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„Dann wäre ich maßlos enttäuscht“

07.09.2022 • 22:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Andreas Matthä ist seit 2016 Vorsitzender des Vorstandes der ÖBB Holding AG.<span class="copyright">APA</span>
Andreas Matthä ist seit 2016 Vorsitzender des Vorstandes der ÖBB Holding AG.APA

ÖBB-Vorstandssitzender Andreas Matthä spricht über die Auswirkungen der Strompreise auf die Preise im Personenverkehr.

Wie geht es den ÖBB angesichts der explodierenden Strompreise?
Andreas Matthä: Ein Drittel des Bahnstroms produzieren wir selbst, 20 Prozent werden in Partnerkraftwerken erzeugt. Den Rest kaufen wir über langfristige Verträge ein. Heuer haben wir preislich keinen Riesensprung, aber nächstes Jahr werden die Entwicklungen zunehmend spürbar werden. Wir sind bemüht, mit den eigenen Kraftwerken dämpfend auf die Bahnstrompreise zu wirken.

Werden Sie weitere Kraftwerke errichten?
Matthä: Wir wollen bis 2030 eine Milliarde investieren, in Obervellach sind wir in einem Modernisierungsschub, in Pinzgau ist ein Pumpspeicherkraftwerk im Bau. Das weltweit erste Windkraftwerk, das Bahnstrom erzeugt, und auch neue PV-Anlagen gehen in Betrieb.

Um wie viel steigen die Preise im Personen- und Güterverkehr?
Matthä: Die Preise im Personenverkehr werden wir zu Jahresende sehr moderat erhöhen, deutlich unter der Inflationsrate. Bei allen Schmerzen, die wir hier haben werden. Beim Güterverkehr sind wir vor allem im Ausland mit massiven Strompreiserhöhungen konfrontiert, teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Ich fürchte, es wird sich nicht vermeiden lassen, einen Teil dieser Steigerungen weiterzugeben.

Wie errechnen Sie die neuen Preise im Personenverkehr?
Matthä: Wir schauen uns im Oktober an, wie sich die Inflation entwickelt hat. Und bleiben deutlich darunter, das ist unser Ziel. Wir stehen hier aber massiv unter Druck. Wir wollen eher dämpfend auf die Inflation wirken. Wenn sich alle ein bisschen zurückhalten, hilft das in Summe der Wirtschaft.

Der Bahn-Güterverkehr verliert gegenüber der Straße an Boden?
Matthä: Wir versuchen daher in Österreich und in angrenzenden Ländern eine Diskussion zu führen, um den Preis für Bahnstrom zu reduzieren und so gegenüber der Straße konkurrenzfähig zu bleiben. Es ist für uns sehr schwierig, unseren Kunden stabile Kalkulationen zu geben.

Sie treten für ein Ende des Merit-Order-Prinzips ein. Was wäre die Alternative?
Matthä: Es ist nicht nachvollziehbar, warum wir für grünen Bahnstrom den Gaspreis als Bemessungsgrundlage heranziehen müssen. Im Bahnstrommarkt geht es um angemessene Kapitalverzinsung für die Erzeuger, damit wir günstige, umweltfreundliche Mobilität sicherstellen können.

Dann gäbe es unterschiedliche Preise je nach Erzeugungsart?
Matthä: Genau. Die Frage ist: Muss ich jetzt an einem System festhalten oder können wir grünen Strom vom Gaspreis entkoppeln und damit die Preise dämpfen?

Wechseln Güter-Kunden bereits von der Bahn auf die Straße?
Matthä: Wir haben jetzt sicher einen Wettbewerbsnachteil, weil die Transportkosten enorm steigen. Noch sehen wir keine stark abschwächenden Signale, auch weil es wenig Lkw-Fahrer gibt.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in die Herbstlohnrunde?
Matthä: Wir erwarten sehr schwierige Verhandlungen. Würden hohe Forderungen erfüllt, setzt man damit eine Spirale in Gang.

Gibt es noch Risiken bezüglich des Starts der Koralmbahn im Dezember 2025?
Matthä: Ich wäre maßlos enttäuscht, wenn die Koralmbahn Ende 2025 nicht in Betrieb gehen könnte. Wir haben auf vielen Baustellen immer wieder Lieferprobleme mit unterschiedlichen Teilen. Ich gehe davon aus, dass die Kollegen mit den Baufirmen dafür sorgen, dass wir pünktlich in Betrieb gehen.

Ist die Coronakrise überwunden?
Matthä: Wir hatten heuer noch ganz deutliche Unterschreitungen bei den Passagierzahlen, wir sind im Nahverkehr noch immer zehn Prozent unter dem Niveau von 2019. Im Fernverkehr sind wir 15 Prozent über dem Niveau von 2019.

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