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Im Alltag braucht man es heimelig

09.08.2022 • 13:37 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Kopfkino von Salmhofer. <span class="copyright">NEUE</span>
Kopfkino von Salmhofer. NEUE

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Als Teen ging mir das unheimlich „auf den Senkel“, dass mir in der kleinen Stadt Bludenz, in der ich wohnte, nahezu jedes Gesicht bekannt war. Wie langweilte mich das mit 16! Wenn einmal ein Punk mit trashiger Musik den Postbühel hinaufgroovte, fand ich das gleich total urban.
Ich selbst hing mit Hippie-Klamotten, hennagefärbten Haaren und mit dem Musical „Hair“ im Ohr im damaligen Jugendzentrum ab und hoffte, diese mir ach so langweilige Welt zu ­verändern. Ich war dann dabei beim ersten Woodrock als Helferlein. Und da kamen dann Menschen, die hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen! Damals wurde mir bewusst, dass ich wohl eines Tages echtes Stadtfeeling brauchen werde. Und ja, in Wien ist es anders. Wenn ich dort Freunde und Bekannte zufällig auf der Straße traf, war das meist einen Überraschungsgrund wert, noch schnell auf einen gemeinsamen Kaffee zu gehen. Weil: „So oft passiert das wirklich nicht!“
Jetzt wohne ich in Hohenems, einer noch kleineren Stadt als Bludenz, und ich gestehe: Ich mag es total, die Gesichter der Menschen hier zu kennen und ein „Hallo Heidi!“ zugerufen zu bekommen, wenn man die Marktstraße hinauf flaniert. Inzwischen lebe ich über sieben Jahre hier und ich habe eine neue Begrifflichkeit von „Zuhause“ entwickelt. Früher war mein „Zuhause“ vor allem meine Wohnung und meine Freunde. Jetzt hat sich ein zweites Heimeligkeitsgefühl etabliert. Es ist nun auch diese kleine Stadt, in der ich wohne.
Die Nachbarin, die mir immer mal wieder Ribisel einfach so vor die Türe stellt. Der Stadtpolitiker, der mir unkompliziert hilft, das Bett meiner Tochter aufzustellen. Die Frau am Bankschalter, die mich jedes Mal mit einem so lieben Lächeln begrüßt. Das Sitzen beim Frisör, wenn sich gegenüber die Mutter einer ehemaligen Schulkollegin meiner Tochter gerade die Haare schneiden lässt. Und man quatscht ein bisschen über die 80er und Pubertätsprobleme der Kids, während einem die Frisur auf Vordermann gebracht wird. Man ist nicht mit jedem eng befreundet, aber irgendwo gibt es immer kleine Lebensverbindungen. Ich bin mir nicht sicher, ob das das Älterwerden ist, dass ich gesettelter werde und ich es liebe, mich manchmal zu fühlen wie in einer diesen verkitschten US-Vorstadt-Serien. Mein Teen-Ich lacht mich zwar gerade aus, aber ich denke, ich mag hier nicht mehr weg.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.