke Mann braucht. Hartinger


Wilfried Lützkendorf serviert beim Besuch der NEUE am Sonntag Cola. „Wenn ich schon mal welche habe, sollen sie auch Besucher trinken.“ Das ist großzügig von einem Mann, der so wenig Geld hat. Als das letzte Glas ausgetrunken ist, geht er – immer am Sauerstoff-Schlauch hängend – mit bis zur Wohnungstür und demonstriert, dass er nicht mehr als einen Schritt aus der Wohnung machen kann. „Ich kämpfe nun darum, dass ich ein mobiles Sauerstoffgerät bekomme.“ Dann lächelt er und sagt: „Ich freue mich auf den nächsten Besuch!“ Das sagte er beim letzten Mal nicht.