Allgemein

Freie Fahrt oder Bremsmanöver?

05.09.2022 • 17:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Freie Fahrt oder Bremsmanöver?
Bei VW wird “technisches Go” für Teilbörsengang von Porsche, Ertragsperle des Konzerns, erwartet.(c) afp/thomas kienzle

Volkswagen berät über Börsengang von Porsche.

Trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten will Volkswagen am Montag über einen möglichen milliardenschweren Teilbörsengang der Sportwagentochter Porsche AG entscheiden. Dazu soll der Aufsichtsrat am Abend beraten, um den Startschuss für das Vorhaben zu geben. Dabei werden sich die Mitglieder des Kontrollgremiums auch der düsteren Lage am Aktienmarkt, den nach den ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland verschärften Rezessionsängsten und steigenden Zinsen stellen müssen.

Ein Selbstläufer ist der Börsengang daher nicht. “Es ist das technische Go, mehr nicht”, sagte eine mit den Abläufen bei Volkswagen vertraute Person. “Man gleist das jetzt auf. Damit ist noch nicht gesagt, dass am Ende die Börsen-Glocke bimmelt.” Eine Absage des Börsengangs wäre allerdings mit einem herben Imageverlust für VW verbunden.

“Hier geht es planmäßig voran”

Nach einer möglichen Entscheidung, die Absicht zur Platzierung (“Intention to float”) zu veröffentlichen, werde man die Märkte weiter im Auge behalten, sagte der Insider. Es sei nicht sicher, ob der Börsengang am Ende auch stattfinden werde. Klar ist nach Meinung von Konzernkennern aber, dass Volkswagen den Aufsichtsrat nicht zusammenrufen würde, wenn der Plan aussichtslos wäre. In Kreisen der beteiligten Banken hieß es, man gehe davon aus, dass der Börsengang stattfinden werde. Volkswagen äußerte sich nicht dazu.

Volkswagen-Finanzchef Arno Antlitz bezeichnete einen Börsengang der Ertragsperle des deutschen Konzerns als Großprojekt. “Hier geht es planmäßig voran”, sagte er in einem am Montag veröffentlichten internen Interview, das der Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Für den Konzern sei das insbesondere deshalb ein zentrales Element, weil Volkswagen durch die möglichen Erlöse mehr Flexibilität bekomme und die Transformation beschleunigen könne. Auch die Aktie von Volkswagen soll von dem Börsengang von Porsche profitieren.

Mehr als 20 Prozent an Wert eingebüßt

Analysten gingen im Vorfeld von einer Bewertung des renditestarken Sportwagenbauers zwischen 60 und 85 Milliarden Euro aus. Unternehmenskreise halten den oberen Wert jedoch für zu hoch und rechnen auch mit Blick auf düstere Branchenprognosen mit einem Abschlag. In unsicheren Zeiten halten Anleger ihr Geld erfahrungsgemäß zusammen, was für ein geringeres Interesse an dem Börsengang sprechen könnte. Allerdings dürfte Volkswagen bereits mit institutionellen Anlegern gesprochen haben, um die Aktienplatzierung abzusichern. Bei einer Bewertung von Porsche unterhalb von 60 Milliarden Euro dürfte Volkswagen wohl die Reißleine ziehen.

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine haben die VW-Aktien mehr als 20 Prozent ihres Werts eingebüßt, ähnlich viel wie der europäische Index für die Automobilbranche. Dabei markierten die Titel des Autobauers Anfang Juli mit 120,56 Euro den niedrigsten Stand seit gut zwei Jahren. Seither erholte sich die Aktie etwas auf gegenwärtig knapp 145 Euro. An der Börse ist der Mehrmarkenkonzern mit Sitz in Wolfsburg derzeit knapp 87 Milliarden Euro schwer.

“VW sollte an seinem Timing arbeiten”

Analysten äußern seit Wochen Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Börsengangs in einem derart unsicheren Marktumfeld. Auch die Doppelrolle von Volkswagen-Chef Oliver Blume, der Porsche auch nach der Aktiennotierung in Personalunion weiterführen soll, gibt vielfach Anlass für Fragen.

Kritiker haben Volkswagen ohnehin schon länger wegen der Regeln für gute Unternehmensführung im Blick. Der Wolfsburger Autobauer und sein Hauptaktionär Porsche SE sind personell eng verflochten. “Die Familie Porsche/Piech kontrolliert VW und VW verkauft einen wichtigen Vermögenswert an die PAH (Porsche Automobil Holding SE), die von derselben Familie kontrolliert wird”, schrieb Daniel Schwarz von der Investmentbank Stifel. Er kritisierte auch den Zeitablauf. Der Plan für den Börsengang sei am selben Tag bekannt gegeben worden, als Russland in die Ukraine einmarschierte. Und die Absicht zur Aktienplatzierung von Porsche komme genau an dem Tag, als Russland seine Gaslieferungen an Deutschland einstelle. “VW sollte an seinem Timing arbeiten”, sagte Schwarz.

Teil der Kosten durch Sonderausschüttung finanzieren

Laut den am 24. Februar veröffentlichten Kernpunkten für den Börsengang soll das Grundkapital der Porsche AG je zur Hälfte in Vorzugs- und Stammaktien aufgeteilt werden. Bis zu 25 Prozent der Vorzüge, also 12,5 Prozent des Gesamtkapitals, sollen am Kapitalmarkt platziert werden. Die Porsche SE soll die Stammaktien zum Preis der Vorzugsaktien zuzüglich einer Prämie von 7,5 Prozent erwerben. Es wird damit gerechnet, dass die Porsche SE einen Teil der Kosten durch die Sonderausschüttung finanzieren wird, die im Zuge des Börsengangs geplant ist, und zudem Schulden aufnehmen wird. Ein Verkauf von Volkswagen-Anteilen gilt als unwahrscheinlich.”