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Null Bock – oder über den Luxus der Angenervtheit

27.08.2022 • 14:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kopfkino von Salmhofer. <span class="copyright">NEUE</span>
Kopfkino von Salmhofer. NEUE

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Ein Spaziergang oder gar eine Wanderung mit meinen Eltern war mir in sehr jungen Jahren ein Graus. Stupide irgendwelche Hügel hochlaufen, mir Blümchen und deren Namensgebung erklären zu lassen oder gar dem Enthusiasmus meines Vaters über die verschiedenen Gipfelhöhen Vorarlbergs zu lauschen, ließ mir einen Schauer des Grauens über den Rücken laufen. Lieber wollte ich in irgendeinem Park mit Freudinnen „abhängen“, über Jungs reden und mich darüber auslassen, wie unglaublich peinlich und öde diese Erwachsenenwelt ist. Aber es gab Momente, da ließen mir meine Eltern einfach keine Wahl und ich wurde dazu genötigt, mir die Wunder der Natur anzusehen. Wie langweilig ist das denn bitte! 33 Jahre später wusel ich mit Begeisterung durch die österreichischen Landschaften. Meine zwei Töchter im Schlepptau, nicht nur sprichwörtlich. Denn ich muss sie tatsächlich jeden Hügel hinaufziehen. Ich weiß zwar ganz genau, was in ihren Köpfen vorgeht – nämlich die pure Angenervtheit – dennoch erzähle ich mit Begeisterung über die Geschichten rund um – im konkreten Fall – die Burg in Dürnstein, während Tochter Zwei alle drei Sekunden jammert, dass sie ihre Beine nicht mehr spürt. Tochter Eins legt, wegen der unfassbaren Fadheit meiner Story, einen Zahn zu und will diese Ruinenbesteigung so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ich selbst bin noch immer total begeistert. „Schau mal, diese Stiegen sind vor mehr als 800 Jahren auch Kinder in eurem Alter hochgegangen. Vielleicht mit Körben voller Obst, Getreide oder Holz, um es zur Burg zu bringen!“ Die Tochter, die ihre Beine nicht mehr spürt, bleibt stehen und verdreht die Augen. „Die hatten sicher einen Esel dabei!“, und von weiter oben hallt mir entgegen: „…und keine Mutter, die ihnen die Ohren vollgequasselt hat.“ Jetzt war ich ein bisschen eingeschnappt. „Im Geschichte- oder Geographieunterricht werdet ihr das sicher einmal brauchen können!“, versuchte ich mich zu verteidigen. Wirklich Interesse konnte ich auch dadurch nicht wecken. Aber die zwei haben sich zumindest nicht gestritten, sondern waren sich einig, dass hier nichts wirklich spannend ist und auf all das keinen Bock haben. Während die zwei Mädels sich dann auf eine Bank gesetzt und Instagram-Fotos der Donau gemacht haben (wenigstens wissen sie jetzt, wie die Donau verläuft!), bin ich alleine durch die Ruine marschiert, begeistert über das Leben, dass hier einmal geherrscht hat. Aber auch vor 800 Jahren werden die 13-Jährigen keinen Bock auf die Hatscherei hier herauf gehabt haben. Damals konnten sie es sich nur nicht aussuchen. Wir leben in einer sehr privilegierten Zeit und Welt, dass unsere Teens grantig sein können, mit null Bock auf nix. Das ist schön!

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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