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Taiwan: Keine Landung chinesischer Truppen

21.08.2022 • 17:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Chinesischer Soldat bei einer Militärübung
Chinesischer Soldat bei einer Militärübung AP

Die Lage zwischen und China und Taiwan hat sich merklich zugespitzt.

Die Reise der US-Demokratin Nancy Pelosi war für China ein Affront und wird als schwere Verletzung der „Ein-China-Politik“ durch die USA angesehen. Die chinesische Volksbefreiungsarmee antwortete in den letzten Tagen mit massiven Militärmanövern rund um den Inselstaat. Sie übt den Ernstfall: Einen zukünftigen Krieg gegen Taiwan und die USA, obwohl es unter der amerikanischen Politik der „strategischen Ambiguität“ nicht klar ist, ob Washington im Fall eines chinesischen Angriffs Taipeh unterstützen würde. Droht nun ein bewaffneter Konflikt in Ostasien, der das Potenzial hat, zur nächsten Weltkrise zu werden?

Zumindest aus militärischer Sicht ist nicht davon auszugehen. Es ist nämlich fraglich, ob die chinesische Volksbefreiungsarmee in naher Zukunft überhaupt die Kapazitäten hat, die Insel anzugreifen, um sie zu besetzen.

Amphibische Operationen, also militärische Landungen an Stränden, sind die komplexeste Art von Militäroperationen. Es ist fraglich, ob Chinas Militär das notwendige Training und die Kondition hierfür hat.
Dann ist da noch die Frage, ob China die notwendige Ausrüstung für solch eine Operation hat.

Es gibt zum Beispiel wenig Evidenz dafür, dass die chinesische Kriegsmarine Truppenverbände in der notwendigen Stärke von China nach Taiwan verschiffen kann. Die chinesische Kriegsmarine besitzt etwa 90 einsetzbare Landungsschiffe, zu wenige für einen Großangriff. Bei einer Landung an den Stränden könnten in der ersten Welle wohl nur 24.000 bis 27.000 Soldaten angelandet werden, die mindestens 24 Stunden ohne Unterstützung durchhalten müssen, bis Verstärkung eintreffen würde. Dieser kleinen Truppe würden etwa 150.000 taiwanesische Truppen gegenüberstehen. Vor allem würde man das Überraschungsmoment brauchen. Taiwan hat aber ein ausgezeichnetes Frühwarnsystem, bestehend aus Radarsystemen, Aufkärungsfliegern, aber auch Spione in der Volksrepublik.

Wie steht es um die Luftwaffe?


Gleichzeitig ist unklar, ob die chinesische Luftwaffe die Kapazitäten hat, die Verbände vor gegnerischen Angriffen durch Raketen und Kampfflugzeuge zu schützen. Taiwan verfügt nämlich über eine große Anzahl an Flugabwehrsystemen. Was chinesische Lufttransportkapazitäten betrifft, könnten im Ernstfall wohl nur zwei Luftlandebrigaden, also etwa 6000 Mann, nach Taiwan gebracht werden. Das wäre für die Eroberung zu wenig.


Was wahrscheinlicher ist, ist ein hybrides Kriegsszenario: Durch eine Blockade in der Luft, zu Wasser und im Cyberraum könnte Taiwan vom Rest der Welt abgeschnitten und zum Aufgeben gezwungen werden. Auch hier ist aber unklar, ob die chinesische Marine diese Blockade aufrechterhalten könnte. Ähnliches gilt für den Luft- und Cyberraum. Dazu kommt, dass es eine große Schlussfolgerung aus dem Ukraine-Krieg zu sein scheint, dass solch eine hybride Kriegsführung nicht reichen würde, um ein Land in die Knie zu zwingen.


Im Gegensatz zu Russland würde China daher wohl schon am Anfang massiv angreifen und versuchen, die gesamte militärische Infrastruktur Taiwans zu vernichten. Das wäre eine chinesische Variante der amerikanischen „Shock-and-Awe“-Doktrin: Die erste Phase wäre ein massiver Angriff mit ballistischen Raketen – China hat weltweit das größte Arsenal von Kurzstreckenraketen sowie Marschflugkörpern –, unterstützt durch Cyberangriffe und elektronische Kriegsführung. Die zweite Welle käme nach der Zerstörung der taiwanesischen Flugabwehrsysteme.

Für solch eine Militäraktion ist China aber noch lange nicht vorbereitet. Eine Landung chinesischer Truppen in Taiwan ist also in naher Zukunft nicht zu erwarten.

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