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Was Freud mit seinem Neid wirklich meinte

13.08.2022 • 13:58 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Kopfkino von Salmhofer
Kopfkino von Salmhofer

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Prinzipiell finde ich, dass jene Menschen mit XY- und jene mit XX-Chromosomen biologisch recht ausgewogen mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen, welche solch Chromosomenkonstellationen mit sich bringen, ausgestattet sind. Wir bleiben uns nichts schuldig. „Nidig“ bin ich als XXlerin den Männern nur eines. Nämlich – und ich sage es geradeheraus – die nahezu uneingeschränkte Möglichkeit, überall und jederzeit ihrem natürlichen Bedürfnis des Kloganges nachgehen zu können. Es gibt mannigfaltige Lebenssituationen, in denen sie damit ungerechterweise bevorteilt sind. Letztens sitze ich mit einem guten Freund am Rhein, wir plaudern ein wenig, dazu ein feines Glas Wein oder zwei, Schwäne, die vorbeiziehen und die Sonne, die wieder einmal einen bombastischen Untergang zelebriert. In meinem Kopf aber vor allem jener Gedanke, nicht zu viel Flüssigkeit (sei es Wasser oder Wein) zu trinken, da es naturbedingt weit und breit kein begehbares Häusl gibt. Was tun, wenn die Blase drückt? Hier? Aber selbst jede Vorsicht in Bezug auf meiner Flüssigkeitsaufnahme konnte es nicht verhindern. Der Drang nahm genau beim Aufbruch in Richtung Auto sehr nachdrückliche Ausmaße an. Während der Freund einfach nur ein „Moment!“ flüsterte und sich schnell hinter einem Baum versteckte, schweiften meine Augen hilfesuchend nach ausreichendem Buschwerk, weitab von betretbaren Pfaden. Kurz bevor ich dachte: „Jetzt ist es mir gleich total egal“, tat sich vor mir eine geeignete Waldfläche auf, die dennoch noch genug Platz bot, um eine verborgene Hockstellung ohne Dornenkontakt einzunehmen. Ein Segen.
Das Allerschlimmste aber ist es, wenn Frau Heidi in einem unerwarteten Stau steht. Gerade bei längeren Strecken zögere ich einen Toilettengang oft hinaus. Immer wieder fahre ich an einer Raststätte vorbei und denke mir: „Ich kann noch auf die nächste warten!“ Ein fataler Fehler. Denn genau dann gerate ich IMMER in einen noch unangekündigten Stau ohne erkennbares Ende. Und dann meint die Blase: „Jetzt!“, und genau dann rolle ich wie zum Hohn an am Pannenstreifen parkenden Autos vorbei, welche XYler in der Not abgestellt haben, um selbige loszuwerden. Wie glücklich sind jene, die ihren Po für ein notwendiges Bedürfnis nicht entblößen müssen. Ich suche einstweilen verzweifelt nach einem uneinsehbaren Straßengraben und überlege, wie ich eventuell meine Wasserflasche gekonnt einsetzten könnte und wieviel eine Polsterreinigung wohl kostet. Der wirklich einzige Moment im Leben einer Frau, bei dem Freud tatsächlich recht hatte.


Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.