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Wie die Milch 5000-mal teurer wurde

20.08.2022 • 19:09 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Einkäufe am Bregenzer Wochenmarkt sind vielleicht teurer geworden, doch kein Vergleich zu 1922. <span class="copyright">Hartinger</span>
Einkäufe am Bregenzer Wochenmarkt sind vielleicht teurer geworden, doch kein Vergleich zu 1922. Hartinger

Nach Erstem Weltkrieg litt Österreich unter einer Hyperinflation.

Die Inflation hat heuer den höchsten Wert seit 1975 erreicht. Vor allem die Energiepreise verteuern Waren und Dienstleistungen. Bei Nahrungsmitteln lag die Inflation gegenüber dem Vorjahr im Juni bei 11,3, beim Verkehr sogar bei 21,9 Prozent. Vorarlberg litt vor 100 Jahren, auch wenn das wenig tröstlich sein mag, unter noch rasanteren Preissteigerungen.

Krieg und Inflation

Groß war die Aufregung, als im August des Jahres 1922 der Milchpreis in Bregenz auf 1000 Kronen pro Liter stieg. Neun Jahre zuvor war dies noch das Jahresgehalt eines Lokomotivführers gewesen. „Diese Erregung wurde begreiflicherweise dadurch nicht kleiner, daß fast gleichzeitig auch bekannt wurde, daß ein Weggen Brot auf 2000 Kronen zu stehen kommen werde“, berichtete das Vorarlberger Volksblatt. Noch 1914 hatte die Milch 20 Heller gekostet – also 50 Mal weniger.

Der Erste Weltkrieg hatte massive wirtschaftliche Verwerfungen mit sich gebracht. Österreich-Ungarn hatte die Goldbindung seiner Währung, der Krone, aufgegeben, und die Menge an Papiergeld um das Zwölffache erhöht, um den Krieg zu finanzieren. Gleichzeitig wurden so viele Männer eingezogen, dass die Produktionswirtschaft zurückging. Die Inflation lag zwischen 1915 und 1918 jährlich im Schnitt bei 84 Prozent. Der Staat hatte zunächst durch kriegswirtschaftliche Eingriffe verhindert, dass die Bevölkerung die Hyperinflation überall zu spüren bekam. Lebensmittelpreise wurden festgesetzt und die Mieten auf dem Niveau der Friedenszeit eingefroren.

So sahen damals 1000 Kronen aus. <span class="copyright">Österreichisch-Ungarische Bank</span>
So sahen damals 1000 Kronen aus. Österreichisch-Ungarische Bank

Ende des Währungsgebietes

Nach Kriegsende brachen sich die Auswirkungen der Inflation jedoch endgültig Bahn. Der Staat konnte die Versorgung nicht mehr gewährleisten. Neben der Mangelwirtschaft und der großen Menge an Papiergeld trugen auch die Reparationszahlungen an die Siegermächte zum volkswirtschaftlichen Einbruch bei. Sie mussten in Goldkronen, also zum ursprünglichen Währungswert, geleistet werden, was der Wirtschaft zusätzlichen Boden entzog. Die Tschechoslowakei begann 1919 damit, Kronen-Banknoten abzustempeln und nur noch diese zu akzeptieren. Das schuf eine eigene Währung, wodurch die Geldmenge stabilisiert und die Trennung von den strauchelnden Volkswirtschaften der Kriegsverlierer ermög­licht wurde. Die tschechoslowakische Krone war bald zehn Mal so viel wert wie die ursprüngliche gemeinsame Währung.

Hohe Preise im Ländle

Hamsterkäufe setzten ein, was die Inflation zusätzlich ankurbelte. Auch in Vorarlberg versuchte jeder, sein Geld gegen Waren zu tauschen, wie ein Ökonom berichtete: „In Langen ist ein Bauer, der den Meter Holz um 24.000 Kronen nach Bregenz führte. Ein Herr aus Bregenz sagte ihm, er soll doch nicht so dumm sein, er gebe ihm in Langen 30.000 Kronen für den Meter. Kann man den Bauer schelten, daß er die Holzfuhr nach Bregenz einstellte und dafür einen höheren Gewinn erzielte?“ Die Wut der Konsumenten traf dennoch die Bauern, die den Gewinn einstreiften. Das Volksblatt versuchte als schwarzes Parteiorgan, die Menschen angesichts der Milchpreiserhöhung im August 1922 zu beschwichtigen. Wenn man die Hyperinflation wegrechne, so mahnte die Zeitung eher ungeschickt, sei die Milch sogar billiger als noch vor Kriegsausbruch. Allerdings waren natürlich weder die Gehälter noch die Milchproduktion im selben Ausmaß gestiegen.

Die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg führte zu absurden Preisen. So kostete ein Kilo Ochsenfleisch zu Ostern 1923 in der Harder Metzgerei Bero stolze 28.000 Kronen. <span class="copyright">Anno/ÖNB</span>
Die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg führte zu absurden Preisen. So kostete ein Kilo Ochsenfleisch zu Ostern 1923 in der Harder Metzgerei Bero stolze 28.000 Kronen. Anno/ÖNB

Doch auch die Bauern litten unter der Entwicklung. Die Landwirte mussten für ein Kilo Fettheu 600 Kronen zahlen, brauchten aber zwei davon für einen Liter Milch. Von den 1000 Kronen, die wiederum der Konsument in Bregenz dafür zu entrichten hatte, bekam der Milchbauer jedoch nur dreiviertel. Die Preise waren in Vorarlberg noch höher als in Wien. Am Bregenzer Wochenmarkt zahlte man Anfang August 1922 für ein Kilo Äpfel 1200 Kronen, während man sie in der Hauptstadt noch um 800 Kronen bekam. Das lag auch an der Grenznähe. Manch ein Vorarlberger Bauer führte seine Ware gleich lieber nach Lustenau, wo er bis zum Doppelten des üblichen Preises in harten Franken erhielt. Hatte man am 29. Mai 1914 noch 0,95 Kronen für einen Schweizer Franken erhalten, waren es am selben Tag 1922 2095 Kronen. Bereits einen Tag darauf kostete der Franken 117 Kronen mehr.

Die ökonomische Lage war zwar bereits zuvor prekär gewesen, hatte sich 1922 aber noch einmal verschärft: Die Inflation war im Vergleich zum Vorjahr von 205 auf 2877 Prozent hochgeschnellt. Die Preissteigerung und ihre Auswirkungen waren allgegenwärtig. Die Post erhöhte im August 1922 den Preis für ein einzelnes Scheckkuvert auf 20 Kronen. Dafür hatte man vor dem Krieg über 500 Postkarten bekommen. In diesem Preisstrudel schmerzten teurere Lebensmittle doppelt und dreifach.

in Klein-Auto wurde 1922 für fünf Millionen Kronen angeboten. <span class="copyright">ANNO/ÖNB </span>
in Klein-Auto wurde 1922 für fünf Millionen Kronen angeboten. ANNO/ÖNB

Unseliger Milchartikel

Wenige Tage nach dem Bericht über den Milchpreis verkündete das Volksblatt, dass man die Abopreise für den August 1922 erhöhe – rückwirkend. Die Abonnenten sollten zusätzlich 1300 Kronen für den laufenden Monat einzahlen.
Die Motivation dazu dürfte sich in Grenzen gehalten haben, denn der Milchpreisbericht stieß vielen sauer auf. Als Reaktion veröffentlichte das Volksblatt kommentarlos einen kritischen Leserbrief. Die Zeitung habe die Inflation für die Bauern schöngerechnet, so der Vorwurf darin. Die Preissteigerung komme bei den Konsumenten stärker an als beim Erzeuger. „Wessen Einkommen heute nicht beiläufig ebenfalls in dem Verhältnisse zugenommen hat, wie der Preis der Milch und ihrer Produkte gestiegen ist, der ist dem Bauer gegenüber wirklich ein armer Schlucker.“ Damit war der Friede jedoch noch nicht hergestellt. Die Zeitung sah sich zu einer neuerlichen Stellungnahme genötigt, in der sie festhielt, die Rechtfertigung der Preiserhöhung habe „viel Staub aufgewirbelt“, und „gerne würden wir allen unsere Spalten öffnen, wenn der Sache dadurch gedient wäre“. Man veröffentlichte schließlich eine mahnende Stellungnahme. Konsumenten und Produzenten sollten sich preislich doch in der Mitte treffen, hieß es darin.

Stabile Währung

Die Geldentwertung blieb auch in den Folgejahren hoch. Wofür man 1914 noch 100 Kronen hatte hinlegen müssen, kostete zehn Jahre später über eine Million. Das war auch bei den Zeitungsinseraten zu bemerken. Einerseits nahm deren Menge deutlich ab, andererseits wurde vielfach auf Preisangaben verzichtet, zu Tauschgeschäften aufgerufen oder eben ein inflationsangepasster Verkaufspreis genannt. So wollte ein Inserent Heu gegen Holz tauschen, einer forderte für ein Kleinauto fünf Millionen Kronen, und ein Metzger in Hard verkaufte das Kilo Ochsenfleisch zu Ostern 1923 für 28.000 Kronen.

Österreich bemühte sich, seine Währung durch außenpolitische Verhandlungen zu stabilisieren. Die Tschechoslowakei gewährte zunächst einen Kredit, der ab 1922 für Kohle- und Lebensmittellieferungen eingesetzt werden konnte. In der Folge organisierte der Völkerbund – die Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen – weitere Kredite, für die andere Staaten die Bürgschaft übernahmen. Mit ihrer Hilfe war die erneute Ausgabe einer an den Goldstandard gebundenen österreichischen Währung möglich. Die Einführung des Schillings stabilisierte die Lage schlagartig.

Die Inflation sank noch im Jahr 1925 auf jene etwa neun Prozent, die uns heute Kopfzerbrechen bereiten. Die Krone wurde zum Kurs von 10.000:1 umgetauscht, und der Rostbraten aus Hard kostete zu Ostern 1925 je Kilo 2,6 Schilling – die sich aber auch nicht jeder leisten konnte. Die Währung war zwar nun stabil, für die politischen Verhältnisse galt das jedoch nicht.

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